Schriftsteller Botho Strauß gehört zu den erfolgreichsten und meistgespielten zeitgenössischen Dramatikern auf deutschen Bühnen. © Ruth Walz/dpa

Der Spiegel hat in seiner Ausgabe 41 vom 2. Oktober 2015 eine Glosse von Botho Strauß unter dem Titel Der letzte Deutsche veröffentlicht. Sie nimmt auf und setzt fort, was Strauß 1993 in seinem Essay Anschwellender Bocksgesang begonnen hat. Ausgangspunkt und Anlass für die Glosse ist die aktuelle Flüchtlingskrise, wie der Spiegel in einer Vorbemerkung mitteilt. Die Vorbemerkung erweckt den Eindruck, als wäre der Autor noch bei Trost. Davon aber kann nach der Lektüre des Textes kaum die Rede sein. Die Glosse ist ein Dokument des Wahns. "Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen", heißt es da etwa.

Strauß' Spiegel-Glosse ist ein Fall für das forensische Besteck, ein Vorbote für das Abhandenkommen des Geistes. Noch stimmt die Syntax und auch die Intention einer Klimax ist erkennbar. Aber sie entgleitet dem Rasenden. Denn darum geht es. Der Text rast, auf und davon.

Beginnende Demenz

Er rast aber bloß aus zweiter Hand. In den ersten Zeilen, einem Selbstzitat aus seiner Bewusstseinsnovelle von 2007, evoziert er Klaus-Michael Grübers Wintermärchen aus dem eiskalten Berliner Olympiastadion von 1977 und verwandelt sich in einen Wiedergänger von Hölderlins Hyperion. Aber das Rasen erlaubte es ihm schon 2007 nicht mehr, den eigenen Gedanken zu folgen. Sie degenerieren zur Masche, die er, kaum, dass er sie auch nur andeutet, schon wieder fallen lässt. Ein erratisches Strickmuster.

Die Selbstinszenierung als Last Man Standing, seine Hommage an einen japanischen Krieger, bleibt anakoluth, hängt wie Lewis Carrolls Grinsen ohne Katze in der Luft. Ohne dass er zu wissen scheint, was er damit andeutet, hoppst er ins Sinnieren, einer Form des vorgeblichen Denkens, die jeder erkennt, der die frühen Vorboten und die vergeblichen Maskeradeversuche einer beginnenden Demenz kennt. Das Sinnieren als Prätention des Denkens erlaubt dem davonschleichenden Geist, so zu tun, als wäre er noch da. In das Erscheinungsbild passt auch die kursive Schreibweise, mit der er davon schwärmt, dass er konspirierte, obschon es wohl nur zum Transpirieren, nur zum Angstschweiß, gereicht haben dürfte.

Melancholische Postpotenz

"Was ist mir nicht alles zum Roman geworden!" Dem Sehnsuchtsseufzer, der Behaglichkeit fehlt die Speckjoppe des Dubslav von Stechlin, aber auch dann wäre es bloß ein Kratzfuß vor dem literarisierenden Apotheker Fontane. Strauß' drei Pünktchen-Interjektionen – weit davon entfernt, das Tempo der wilden Metro Célines zu erreichen – bezeugen, dass er über das Andeuten nicht mehr hinauskommt, das Raunen verkleidet sich, versteht es nicht mehr, das mutmaßliche Argument sichtbar, nachvollziehbar zu machen. Man kann es als Ausdruck melancholischer Postpotenz lesen. So grätscht ihn der Zustand des eigenen Leibes und Geistes in eine Vernichtungsfantasie, mit der er wie ein Wiedergänger der Goten in den Vulkan springt und mit sich reißt, was vom aussterbenden Volkskörper noch übrig sein mag. Als Gegenbild dazu evoziert er, als wäre das ein Stück von heute, aus den Nürnberger Gesetzen den Straftatbestand fortgesetzter Rassenschande.

Was hätte Paul Celan dazu gesagt, von einem Nachfahren dieser Tradition in die deutsche Heroengeschichte versetzt zu werden? "Wer davon frei ist", sagt sich los, spricht sich frei vom Kulturbruch durch den Nationalsozialismus, rehabilitiert Idee und Praxis der Vernichtung unwerten Lebens. Der Blankvers ("Zum Missbrauch kann so gut wie alles dienen.") riecht nur noch ranzig.