Wenn man die Reflexe der Medien ernst nimmt, ist Ulrich Peltzers Roman Das bessere Leben das wichtigste Buch dieses Jahres. Es war zumindest dasjenige, auf dem der größte Erwartungsdruck lastete. Wenn ein Buch gleich am Tag seines offiziellen Erscheinens in den überregionalen Feuilletons groß besprochen wird, ist das eine eindeutige Aussage – und wenn die einschlägigen Magazine, wie Der Spiegel oder die Frankfurter Sonntagszeitung, vorpreschen und den Titel schon ein paar Tage früher besprechen, um möglichst vorne dran zu sein, noch mehr. So schön wie in diesem Fall kann man selten die journalistischen Mechanismen beobachten; solch ein Buch bietet sich für die Rezensenten ja automatisch dazu an, die Instrumente vorzuzeigen und auf die eigene Bedeutung hinzuweisen. Tatsächlich stellte sich sofort ein Aha-Effekt ein, als der frisch installierte "Wir sind Papst"-Kritiker beim Spiegel das Wort ergriff: es ging ihm offensichtlich gar nicht darum, dem Buch gerecht zu werden und irgendwie differenzierter darauf einzugehen, sondern "Macht" zu demonstrieren: die ganze Richtung passt ihm nicht.   

Es erschienen später aber dann doch noch sehr gute Besprechungen, auf Augenhöhe, die genauer auf die literarischen Verfahren Peltzers eingingen. Es ist ein Roman aus der unmittelbaren Gegenwart, der mit ausgefeilten Erzähltechniken drei handelnde Personen in ihrem Berufs- und Privatleben zeigt. Peltzer beschreibt seine Figuren nicht von außen, sondern lässt seine Erzählerstimme förmlich in ihre Köpfe hineinkriechen. Es ist eine Weiterentwicklung der "erlebten Rede", mal ist man näher am Innern der Figur, mal ein bisschen distanzierter. Die Perspektive kann sich mitten im Satz verändern, und auch die verschiedenen Zeitschichten können fast unmerklich ineinander übergehen. Nichts ist hier so, wie es anfangs scheint, vermeintliche Sicherheiten geraten ins Schwanken – ein grandioser Zeitroman. 

Peltzer bezieht sich unverkennbar auf Schreibweisen der Moderne. Man könnte nachweisen, auf welch raffinierte Weise dieser Autor William Faulkner fortschreibt oder, vor allem in den bestechenden Dialogen, William Gaddis – interessant ist, dass dieser Bezug auf die Moderne und Spätmoderne heute anscheinend wieder provozierend wirken kann. Nach der popkulturellen Wende, die sich mit guten Gründen gegen verkrustete Vorstellungen von "Hochkultur" wandte, fällt vielerorts insgeheim auch die Moderne unter die verpönte Hochkultur. So mancher Gegenwartsroman tut so, als habe es eine Irritation des landläufigen Erzählens, eine Verunsicherung des Bewusstseins und der Wahrnehmung nie gegeben. Oft stellt man sich der Komplexität der gegenwärtigen Gesellschaft gar nicht erst und unterläuft sie mit überkommenen Mitteln des Psychodramas, des Breitwandfilms, mit Comedy oder Selfie-Video. Peltzers Roman böte sich dafür an, eine spannende, kontroverse ästhetische Debatte darüber zu führen, was literarisches Schreiben ausmacht, wie Literatur als Kunst, und nicht nur als Begleiterscheinung des Journalismus, heute aussehen könnte. Wenn sich die Jury dazu durchringen würde, Peltzers Roman wirklich den Deutschen Buchpreis zu geben, könnte man nur den Hut vor ihr ziehen.

Gegenentwürfe zu Peltzer sind die Romane renommierter Autoren wie Jenny Erpenbeck, Ilija Trojanow oder Feridun Zaimoglu: sie setzen weniger auf literarische Mittel als auf die suggestive Besetzung von Themen. Auf die Shortlist hat es interessanterweise nur Jenny Erpenbeck geschafft: viele werden sagen, weil sie eine Frau ist, viele auch, weil ihr Buch mitten in die aktuelle Flüchtlingsproblematik hineinzusprechen scheint, als Roman der Stunde sozusagen – obwohl die Autorin die jetzigen Ausmaße der Diskussion beim Schreiben noch nicht erahnen konnte. Dass eine Entscheidung für Erpenbeck allzu plakativ wäre, könnte ihr zum Verhängnis werden.    

Überhaupt die quotengemäß abgezählten drei Frauen: Inger-Maria Mahlke deckt mit ihrer Shakespeare-Titel-Paraphrase Wie ihr wollt ziemlich geschickt das Bedürfnis nach historischen Romanen ab und spickt ihr Emanzipations- und Zeitkolorit-Buch mit lauter Gegenwartsbezügen – das ist durchaus ein kleines Kabinettstückchen, will nicht mehr, als es kann, und ist wohl eher gelungen als Monique Schwitters kokettes Männer-Apostel-Impromptu Eins im Andern. Man sollte die Dynamik in so einer Jury-Sitzung aber nicht unterschätzen: Der Deutsche Buchpreis ist ja ein Zwitter aus literaturkritischen Erwägungen und Buchhandelsexpertisen – welches Buch könnte man der Tante am gefahrlosesten unter den Weihnachtsbaum legen? Diese Problematik wird in jedem Jahr mit jeder Jury auf Neue austariert. Da könnte Monique Schwitter mit "Amüsement", aber womöglich zusätzlich mit "Tiefgang" punkten, Inger-Maria Mahlke mit dem lustvollen Sich-Versenken in andere Welten, die viel näher sind, als es scheint – die größte Christbaum-Gefahr allerdings könnte von Rolf Lappert ausgehen. Über den Winter ist als anheimelnder Familienroman angelegt, mit Nachdenklichkeit und Betroffenheit, aber vielleicht ist er wirklich ein bisschen zu langatmig.    

Überhaupt gibt die Jury Anlass zur Hoffnung. Denn dass sie Frank Witzels wahnwitzigen Roman Die Erfindung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 auf die Shortlist gesetzt hat, ist ein großartiges Statement. In diesem Pop-Politik-Generationsroman werden sämtliche Bewusstseinsfasern der 1970er Jahre unter die Lupe genommen, zerlegt und neu zusammengesetzt. Lange schien diese Generation auf die Apotheose des Augenblicks fixiert, den Rainald Goetz als erstes perfektionierte. Witzel aber hat sich jetzt durch die gesamte Alternativ- und Untergrundpostillenwelt seiner Frühzeit ("Nachtcafé" Nr. 7, Juli 1976: "bevor deine lippen verkrusten"!) und etliche Schreib- und Musikwuseligkeiten hindurchgearbeitet und ist nun tatsächlich bei einem großen Zauberwerk angelangt. Natürlich kann dieser Roman nicht den Deutschen Buchpreis bekommen, dazu ist er zu verrückt und zu disparat, ästhetisch zudem wohl doch nicht auf derselben Höhe wie Ulrich Peltzer. Aber eine glanzvolle Silbermedaille hat er allemal verdient.