Es muss so 1976/77 gewesen sein, als Klaus Wagenbach wieder einmal in eine finanzielle Krise geraten war. Der Verleger tourte also durch die linken und alternativen Buchhandlungen der Republik, um ein bisschen zu trommeln. Das Publikum im Freiburger Szenebuchladen Jos Fritz saß und stand eng gedrängt, es war vorwiegend langhaarig, bärtig und rauchte. Wagenbach fühlte sich da wie ein Fisch um Wasser. Eine Bemerkung von ihm wurde am Deutschen Seminar der Universität noch tagelang kontrovers diskutiert. Er machte sich über die Schriftstellerin Gisela Kraft lustig, die gerade von Westberlin in die Hauptstadt der DDR umgezogen, also eine richtige DDR-Bürgerin geworden war. Ihr Argument dafür lautete: "Ich brauche keine dreißig Käsesorten, mir genügen drei!" Bei diesen Worten lief Wagenbach zur Hochform auf. Dreißig, fünfzig, hundert Käsesorten müssten es sein, wie in Italien! Es sei eine Katastrophe, Kommunismus und Sinnlichkeit für einen Gegensatz zu halten! Da zog sich ein Raunen durch die Menge. Niemandem mehr ging das mit den hundert und zweihundert Käsesorten aus dem Kopf. Wagenbach hatte diverse Identitätsschübe ausgelöst.

Man muss von ihm eigentlich immer im Plural sprechen. Sämtliche unübersehbaren, unüberschaubaren Facetten von Wagenbachs Wesen sind nie in irgendeiner Form zusammenzubringen. Die "Kafka-Witwe" sträubt sich dagegen genauso wie der linke Kommunarde der sechziger Jahre, dessen Grabrede für Ulrike Meinhof in politisch extrem aufgeladener Zeit ein erstaunliches Zeugnis intellektueller Unbestechlichkeit war. Der unabhängige Westberliner, der als erster Verleger nach dem Bau der Mauer programmatisch ein gesamtdeutsches Profil anstrebte und mit Johannes Bobrowski einen deutschen Jahrhundertlyriker entdeckte, ist genauso widerspenstig wie der Italiensucher, der mit Pasolinis Freibeuterschriften im Jahr 1978 mitten in die Kakophonie der bundesdeutschen Linken einen Paukenschlag setzte und einen ungeahnten Rhythmuswechsel einleitete.

Bald nach Kriegende war der junge Klaus Wagenbach mit dem Fahrrad nach Italien gefahren, wo er die verwirrenden Erscheinungsformen des alltäglichen Lebens dort noch unvermittelt wahrnehmen durfte und dies als bleibendes Geschenk erfuhr. Und beim Hersteller des Suhrkamp-Verlags vormals S. Fischer, Fritz Hirschmann, lernte er gleichzeitig Kafka kennen und die diversen Möglichkeiten von Papier und Schrift, Grammgewicht und Laufrichtung, Palatino und Aldus und Melior. 

Kafka auf Rezept

Wagenbachs Dissertation über den jungen Kafka war ein Geniestreich der fünfziger Jahre, und wie sehr er darüber Bescheid wusste, wurde bei seinem Tagungsbericht über ein Treffen der Gruppe 47 deutlich, als jeder der vorlesenden Debütanten sich in dem Mystisch-Absurd-Einsamen aus Prag wiederzufinden schien: "Für junge Autoren sollte Kafka rezeptpflichtig sein." Das Schöne an Wagenbachs Kafka-Forschung ist sein Positivismus ("Wir haben systematisch alle Grabsteine umgedreht"), der dem Prag-Besucher bis heute nützliche Hinweise mit auf den Weg gibt. Wagenbach bewahrt in seinen unzähligen Kafka-Büchern und Kafka-Perspektivwechseln aber auch etwas ganz Zentrales, dasselbe, was Kafka selbst für seine Karriere bei der "Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt für das Königreich Böhmen" so hinderlich gewesen war: Kafkas "unziemliches Gelächter" nämlich. Es stand ihm bei der Beförderung zum Konzipisten empfindlich im Weg.

Wagenbach allerdings ist zeitlebens auch ein Konzipist gewesen. In seiner Biografie folgte ein charakteristischer bundesdeutscher Bildungsroman: Trennung vom Verlag S. Fischer (wegen unterschiedlicher Haltung zur DDR) und Gründung des eigenen Verlags 1964, Wahlkampf für Willy Brandt 1965, Verleger von Erich Fried (und vietnam und, eine Schlüsselschrift für die 68er-Bewegung) und von Ulrike Meinhof. Zur Tagung der Gruppe 47 in Princeton/USA im Jahre 1966 fuhr Wagenbach wegen Flugangst mit dem Schiff, zusammen mit dem Ehepaar Grass. Grass selbst trug den Abschnitt über diese Reise bei der offiziellen Feier von Wagenbachs 80. Geburtstag 2010 im Berliner Ensemble vor, und das hatte Stil: "Grass fuhr erste Klasse, ich dritte, in der zweiten trafen wir uns zum Skatspielen."