Eine Stadt hat immer eine Rückseite und eine Vorderseite, hat Joseph Roth aus Lemberg geschrieben, weil es dort ausgerechnet nicht galt. In München gilt es dafür umso mehr. Helmut Dietl zufolge gibt es dort eine Welt vor den Gardinen und eine sehr viel abgründigere, ausschweifendere, interessantere dahinter.

Dass man in München an der kollektiven nächtlichen Selbsteinkehr nur teilnehmen kann, wenn man vorher eingelassen wurde, kann man wahlweise für einen bürgerlichen Komplott oder einen sozialen Ausschlussmechanismus halten. Man kann aber zum Beispiel auch einfach klingeln. Macht man natürlich nicht, weil es sich nicht gehört. Aber wo das Gebotene aufhört, fängt die Literatur ja im besten Falle erst an.

Möglicherweise setzt der Band nachts, den die Münchner Journalistin Mercedes Lauenstein gerade veröffentlicht hat, deshalb genau an diesem Punkt ein: Eine namenlose Ich-Erzählerin streift nachts durch die Straßen von München und klingelt bei der jeweils letzten Wohnung, in der noch Licht brennt. Das ist natürlich etwas sonderbar, das sprechen auch die Leute immer wieder an. Andererseits sind sie um diese Zeit ja auch noch wach, und haben sie etwa einen Grund dafür? Deshalb: Wein? Zigarette? Oder gleich: Pfeifchen?

Die Zukunft ist theoretisch

Auf ihren Streifzügen trifft die Erzählerin tendenziell Gemütsmenschen, die in ihren Wohnungen sitzen und über die Vergangenheit nachdenken. Oder sich gerade von ihr erholen. Jedenfalls etwas Größeres hinter sich haben: Trennungen, Umzüge, Trauerfälle. Am nächsten Tag haben sie meist nichts zu tun, die Zukunft ist immer eher theoretisch. Man könnte, man sollte. Jetzt ist man aber erst mal hier, und das ist ja auch nicht schlecht.

Die Nacht stehe wie ein zweiter begehbarer Raum neben dem Tag, sagt einer, der Hardy heißt. Eine andere, Johanna, "arbeitet nebenbei in einer PR-Agentur und verfasst Werbetexte für Beauty-Produkte". Und wenn das der Tag ist, klingt die Nacht eben so: "'Das ist echt der größte Scheiß, den du dir vorstellen kannst', sagt sie, lacht und steckt sich eine Zigarette an. 'Ich muss da kündigen.'"

Auch die Ich-Erzählerin tritt in erster Linie als Reflexion in Erscheinung, wenn sie sich etwa in Balkontüren und Brillengläsern spiegelt. Der Zigarettenrauch hängt in diesen Momenten regungslos in der Luft, von den Straßenlaternen golden illuminiert. In den halb vollen Rotweinflaschen bricht sich das Mondlicht: "Momente allein am Fenster, wenn alles außenherum dunkel ist. Das stille, gemächliche Rauchen in die leere, kühle Nachtluft, das Schweifenlassen des Blickes und das Sich-erhaben-Fühlen." Normalerweise tauchen solche Stillleben eher in den visuellen Künsten auf, bei Malern oder Regisseuren, bei Edward Hopper, Wong Kar-Wai oder Jim Jarmusch. Urbaner Essenzialismus.

Flucht ins Idyllische

Das Buch von Mercedes Lauenstein funktioniert eher wie eine Ausstellung als eine geschlossene Erzählung. An einigen Geschichten geht man einfach vorbei und erinnert sich später, dass man ja noch mal wiederkommen wollte. Was man dann sieht: alleinstehende Städter, die in kleinen Wohnungen wach liegen und sich in Schweigen hüllen, in diesem Fall allerdings nicht ihr eigenes, sondern das der Stadt. Das läuft alles auf nichts hinaus, außer auf noch mehr Dunkelheit. In dieser Verweigerungshaltung kann man es sich sehr leicht bequem machen: Die Prosa von Mercedes Lauenstein fühlt sich immer dann am wohlsten, wenn sie ins Idyllische entkommen ist.

Warum das nächtliche Übrigbleiben trotzdem oft so sinnstiftend ist, erläutert das Buch selbst: "Nachts spürt man die Fahrt auf dem Weltball wie auf einem Boot, das sehr langsam durch den dunklen Tunnel in einen Freizeitpark gleitet. (…) Wenn die Sonne dann wieder aufgeht, wenn das Boot also aus dem Tunnel herausfährt und alles wieder laut und schreiend und gemeinschaftlich und vermischt ist und man nicht weiß, wo man zuerst hingucken soll – da die Achterbahn, da die Kinder mit den Luftballons und die quäkenden Babys und das ganze aufgekratzte Irrenland, kann man nichts mehr erkennen von dem, was einem da im Tunnel so klar erschien." In diesem Schein liegt vielleicht die eigentliche Perfidie der Nacht: Sie scheint so hell, dass sie blendet.