Victorias Bukarest entsteht aus den Wegen, die sie geht und gegangen ist, als Kind damals an der Hand ihrer "Zigeunerfreundin" oder als oberste Pionierin mit der "Genossin Klassenlehrerin" in den achtziger Jahren der Ceaușescu-Diktatur. Sie vermischen sich mit den Wegen der jungen Bankangestellten in der Gegenwart der Zweitausender, schieben sich übereinander wie die Farben eines Kaleidoskops. 

Die Protagonistin von Dana Grigorceas Roman Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit ist nach einem Aufenthalt in der Schweiz zurück in Rumänien. Hier fährt sie noch mal mit dem 368er-Bus, wie damals, als sie für ihre Familie kuriose Schwarzfahrten organisierte, und sie streift mit ihrem Freund Flavian durch die "Nostalgie-Kulisse" aus Betonbauten und Kopfsteinpflaster des gewesenen Kommunismus.  

Als Leser verliert man sich in dieser Gleichzeitigkeit von unwillkürlichen Erinnerungen, die sich von der Gegenwart kaum trennen lassen, stolpert manchmal und fällt in einen Gully wie die Erzählerin. Jedes neue Kapitel katapultiert Victoria an einen anderen Ort ihrer Geschichten, an dem sich der Leser erst zurechtfinden muss.

Denn anders als Ich-Erzählerin Victoria hat er keine Karte dieser Erinnerungen im Kopf. Der Text hält ihn so auf Distanz und erzeugt in sich selbst eine Fremdheit, die sich in der simplen Sprache Grigorceas potenziert, die mit ihren ungewöhnlichen Bildern immer ins Mark trifft. Mal erzählt Grigorcea in einem melancholischen Ton, häufig sind ihre Pointen auf eine erfrischende Art sehr komisch. Ihre Sprache entwickelt sich auf jeder Seite behutsam neu und bleibt bis zu einem gewissen Grad immer in der Schwebe.

Grigorceas Figur Victoria geht von Zürich den Weg zurück nach Rumänien. Sie kehrt die Geschichte ihrer Eltern, die nur davon wollten, um. Autobiografische Überschneidungen mit der Autorin bleiben da nicht aus. Im Jahr 1979 wurde Grigorcea in Bukarest geboren, heute lebt sie in der Schweiz, wo sie bereits einen Roman veröffentlicht hatte, der allerdings in Deutschland wenig Aufmerksamkeit bekam. Das ist mit dem neuen Buch anders. In Klagenfurt wurde sie von der Jury zwischenzeitlich als Favoritin gehandelt, auch wenn sie am Ende "nur" den 3sat-Preis erhielt.

Immer alles Fremdsprache

Victoria ist unfähig, wieder zur Gänze in ihrer Heimat anzukommen. Sie hängt zwischen zwei Welten, man könnte sagen, in der Übersetzung zwischen ihnen, fest. Diese Diskrepanz zeigt sich mal abstrakt, mal ganz konkret in ihren Erinnerungen, die sie erst noch verstehen lernen muss.

Victorias Vergangenheit ist eine Geschichte des Falschverstehens. Abstrakt erscheint sie im Auseinandertreten von Bild und Bedeutung verschiedener Fernsehbilder Ceaușescus, die in Victorias Kindheit kursieren. Sie zeigen das Paar Nicolae und Elena Ceaușescu verliebt im Schnee und in der U-Bahn. Heute weiß Victoria, dass die Vorstellung, die sich in den Bildern transportiert, nicht der Wahrheit entspricht. Sie versuchten, das Bild des strengen Diktators zu verklären. Ein anderes Mal scheitert das Verstehen ganz konkret: Die französischen Filme, die Victoria als Kind mit der Mutter bei den jugoslawischen Nachbarn sieht, werden falsch übersetzt. Die letzten Worte Jean-Paul Belmondos in Godards À bout de souffle "C'est vraiment dégueulasse" (Deutsch: "Das ist wirklich ekelhaft") werden von einem zusehenden Polizisten mit "Sie sind wirklich ein Ekel" übersetzt. "Das hat er nicht gesagt", ruft Victorias Mutter empört und bricht in Tränen aus.

Zwar teilt Rumänien diese Bilder mit dem Rest der Welt, doch das Gefühl, immer das Falsche zu verstehen, lässt sich nicht überwinden, trennt das Land von den anderen ab. Dieses Gefühl ist auch in der postkommunistischen Gegenwart noch spürbar. Überhaupt fragt sich Victoria: "Was habe ich schon vom Ganzen verstanden?" und "War denn nicht immer alles Fremdsprache?"

Werden Sprache und Bilder immer wieder falsch gelesen, scheinen es allein ihre Empfindungen zu sein, auf die Victoria sich verlassen kann, denn sie verbinden Gegenwart und Vergangenheit. Kein Ereignis geschieht, ohne dass Victoria dazu eine Geschichte erinnert. Nur die Geschichten bergen den Schlüssel zur Wahrheit. Victoria erinnert sie so präzise, wie sie sich als Kind Schachpositionen, Straßennamen und dazugehörige Lochmuster des Entwerters in der Bahn merkte. Die Gegenwart entsteht nur durch die Vergangenheit. Ein Prozess, der jeden Tag von Neuem beginnt.