"Ein argentinischer Philip Roth" sei Piglia, schreibt Le Nouvel Observateur. Man könne nach der Lektüre seines neuen Romans nicht mehr schlafen. Tatsächlich mag viele Leser dieser intelligente, melancholische, beunruhigende Text noch lange beschäftigen.

Realer Hintergrund der Romanhandlung: Zwischen 1978 und 1995 hielt ein literarisch bewanderter Serienmörder inspiriert von einer Joseph-Conrad-Lektüre die US-amerikanische Gesellschaft in Atem – der bis dahin teuerste Fall, den das FBI erst nach 16 Briefbomben, drei Toten und 23 Verletzten lösen konnte. Die Opfer: meistens Wissenschaftler. Der Unabomber, Theodore Kaczynski, (bei Piglia: Thomas Munk) war ein hoch angesehener Harvard-Mathematiker, der sich in die Wälder Montanas zurückgezogen hatte, gegen einen technisierten Kapitalismus vorgehen wollte und meinte, sich nur mit Bomben Gehör verschaffen zu können. Erst als er forderte, die New York Times solle sein Manifest drucken, dann würde er aufhören, erkannte ihn sein jüngerer Bruder an einigen Ideen und Formulierungen.

Man ahnt bereits, was Piglia an dem Stoff interessiert haben mag: die Verbindung von Aggression und Intelligenz, das Verhältnis von Universität und Politik, die Relevanz von Sprache und Literatur für das ganz handfeste Leben.

Eine brillante, sarkastische Frau

Der Roman wird erzählt von Piglias lang bewährtem Alter Ego Emilo Renzi, einem Autor aus Buenos Aires. Er befindet sich mitten in einer Schaffenskrise, als ihn die Einladung einer Universität in New Jersey erreicht: Er soll dort als Gastdozent ein Seminar über den argentinisch-britischen Autor W.H. Hudson geben. Hinter der Sauberkeit und dem Reichtum der amerikanischen Kleinstadt entdeckt er bald abgründige Parallelwelten. Piglia selbst hat 15 Jahre lang Literatur und Film in Princeton gelehrt, bevor er nach Buenos Aires zurückkehrte, und schreibt vor dem Hintergrund dieser Erfahrung. Die Atmosphäre an der Universität schildert er sehr genau, sehr dicht. Renzi verliebt sich in Ida Brown, den Star der Universität, eine brillante, sarkastische, schöne Frau, die zugleich radikal und angepasst zu sein scheint. Die beiden beginnen eine aufwühlende Affäre, natürlich geheim, Renzi vergöttert sie. "Sie war typisch amerikanisch: intelligent, begeisterungsfähig und sehr ordentlich, eine junge Frau, die frühmorgens durch die Alleen joggte und dabei ihren Puls und Atemrhythmus mit dem Messgerät an ihrem linken Handgelenk kontrollierte." Wenig später stirbt Ida bei einem Autounfall.

War es tatsächlich ein Unfall? Ihre rechte Hand ist verbrannt, als hätte sie etwas Entzündliches darin gehalten. Was war das für Post, die sie unmittelbar vor dem Unfall bei sich trug? Wurde sie Opfer einer Briefbombe, oder war sie etwa Komplizin des Serienmörders, den das FBI sucht? Idas Name ist Symbol: "Ida" bedeutet Hinweg, im Original heißt das Buch "El camino de Ida": Idas Weg/ der Hinweg/ der Weg ohne Rückkehr.

Spannungsgeladene Dialoge

Hier setzt eine Art Krimiplot ein, der an frühere Piglia-Romane erinnert. Jetzt kommen die Ermittler ins Spiel, die Verdächtigungen gehen in alle Richtungen, unter den Verhörten befindet sich auch Renzi selbst: "Ich kannte das Genre gut, es beginnt mit einer Reihe Fragen, um 'die Schraube zu ölen', wie es im Jargon heißt." Der Zusammenhang zwischen Idas Tod und Munks Taten wird nie geklärt, obwohl Renzi herausfindet, dass die beiden sich kannten. Nach dessen Festnahme besucht Renzi Munk im Gefängnis, eine sehr starke Szene, die Piglias Meisterschaft darin zeigt, ganze Handlungsstränge auf spannungsgeladene, bewegende Dialoge hinauslaufen zu lassen. Wie Kaczynski während seines Prozesses 1996 weigert sich Munk im Roman, sich für unzurechnungsfähig erklären zu lassen, weil sein Anliegen dann nicht mehr ernstgenommen würde. Munk kostet das, anders als sein reales Vorbild, das Leben.

Piglia interessiert sich nicht allzu sehr für das Dokumentarische, sondern mehr für die großen Zusammenhänge von Munks Worten und Taten. Immer wieder unterhält sich Renzi mit seiner Nachbarin, einer Exil-Russin, über seine argentinischen Erfahrungen in der Repression, über Idas Tod, das Leben in den USA, die Russische Revolution, über Tolstoi und dessen Schilderung einer alternativen Lebensweise.