Sein letztes Buch besprach er vor einem Monat, das war der letzte Auftritt in der Öffentlichkeit, in der Hellmuth Karasek sich so gern bewegte. Er saß in einem Sessel, auf seinen Knien den Ikea-Katalog, den er als Werbung für das Möbelhaus rezensierte. Ein möblierter Roman, fand Karasek. Die Personen kämen selten zu Wort, und es gebe zu viele Bilder, fand Karasek. Ein Buch, das einen anremple, fand Karasek, und auf YouTube, wo dieses Werbevideo veröffentlicht wurde, war der Jubel laut.

Man könnte meinen: Karasek in seinem Element. Im Mainstream, wo ihn viele schon lange nicht mehr unbedingt als Kulturkritiker wahrgenommen haben, sondern als Teil der deutschen Unterhaltungskultur, was sein Wirken selbstredend stark verkürzt. Karasek war Redakteur der ZEIT, 20 Jahre lang Kulturchef des Spiegels, Mitherausgeber des Tagesspiegels und wechselte dann, im Jahr 2004, zu Axel Springer. Seiner Selbstauskunft nach wurde er Journalist, um "die Großen dieser Welt zu interviewen, sprechen, kritisieren und bewundern zu können".

Er wollte an dieser Welt kein stiller Teilhaber sein, sondern ein lärmender. So steht es in seiner Biografie Auf der Flucht, in der er über sein Lebensglück staunte und sich selbst freundlich einen Egomanen nannte. Hellmuth Karasek war eine der bekanntesten Figuren des deutschen Feuilletons in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Er kultivierte das Verschelmte

Im mährischen Brünn 1934 war Karasek geboren worden, war Mitglied der Hitlerjugend und der Nazi-Akademie Napola, flüchtete dann nach Bernburg in Sachsen-Anhalt. Er studierte in Tübingen Germanistik, Geschichte und Anglistik.

Als Feuilletonist war Karasek mit einem ordentlichen Maß an Selbstironie ausgestattet. Ein Kritiker, dem die Kunst des Schwärmens oft näher lag als der geheiligte Ernst. Ein Bewunderer von Alfred Polgar. Sein Weggefährte, der Journalist Peter von Becker, sah in ihm den ersten Pop-Journalisten Deutschlands, der den Graben zwischen U- und E-Kultur überwand, was Karasek nicht nur Anerkennung einbrachte.

Als jemand, der den Witz, das Verschelmte zu kultivieren suchte, wurde ihm später oft der Vorwurf zuteil, er setze damit seine intellektuelle Satisfaktionsfähigkeit aufs Spiel. Karasek hat durchaus mit dem Boulevard kokettiert. Kulturbeutel hat ihn Roger Willemsen vor einigen Jahren im Magazin der Süddeutschen Zeitung genannt; und dass Karasek viele seiner anekdotischen Bücher und eigenen literarischen Versuche auch noch selbst als Unterhaltung bezeichnete, wurde bisweilen als Verrat am Hochamt des Kritikers gedeutet, sodass Bücher wie sein vormals gefeierter Gesprächsband mit dem Regisseur Billy Wilder vergessen schienen.

Doch Freund und Feind, auch das schrieb er in seiner Biografie, wechseln sich ab. In einer Zeit, da man glaubte, Literaturkritik und Fernsehen seien zwei unvereinbare Daseinszustände, wurde Karasek zu einem der Gesichter des Literarischen Quartetts, natürlich immer im Schatten von Marcel Reich-Ranicki, den Karasek einmal einen der wichtigsten Menschen in seinem Leben nannte. Im Quartett war Karasek eher Entertainer als ernster Kritiker, und spätestens als solcher wurde der Vielschreiber und Anekdotenerzähler auch einem nicht so literaturbegeisterten Publikum bekannt. Man habe ihn seither öfter mit Günter Grass verwechselt, hat Karasek einmal gesagt. Und man wusste nicht so genau, ob das wieder einer dieser Witze war, die er gern erzählte, oder die Wahrheit. Die traurige Wahrheit heute ist aber: Hellmuth Karasek ist am 29. September im Alter von 81 Jahren verstorben.