Im Sand liegt ein weißblauer Hubschrauber. Schräg, als sei er gerade erst in die Welt hinter dem Berliner Wasserturm gestürzt. Hier sind die Holzhäuser quietschbunt, die Autos klein wie Äpfel, die kniehohen Pferde aus Plastik. Es gibt kein Meer, aber überall Sand. Ein kleines Mädchen vergräbt seine Hände darin. Daneben springt ein Junge mit blonden Locken auf und ab. Ein Vater stapft wie ein Riese durchs Bild.

"Für uns Erwachsene ist das nur Sand, für die Kinder ist es alles", sagt Georgi Gospodinov, der die Szene auf der Spielplatzbank beobachtet. Graue Stoppeln, hohe Stirn, Lausbubenblick: Der Schriftsteller aus Sofia sitzt hier häufiger – ohne Kind, aber mit Notizbuch. Während er Worte sucht, entstehen aus Sand Burgen, Autobahnen, manchmal ganze Welten. "Kinder sind die geborenen Schriftsteller", sagt er, "sie erfinden ständig Geschichten."

Bulgariens bekanntester Autor hat sich den Spielplatz als Treffpunkt gewünscht. Diesen Sommer verbringt er als Siegfried-Unseld-Professor in Berlin. In seinen Schreibkursen bittet er die Studenten anfangs, in die Hocke zu gehen. "Es ist eine wichtige Übung, die Welt aus der Perspektive der Kinder zu betrachten", sagt er. Erwachsen zu werden sei ja ein Prozess der "Vertikalisierung": "Man wird immer größer und bemerkt die kleinen Dinge nicht mehr."

Gospodinovs Werk dagegen nimmt die Welt genau unter die Lupe. In Natürlicher Roman macht er die Fliege zur literarischen Figur, in Physik der Schwermut lässt er den Erzähler in die Haut einer Nacktschnecke schlüpfen. Und in seinem Libretto für die Weltraumoper über einen Flug zum Mars ist wieder eine Fliege mit an Bord. Die Amerikaner haben Affen in den Weltraum geschossen, die Russen Hunde, aber als erstes Wesen, betont Gospodinov, reisten 1947 Fruchtfliegen in einer V2-Rakete Richtung All.


Arche Noah der Literatur

Gospodinov zelebriert die Schönheit des Vergänglichen – und die Vielfalt möglicher Perspektiven auf die Welt. "Ich sind" lautet ein Satz in Physik der Schwermut. Er charakterisiert nicht nur das Werk, sondern auch dessen Autor.

Auf der literarischen Bühne spielt Gospodinov viele Rollen. Der 1968 in Jambol geborene Bulgare schreibt Gedichte, Erzählungen, Romane, Theaterstücke, arbeitet als Literaturredakteur und Dozent für kreatives Schreiben. Sich selbst nennt er einen Geschichtenerzähler.

"Ich mag keine Limitierungen", betont er, "ich habe mein halbes Leben in einem limitierenden System verbracht." Genregrenzen sprengt er, unterschiedlichste Gattungen versammelt er in einem Roman. Seine Figur Gaustín, die mal in Gedichten auftaucht, mal in Prosastücken, erklärt: "Die reinen Genres interessieren mich nicht besonders. Der Roman ist kein Arier."

Mit Physik der Schwermut hat er so etwas wie eine Arche Noah der Literatur geschaffen. Es gibt dort Monologe und Listen, Traktate und Märchen. Das Buch ist ein literarisches Labyrinth. Im Zentrum steht eine Hauptfigur, die in fremde Erinnerungen eintauchen kann, sich hineinversetzt in Menschen, Tiere und mythische Gestalten.

Die Kindheit ist für Gospodinovs Literatur die wichtigste Lebensphase. Vor allem die ersten sieben Jahre, in denen Status, Aussehen, Herkunft keine Rolle spielen. "Ich liebe diese anarchistische Zeit der Kindheit. Später kommt der Staat. Die Schule lehrt dich, stolz darauf zu sein, dass du ein Bulgare oder ein Deutscher bist." Er hält einen Moment inne. "Wenn du aber glaubst, dass die Bulgaren die Besten sind, dann müssen andere schlechter sein. Das ist die dumme Logik des Nationalismus."

Vor Jahren initiierte Gospodinov ein Internetprojekt, um Geschichten von Menschen aus dem Sozialismus zu sammeln – als Gegengewicht zum offiziellen monolithischen Geschichtsbild: "Wir versuchten, das Schweigen in der bulgarischen Gesellschaft zu durchbrechen."