Als ich Hellmuth Karasek zum letzten Mal in unserem Hamburger Viertel auf der Straße traf, hatte der Kritiker Fritz J. Raddatz der Feuilletonöffentlichkeit gerade seinen Rücktritt erklärt. Die Bücher, die Töne, die Farben, hatte Raddatz in der Welt geschrieben, sprächen nicht mehr zu ihm, er sei müde, ausgeschrieben und wolle seinen Beruf jetzt an den Nagel hängen. Karasek war bestürzt: "Hoffentlich bringt er sich nicht um", sagte er. Wenige Monate später, im Februar 2015, hat Raddatz sich umgebracht.

Jetzt waren aus der alten Generation der großen prägenden Feuilletonisten der westdeutschen Aufbruchsjahre nur noch wenige übrig. Hellmuth Karasek allerdings schien unverwüstlich. Während wir in Hamburg Trauerreden auf Fritz J. Raddatz hielten, rezensierte er in einem Werbefilm den Ikea-Katalog. "Glück ist als Dauerzustand in der Schöpfung nicht vorgesehen", sagt er in dem Film. Er schien das nicht tragisch zu finden. Er wirkte wie jemand, der mit sich im Reinen ist, heiter-empört über dieses und jenes, aber im Ganzen sehr zufrieden. Das war sein letzter öffentlicher Auftritt. Nun ist auch er gestorben, Dienstagnacht in Hamburg, 81 Jahre alt.

Ähnlich wie bei Marcel Reich-Ranicki hatte man in den letzten Jahrzehnten vergessen, dass beide, bevor sie zu Fernsehstars wurden, eine Vergangenheit als Zeitungsstars hatten. Hellmuth Karasek leitete das Feuilleton der Stuttgarter Zeitung, war Theaterkritiker bei der ZEIT (der Stuhl, auf dem er gesessen haben soll, wurde lange als Museumsstück in Ehren gehalten), um danach zwanzig Jahre lang den Kulturteil des Spiegel zu leiten. Ähnlich wie Raddatz glänzte Karasek an der Seite der großen Stars des Kulturlebens, war unterwegs zwischen Hollywood und Nizza, schrieb über Kino, Literatur und Theater, war neugierig, unvoreingenommen, unspießig und schrieb unverschämt gut.

Er drehte mit am Rad

Erst mit ihm, mit seiner Generation, begann die deutsche Kulturkritik sich ausdauernder für den Westen zu interessieren, für Pop, Hollywood-Kino, amerikanische Romane und Massenkultur. Es waren die im Rückblick immer goldener glänzenden siebziger und achtziger Jahre, in denen sich Kultur und Journalismus in Deutschland amerikanisierten. Und das hieß vor allem: entspannten, öffneten, liberalisierten. In dieser Zeit veröffentlichte Karasek seine großen Kritiken und Interviews, schrieb Bücher über Sternheim und Brecht und Frisch und drehte mit am Rad, das die deutsche Kulturgeschichte in rasendem Tempo modernisierte.

Berühmt wurde er aber erst in seiner Rolle als zweiter Mann im Literarischen Quartett, dem er seit seiner Gründung im Jahr 1988 angehörte. Das Fernsehen habe sein Leben verändert, hat er einmal gesagt. Seitdem er im Quartett war, konnte er in Hamburg morgens nicht mehr unerkannt seine Brötchen kaufen gehen. Die TV-Berühmtheit war eine Droge, über die er wunderbar scherzen und von der er nicht mehr lassen konnte. Jahrzehntelang sah man ihn außer im Literarischen Quartett auch ständig in allerhand glitzernden Fernsehkulissen beim Plaudern und Rätselraten. Man dürfe sich diese Fernsehtätigkeit allerdings, hat er einmal in einem Interview gesagt, nicht allzu rosig vorstellen. Die Fernsehstudios stünden immer weit draußen vor den Toren der Stadt, und hinter den Fernsehkulissen warteten keineswegs hundert willige und begeisterte Jungfrauen, sondern nur ein paar Käsestullen, die man nach getaner Arbeit in Gesellschaft irgendeiner abgedankten Tenniskanone verdrückt, bevor man müde im Taxi nach Hause fährt.

Er nahm das gelassen. Groß aufgespielt als ein aufopferungsvoller Brückenbauer zwischen der alten deutschen Hoch- und der neuen deutschen Unterhaltungskultur hat er sich dabei nicht. Recht behalten hat er ohnehin. Die alten Kulturhochsitze, von denen aus man früher gelegentlich auf Karaseks Ausflüge ins Unterhaltungsprogramm herabsah, gibt es seit Langem nicht mehr.

Die wilden Kerle rund um den "Spiegel"

Wer noch einmal wissen will, wie es in der Zeitungswelt der frühen Bundesrepublik aussah, aus der Karasek kam, kann noch immer seinen im Jahr 1998 erschienenen Schlüsselroman Das Magazin lesen. Die alten Veteranen des deutschen Nachkriegsjournalismus und die alten Radaubrüder der großen Blätter treten in diesem Buch alle auf: die erbarmungslosen Konferenzritter und die verängstigten kleinen Blattsoldaten, die röhrenden Umbruchslöwen und die zu allem entschlossenen Menschenschinder. Das war noch eine – sieht man von ein paar verängstigten und hysterisierten Arbeiterinnen im Weinberg der Journalistenpoesie einmal ab – rein männliche Zeitungswelt. Karasek schreibt komödiantisch-fernsehspielhaft über die Saufgelage der wilden Kerle in den Spelunken rund um den Spiegel und das Hamburger Pressehaus und gedenkt der trüben Nächte der Redakteurinnen auf den Ledersofas der Ressortleiter. Und man ist ganz froh, dass man noch nicht dabei war.

Meine Erinnerungen an Hellmuth Karasek sind die allerbesten. Noch im Alter kam er mir wie ein junger und unverbrauchter Mensch vor. Als ich ihm im Literarischen Quartett begegnete, war ich erstaunt, dass er genau wie ich an Lampenfieber litt und das auch nicht versteckte. Im Vergleich zu Reich-Ranicki, den der öffentliche Fernsehrummel scheinbar nie beeindruckt hat, war er mir da näher. Ich glaube, er hat Reich-Ranicki aufrichtig bewundert. Seine Rolle als Zweite Geige im Quartett hat er gern gespielt. Er war nicht machthungrig und kein Platzhirsch. Er ließ anderen genug Luft zum Atmen. In meinen Augen war er im Literaturbetrieb immer eine nachdenkliche und unverwechselbare Stimme. Mich haben sein altertümlicher Charme und seine Warmherzigkeit persönlich am meisten beeindruckt. Aber auch seine Selbstironie und sein Humor, der nie zynisch oder wegwerfend war. Es ist nur wenig übertrieben, wenn man sagt, dass sich das heroische Zeitalter der Paradiesvögel und Groß-Feuilletonisten, von denen jetzt nur noch Joachim Kaiser übrig geblieben ist, heute ein weiteres Stück dem Ende zugeneigt hat.