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Peter Bunjevac wurde 41 Jahre alt. Er starb 1977 bei dem Versuch, eine Bombe zu bauen. Tagsüber war Bunjevac Minenarbeiter und abends Terrorist. In Kanada, wo er im Exil lebte, bekämpfte er als Teil einer serbischen Untergrundgruppe die kommunistische Tito-Regierung.

Nina Bunjevac ist heute 41 Jahre alt. Bis sie 14 war, sprach nie jemand über ihren Vater, sie ging davon aus, dass er bei einem Autounfall gestorben sei. Ihr Comic Vaterland ist die Rekonstruktion seines Lebens, der späte Versuch, einen Menschen zu verstehen, den sie nie richtig kennengelernt hat. Es ist ein Buch über Familie, Trennung, Exil und die von so vielen Verwerfungen geprägte jüngere jugoslawische Geschichte.

Zwei Teile hat Vaterland. Zunächst sortiert Nina Bunjevac die Erzählungen ihrer mütterlichen Verwandtschaft und ihre eigenen Erinnerungen, etwa an einen frühen Kindergeburtstag. Ihre Mutter war 1975 mit Nina und ihrer Schwester zurück nach Jugoslawien gegangen. Sie hatte es nicht mehr ertragen: ihren Mann, der abends trank und nachts verschwand; zugleich hatte sie Angst vor einer Vergeltungstat gegen ihre Familie. Es war eine als Urlaub getarnte Flucht, Ninas Bruder blieb in Kanada. Bunjevac ist es ein Anliegen, die verheerenden Auswirkungen von Krieg, Politik und Nationalismus auf die Einzelnen zu zeigen. Auffällig ist, wie verhärmt sie die Gesichter ihrer Familienmitglieder immer wieder darstellt.

Im zweiten Teil geht sie weiter zurück in der Zeit, bis in die Generation ihrer Urgroßeltern und darüber hinaus. Peter Bunjevacs Vater war ein Trunkenbold, der seine Frau misshandelte. In einem Vernichtungslager des kroatischen Ustascha-Regimes starb er. Die Mutter folgte wenig später. Tuberkulose. Peter kanalisierte seinen Schmerz in Gewalt, tötete die Gänse und Katzen seines Heimatdorfes.

Der Schrecken des Zweiten Weltkriegs, als Faschisten gegen Partisanen kämpften, Kroaten gegen Serben und Royalisten gegen Kommunisten, prägte Peter für sein Leben, so wie er auch Jugoslawien prägte: ein Riss ging durch Familien. 

Misstrauen und Denunziantentum

Auch im fernen Amerika konnte man sehen, wo jemand stand, weil er entweder ein Foto Titos in der Wohnung stehen hatte, oder eines des royalistischen Partisanenführers Draza Mihailovic. Dass Peter Bunjevac sich auf die Seite der Antikommunisten schlagen würde, war dabei gar nicht selbstverständlich. Eine Dummheit sorgte für sein Ausscheiden aus der jugoslawischen Armee und letztlich für sein Exil in Kanada, in einem Flüchtlingslager in Österreich lernte er die falschen Leute kennen.

Immer wieder schaltet Bunjevac die Ereignisse der jüngeren jugoslawischen Geschichte in den Lebensweg ihres Vaters, erzählt auch von den Säuberungen der Nachkriegszeit, die von Misstrauen und Denunziantentum geprägt war. Die Niederschrift ihrer Recherchen zur Geschichte hatte zunächst rund achtzig Textseiten umfasst, die sie anschließend hart ausdünnte und verdichtete. Sehr behutsam musste sie dabei sein, sagt Bunjevac. Besonders schwer wäre es gewesen, aus den zahlreichen, ideologisch beeinflussten Versionen von Geschichte die Fakten herauszuarbeiten.