© Carlsen Verlag

Für das erste Comicalbum gibt es eigentlich so etwas wie Welpenschutz. Man kann schließlich nicht gleich alles auf einmal wissen oder können. Das muss sich entwickeln. Außer man ist Scott McCloud. Der hatte zwar lediglich in den achtziger Jahren einige ironische Superheldencomics gezeichnet, ist aber praktisch jedem Comicfan ein Begriff. Mit Comics richtig lesen verfasste er 1993 ein Standardwerk der Comicforschung: ein Comic, das Comics erklärt, in dem ein junger Scott McCloud in Collegelook mit Spiegelbrille durch die Seiten läuft und mit spielerischer Didaktik und süffisantem Humor Grundlegendes über Semiotik, induktive Wahrnehmung, Bewegungslinien oder Kunstgeschichte erzählt. Er ist zurecht hoch angesehen in der Szene und darüber hinaus, hielt Vorträge vom M.I.T. bis Stanford. Auch das 24-Stunden-Comic soll er erfunden haben.

Doch wenn so einer schließlich seine erste – hier ist dieses Marketingzauberwort mal angemessen – Graphic Novel fertigstellt, dann ist der Ruhm auch ein Problem. Dann darf man von einem gewissen Erwartungsdruck ausgehen. Oder hat man mit 54 Jahren die Bierruhe, über so etwas zu stehen? "Wer sagt, ihm wäre das egal, der lügt", sagt Scott McCloud während seiner Europatour in Leipzig. Und, ja: "Wenn ich nun allen erkläre, wie man Comics macht, ohne das selbst zu können… na ja, das sieht nicht allzu gut aus, oder?" Er lacht. "Aber es war ein guter Druck, denn er hat mich dazu gebracht, hart zu arbeiten."

Dabei ließ sich McCloud mit Der Bildhauer nicht dazu treiben, das Medium, das er so gründlich vermessen hat, neu definieren zu wollen. Zwar spielt er umfassend mit Rückblenden und Schattierungen, variiert Perspektiven und Zoomstufen, die Größe und Anordnung der Panels und das Tempo zwischen ihnen. Sein Zeichenstil aber bleibt konventionell und auf gestalterische Metaebenen verzichtet er. Die gibt es dafür inhaltlich. Es geht ums Kreativendasein, um Schaffenskrisen und die Balance zwischen Geldverdienen und Selbstverwirklichung. Und, um es noch eine Nummer größer zu machen: Es geht um die Frage, was von uns bleibt und wofür wir existieren.

Die Hauptfigur, David Smith, ist ein junger Bildhauer, der auf dem Tiefpunkt seiner noch kurzen Karriere dem Tod begegnet, verkleidet als sein Großonkel. Der macht ihm ein Angebot: David erhält die Gabe, allein mit seinen Händen jeden Stoff zu formen und so in Minuten alles nur Erdenkliche zu schaffen. Dafür hat er noch höchstens 200 Tage zu leben. Natürlich nimmt der Künstler an und natürlich trifft er in diesen 200 Tagen die Liebe seines Lebens und natürlich wird alles, je näher der Tag seines Todes rückt, ganz dramatisch und falls das jetzt kitschig klingt: Ja, das ist es auch, und wie!

Das Pathos ist dabei in der Hauptfigur angelegt. David Smith ist ein schmerzhaft kompromissloser und neurotischer Mensch. So hat er sein Leben diversen selbst auferlegten Regeln unterworfen, die er unter keinen Umständen brechen mag, was ihn immer wieder in unnötig dämliche soziale Situationen führt. Auch glaubt er allen Ernstes daran, dass eine wahre, objektivierbar bessere Kunst gibt (und nutzt seine Fähigkeiten leider nur zu surreal-naturalistischen Scheußlichkeiten). Die Selbstdarsteller-Mentalität der New Yorker Kunstszene, die McCloud genüsslich darstellt, lehnt David ab. Er ist dafür auch sozial zu beschränkt, schon einfacher Smalltalk mit Sammlern kommt für ihn einer Zumutung gleich. Und wenn David doch mal gute Laune hat, dann will er immer gleich die Welt umarmen.

Unschärfen und Grautöne

Dieses Overacting des Personals, in Gestik, Dialogtext und Betonung desselben durch gezielte Fettungen einzelner Wörter in den Sprechblasen, zieht sich unangenehm durch das gesamte Buch. Wäre der Bildhauer ein Roman, wäre es einer, wo die Menschen immer "lachten", "erzählten", und "sich wunderten" statt einfach mal etwas zu "sagen". Bei seiner Begegnung Davids mit seiner späteren Angebeteten Meg erscheint ihm diese als Engel, der vom Himmel fällt. Die erste gemeinsame Nacht wird unter Einsatz von vielen Kerzen vollzogen. Es ist zum Heulen.

Wie kommt es nun aber, dass ein über 50-Jähriger ein von derart jugendlicher Naivität geprägtes Comic in die Welt setzt? Ganz einfach: Den Bildhauer trägt Scott McCloud schon seit mehr als 30 Jahren mit sich herum. "Als ich so alt wie David war, hatte ich die Idee für die Geschichte – doch damals noch einen ganz anderen Blick auf sie", sagt er. "Früher hatte ich noch große Vorstellungen vom Leben, vom Sterben und von der Kunst. Wie David: Er sieht nur das Absolute. Erst mit dem Alter kommt die Akzeptanz für Unschärfen und Grautöne. Erst dann nehmen wir hin, dass wir ziemlich unperfekte Kreaturen sind."