In den Jahren der deutsch-deutschen Teilung traf man in der Literaturlandschaft auf ein eigenartiges Phänomen: Es gab eine Reihe von Autoren, die nie ein Buch in der DDR veröffentlicht hatten, in der Bundesrepublik aber trotzdem DDR-Autoren genannt wurden. Wolf Biermann war so ein Fall. Auch Uwe Johnson, zeitweise zumindest. Und mit ihnen ein Autor, dessen erstes Buch Fritz J. Raddatz 1977 in der ZEIT als die "seit langem wichtigste Prosa aus der DDR" feierte: Hans Joachim Schädlich.

Pünktlich zu Schädlichs 80. Geburtstag erscheint nun Catt, sein literarisches Debüt. Klingt komisch, schließlich knarren die Regalbretter in den Bibliotheken längst unter dem Gewicht seiner Bücher. Hans Joachim Schädlich ist vielfach ausgezeichnet für seine Romane, Erzählungen und Essays, trägt mittlerweile das Bundesverdienstkreuz, das Große sogar, und darf sich außerdem damit schmücken, zu Lebzeiten eine Werkausgabe zu erhalten.

Das Fragment Catt aber stammt aus der Zeit vor dem Ruhm. Und damit kommt wieder die DDR ins Spiel: Während die kleinen und großen Fische der DDR-Literatur zumindest im Aquarium des selbst ernannten Leselands erscheinen konnten, blieb Schädlich ungedruckt. Ein Fisch ohne Wasser gewissermaßen. Die Lösung konnte nur eine sein: Schädlich siedelte 1977 in die Bundesrepublik über, nachdem sich der westdeutsche Rowohlt Verlag seiner Prosa angenommen hatte.

Experimentierfreudiger Jungautor

Catt, von Hans Joachims Ex-Frau Krista Maria Schädlich, aus einem Manuskriptkonvolut zusammengebastelt, wurde in den frühen 1970er Jahren verfasst. Als Titel dient der Name der Protagonistin. Catt arbeitet als Taxifahrerin und fühlt sich als Schriftstellerin. Sie begibt sich auf die Suche nach ihrer Freundin Janina, die plötzlich verschwunden ist. Catts verschriftlichte Nachforschungen bilden so etwas wie die Gegenwartshandlung der Geschichte. Diese Handlung ist vermischt mit Beobachtungen aus ihrem Arbeitsalltag und aus ihrem privaten Umfeld, die teilweise ausgearbeitet, teilweise in (kursiv gesetzten) Arbeitsnotizen festgehalten sind. Abschluss der Catt-Montage ist eine kleine eigenständige Erzählung mit dem Titel Juca und Koschko.

All das ist nach der ersten Seite bekannt, denn Hans Joachim Schädlich leitet das Buch mit einer Vorbemerkung ein, in der er erklärt, wie er sich den Text in den 1970er Jahren gedacht habe. Für die Leserinnen und Leser ist das durchaus hilfreich. Denn Catt ist eine Herausforderung, formal und stilistisch. Da ist zum Beispiel der eigenwillige Umgang mit direkter Rede, aus dem solche Sätze entstehen: "Quantz sagt, Ich bin vielleicht sauer, kann ich dir sagen, und es ist schade, daß ich nicht weiß, was ich aufschreiben soll, was Quantz sagt, Wie ich gestern mit Napoleon in der Sonne liege, in Pankow im Bad, da sagt Napoleon zu mir, Da kommt dein Chef." Puh. Und vor allem ist da die schnipselhafte Erzählform, die der Rekonstruktion, aber auch dem Prinzip geschuldet ist. Sie entspricht nicht nur Catts zerpflücktem Alltag, sondern scheint auch die perfekte Spielwiese für den experimentierfreudigen Jungautor gewesen zu sein, auf der Schädlich seine Möglichkeiten testet.

Rekonstruktion eines Romans

Das geht so weit, dass er in ein und demselben Schnipsel Varianten des Geschehenen vorlegt, die sich ergänzen, teils auch widersprechen, sodass die Protagonistin Catt und ihr bester Freund Uz zu unzuverlässigen Erzählern werden. Andere Absätze wiederholen sich im Verlauf der Geschichte. Ein Professor, den Catt gelegentlich in ihrem Taxi zur Universität chauffiert, erzählt ihr beispielsweise zweimal die gleiche Geschichte von einem Westberliner, der keinen Satz mehr ohne englische Füllwörter wie O boy, O. K., Well oder No sagt. Erst als der Schnipsel das dritte Mal beginnt, unterbricht sich der Professor. Er erzähle Geschichten nicht gern zweimal.

Diese Experimentierfreude verwundert nicht, wenn man Hans Joachim Schädlich kennt. In der Entstehungszeit des Manuskripts kannte man ihn aber nicht, zumindest nicht im Literaturbetrieb. Schädlich war Mitarbeiter der Ostberliner Akademie der Wissenschaft, hatte über die Phonologie des Ostvogtländischen promoviert. Als der Entwurf zu Catt Anfang der 1970er Jahre im Rostocker Hinstorff Verlag landete, war die Überforderung dementsprechend groß.

Und damit beginnt der zweite Teil des Catt-Buches: Krista Maria Schädlich vollzieht in ihrem Nachwort die Geschichte des Manuskripts. Worum es ihr dabei geht, macht bereits die Überschrift deutlich: Über den Versuch, einen Autor zu verhindern, und die Rekonstruktion eines Romans.