Rainald Goetz bekommt den Georg-Büchner-Preis der Akademie für Sprache und Dichtung, die höchste Auszeichnung der deutschsprachigen Literatur. Und das ist eine gute Nachricht. Der 1954 geborene Schriftsteller galt schon seit einiger Zeit als Kandidat, schon lange wird er selbst von traditionsversessenen Kritikern nicht mehr als Popliterat gehandelt. Ein sonderbares Schmähwort, mit dem bereits manch andere Autoren bedacht wurden, die sich eher in der Gegenwart zu Hause fühlten als in vergangenen Epochen. Die tristen Royalisten im Berliner Adlon der Neunziger ebenso wie vormals Rolf Dieter Brinkmann.

Goetz und die unmittelbare Gegenwart sind immer eine besondere Verbindung eingegangen, mittlerweile heißt es sogar, er sei deren "Chronist". Und das mag stimmen, wenn das Hochamt des Chronisten bedeutet, gegen die Vergänglichkeit anzukämpfen, den Moment zu konservieren in Sprache, mit dem Wissen, dass der Augenblick schon wieder vergangen sein wird, sobald man ihn notiert hat. Das klingt allerdings nach Schwulst, und Schwulst würde man bei Rainald Goetz nie finden, Überreiztheit ja, aber Schwulst nie.

Vielleicht sagt man besser: Alles ist Jetzt, und das Erzählprogramm von Rainald Goetz ist es, das Dilemma von Gleichzeitigkeit und Flüchtigkeit festzuhalten. Sofortismus, gewissermaßen. "Alles, was man weiß, vergessen", schreibt Goetz in Hirn. Die einzige Reaktion auf die Zudringlichkeit der Welt kann nur in deren Protokoll bestehen, die zugleich ein Protokoll der eigenen Überforderung sein muss. 

Lenz der Großstadt

Wenn Büchners Lenz im Gebirge verrückt wird, dann ist Rainald Goetz der Lenz in der Großstadt, der versucht, nicht irre zu werden. Wobei hier überhaupt die Frage ist, wer irre ist, wer ist drinnen und wer draußen, wer ist Insasse und wer nicht: "So spricht das neue Geschlecht. // Verrücktheit / Der Blödsinn, die Zerstreutheit, die Faselei / die eigentliche Narrheit /Tollheit oder der Wahnsinn // Verlorenheit als Einzelne", so steht es in Irre, dem ersten Roman, den der promovierte Mediziner 1983 veröffentlichte.

"Einfaches, wahres Abschreiben der Welt", heißt es in Subito, dem Text, den Rainald Goetz einst beim Bachmannwettbewerb las (Rasierklinge usw.) – so gesehen steckt hierin Goetz' Idealvorstellung von Literatur. Und wenn Literatur immer die poetische Aneignung der Welt meint, kann man die Werke von Rainald Goetz auch als Versuche verstehen, sie wieder auszuspucken, es muss "geschrieben werden, so wie der heftig denkende Mensch lebt".

Das Stottern des Hirnautomaten

Das erfordert nicht die romantische Dichtereinsamkeit, sondern eben das Ausgesetztsein im Material. Im Gequassel, im Palaver, dem Rauschen und Stottern des "Hirnautomaten" und der Echos da draußen. Viele von Rainald Goetz' Büchern sind Verschriftlichungen eines bebenden, nervösen Ichs, das keinen Frieden braucht, weil es den Krieg in sich hat, Endmoränen einer hyperaktiven Wahrnehmung. Die Energie seiner Prosa entsteht vor allem aus der Unmittelbarkeit, mit der sich Wirklichkeit aufbläht, in Zeitungsartikeln, Lektüren, Fotografien, Notizen, Fernsehen, intellektuellen Diskursen, Musik und im inneren Erleben. Ich und Welt als Material, der Pop, die Dämonen, Hyperrealismus, Hyper Hyper.

Blankes Unbehagen anstelle von vornehmer Kulturkritik

Man taucht in Goetz' Bücher und betritt einen Kosmos aus übermütiger Affirmation und Negation, einen Kosmos der Wut und des Hasses, der sich in kleistschen Satzgirlanden entlädt, in Suadas und Tiraden, in denen die "überdrehte egomane totalitäre manichäisch mutige Sprechweise" (Goetz über Goetz) deutlich wird, für die er mit Recht bewundert wird. Über New Yorker Frauen steht in Hirn: "das ganze Pack der weißen reichen dummen bis zur Austrocknung gesundtrainierten schmuckbehängten Tanten, deren jeder ich gerne eigenhändig eine Abfalltüte über den verwöhnten Kopf stülpen möchte und dann am Hals zuknoten, daß eine Ruhe wäre".

"Dein Leib komme" mit 200 BpM

Goetz’ Wut ist keine, die sich als vornehme Kulturkritik tarnt oder eine Gegenwelt entwirft. Sie ist blankes Unbehagen, hochdrehende Gefühlsrealität, und die beherrscht Goetz’ in der deutschen Gegenwartsliteratur wie vermutlich niemand sonst. In seinem selig entrückten Technoroman Rave, geschrieben in den "hellen, glücklichen neunziger Jahren", findet man die versprachlichte Ekstase, ein "Dein Leib komme" mit 200 BpM. Metaphysik in nachmetaphysischen Zeiten, in denen alles Pop ist und wird: Musik, Ausgehen, Trinken und Luhmann.

Viele seiner Texte wären geeignet, ihnen eine Epilepsiewarnung voranzustellen. Texte, in denen sich die eigenen Gedanken immer schon an der Sprache zu beweisen haben, mit der sie formuliert werden. Sprachgefühl, das sei die innere Letztethik, hat Goetz zum Antritt seiner Poetikdozentur in Berlin gesagt. Und wenig sei schlimmer als "Goethianische Sprachvermufftheit" oder das "Rentneroide" der Erwachsenen, die wissen, wie die Welt zu laufen hätte. Allein an diesen Wörtern erkennt man den rasenden Wortschöpfer und Wortzerfetzer, durchaus, so könnte man sagen, mit einem Hang zum Prätentiösen, an dem sich Literaturkritiker gelegentlich aufrieben.

Zuverlässig kalthassend

Genauso wie sie sich an den auf den ersten Blick wüsten Textkörpern stießen, als die man Goetz’ Prosa verstehen kann, wie das selbstbezügliche Gedankenkonvolut Abfall für alle. Manchen fehlte darin die Poesie und der Formwille, aber Rainald Goetz scheint nun einmal niemand sein zu wollen, der die Welt als Weinberg begreift, sondern lieber als Steinbruch. Abfall für alle war die literaturgewordene Form des Internetblogs, in dem Goetz die Möglichkeiten der damals neuen Textgattung allererst bestimmte. Da war es: das gigantische Weltabschreibungsprojekt, das mit einem "Los geht's!" beginnt und von einem "Gegenwärtigkeitsflash" zum nächsten rast. Knapp 900 Seiten zersplitterte, zertrümmerte, neukonfigurierte Wirklichkeit und eines der beeindruckenden literarischen Produkte der neunziger Jahre.

Und im Kleinen kam diese Prosa wieder in Klage und im Bändchen loslabern, das im Literaturbetrieb wiederum auf Gegenliebe stieß, weil manche sich selbst darin erkannten und geschmeichelt fühlten, und das selbst, obwohl der zuverlässig kalthassende Goetz sie beleidigte.

Nun heißt es mit den Worten des Schriftstellers: "Los ihr Ärsche, ab ins Subito!"

Radischs Lesetipp: "Loslabern" "Loslabern" von Rainald Goetz