Wenn man mit dem Zug in Schwarzenbach an der Saale ankommt, gehört zu den ersten Dingen, die man sieht – neben einer Edeka-Filiale und dem leerstehenden Bahnhofsgebäude – das Traktor-Museum in der ehemaligen Güterhalle. Betrieben vom Verein Traktor-Kult e. V. sind hier Originalfahrzeuge aus den Jahren 1920 bis 1970 ausgestellt, auch viele Exoten, dazu mehr als tausend Miniaturtraktoren, angeblich rund 90 Prozent aller je produzierten Modelle.

Es muss ein mit dem Y-Chromosom in Verbindung stehendes Gen geben, das Männer dazu bringt, die alltäglichsten Dinge mit einer an Bescheuertheit grenzenden Akribie und Hingabe zu erforschen, sie möglichst lückenlos zu katalogisieren und darüber – dafür wurde dieses Wort erfunden – fachzusimpeln. Um welchen Gegenstand es sich dabei handelt, ist zweitrangig. Briefmarken können es sein, Hühnerrassen, Militaria, Star Wars, Zugfahrpläne, Helikopter oder auch: Donald-Duck-Comics.

Um die kümmert sich die Deutsche Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus, kurz: D.O.N.A.L.D. ein 1976 gegründeter Verein, der vor kurzem sein 1000. Mitglied aufgenommen hat. Die meisten davon sind Männer im mittleren bis fortgeschrittenen Alter.

Wobei die Donaldisten über das gemeine Nerd-Dasein als Devotionalienjäger und Faktensammler hinausgehen. Erstens, weil sie stets eine selbstironische Distanz zur Vereinsmeierei wahren, etwa mit den albernen Titeln und Abzeichen, die sie bei ihren jährlichen Kongressen verleihen. Und zweitens, weil sie den Duck-Kosmos wirklich erforschen und durchdringen wollen, von der Wirtschaftsform über die Physik bis zu einem exakten Stadtplan Entenhausens, mithilfe von streng quellenbasierter Beweisführung.

Donald Ducks Abenteuer sind für sie keine Geschichten, sondern Berichte aus einer kohärenten Parallelwelt, wobei sie als Forschungsgrundlage nur zulassen, was von den beiden Evangelisten des deutschen Donaldismus stammt: dem Zeichner Carl Barks (1901-2000) und der Übersetzerin Erika Fuchs (1906-2005). Oder, um es mit dem Donaldisten Gerhard Severin zu sagen: "Mit den Lustigen Taschenbüchern kann man nicht wissenschaftlich arbeiten!"

Erika Fuchs ist nicht einfach irgendeine Übersetzerin. Sie war von 1951 bis 1988 Gründungschefredakteurin der deutschen Micky Maus und prägte den unverwechselbaren Disney-Sound und somit auch ein wenig die deutsche Sprache der Nachkriegsjahrzehnte. Ihre oft sehr freien Übersetzungen spickte sie mit Klassikerzitaten und Spruchweisheiten ("Dem Ingenör ist nichts zu schwör"), ausgefeilt anmutenden Alliterationen, neologistischen Nonsens-Komposita und – grübel, ächz, staun – der Verbform des Inflektiv, die übrigens heute im Chatdeutsch ihren zweiten Frühling hat, aber das nur nebenbei (*ganzdollfreu*).

"Klatsch, klatsch, klatsch"

Emanzipiert, hochintelligent und weltoffen wird Fuchs beschrieben, sie hatte in den 1930ern in Kunstgeschichte promoviert und war nur ihrem Mann zuliebe von München in die hochfränkische Provinz gezogen, in eine Kleinstadt, zwischen Hof und Fichtelgebirge gelegen: nach Schwarzenbach an der Saale.

Hier fand nun 2006 auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Alexander Eberl die D.O.N.A.L.D.-Jahrestagung statt und es wurde eine Idee entwickelt: Ein Museum zu Ehren von Erika Fuchs. Ausgangspunkt dieser Idee war die viele Tausend Exponate umfassende Donald-Sammlung von Gerhard Severin. Über die Jahre wuchs und wuchs das Vorhaben, der Richter Severin ließ sich eigens von Ingolstadt nach Hof versetzen, und das Haus, das jetzt "Erika-Fuchs-Haus, Museum für Comic und Sprachkunst" heißt und seit August geöffnet ist, kostete 5,1 Millionen Euro.

Viel Geld für die kleine Stadt, aber verkraftbar: Aus diversen Fördertöpfen konnten mehr als 80 Prozent der Kosten gedeckt werden und das Haus, das dort stand, wo nun das Museum ist, hätte ohnehin kostspielig abgerissen werden müssen. Zudem ist Hochfranken eine strukturschwache Region seit im Zuge der Globalisierung die Porzellanindustrie zusammengebrochen ist. Schwarzenbach verliert seit Jahrzehnten Einwohner. Das einzige Comicmuseum Deutschlands und das mutmaßlich einzige einer Übersetzerpersönlichkeit gewidmete Museum weltweit sind willkommene touristische Attraktionen.

 "Jetzt liegt es an Handel, Gastronomie und der Region, die Chance zu nutzen, die das Alleinstellungsmerkmal Erika Fuchs bietet", sagt Bürgermeister Hans-Peter Baumann beim offiziellen Festakt am vergangenen Wochenende. Er hat sich dafür eine Donald-Duck-Fliege zum Anzug gebunden, seine Frau trägt das dazu passende Kleid. Serviert werden Anisplätzchen aus der Schwarzenbacher Bäckerei Köppel, die Erika Fuchs in ihren Übersetzungen nach Entenhausen verlegte, die Limonade "Blubberlutsch" und Entenfüße aus Hefeteig. Auch einige Donaldisten sind gekommen, man erkennt sie an ihren "Klatsch, klatsch, klatsch"-Rufen, wenn der Rest der Anwesenden applaudiert.

Zugänglich für Einsteiger

Sie haben jetzt ihr Museum. Schwarzenbach hat jetzt sein Museum. Aber interessiert das überhaupt irgendwen?

Ja, bitte, unbedingt.

Weil Erika Fuchs mit ihrem Schaffen mehr Einfluss auf unser tägliches Leben hatte, als das meiste, was in den Kunsthallen und Landesmuseen wichtig an den Wänden hängt. Weil man über einen kreativen und klugen Umgang mit Sprache im Zweifel gar nicht zu wenig lernen kann. Weil es in einem Land, in dem es ein Schinken-Museum, ein Ramones-Museum, ein Harzer Roller-Kanarienvogel-Museum und was nicht noch alles gibt, das Mindeste ist, eine Persönlichkeit wie Erika Fuchs zu würdigen.

Aber vor allem, weil es eben kein Ort für Spezialistenwissen geworden ist. Die Donaldisten haben dem Erika-Fuchs-Haus ihren Stempel aufgedrückt, das merkt man allein daran, dass sich im gesamten Gebäude so gut wie nirgends die von ihnen verhasste Micky Maus findet, obwohl auch die von Erika Fuchs übersetzt wurde.

Sie haben es in einem positiven Sinne getan: Mit Exponaten und Expertise, beratend bei der Konzeption und direkt in der Ausstellung. In Videointerviews geben sie ihr Wissen, etwa über Geschlechterverhältnisse in Entenhausen, den Charakter von Dagobert Duck oder das Ducksche Rechtswesen weiter. Das Haus aber bleibt zugänglich für Einsteiger, als Zielgruppenalter nennt Museumsdirektorin Alexandra Hentschel – schon wieder eine promovierte Frau, die aus der Großstadt nach Schwarzenbach zieht – 5 bis 85 Jahre.

Die Alliteration-Anreizabteilung

Sechs Räume umfasst die Dauerausstellung, jeder thematisch klar eingegrenzt, jeder sinnvoll gestaltet: Die Biografie von Erika Fuchs wird als wandhoher Comic vermittelt, gezeichnet von Simon Schwartz und durchsetzt mit donaldistischen Anspielungen. Entenhausen wird begehbar gemacht, "um der Falle einer schlechten Disneyland-Kopie zu entgehen" (Hentschel) als zweidimensionales Diorama, in dem man alles anfassen darf, auch die Plastiktaler im Geldspeicher kann man in die Luft schmeißen, um sie sich auf die Glatze prasseln zu lassen.

Am stärksten ist aber der Raum, der sich Erika Fuchs' Schaffen widmet. Ihre Werkzeuge werden gezeigt, der Zeilenzähler, das Synonymwörterbuch, ein paar Originaldokumente und dann geht es selbst an die Arbeit. Die von allen zeitgemäßen Museumspädagogen geforderte Interaktivität ist kein Selbstzweck.

Da ist beispielsweise die Alliteration-Anreizabteilung, bestehend aus einem Buchstabenwürfel, einer Sanduhr und einer abwischbaren Tafel. Es gibt einen Zitatwirbler und ein Translatorium, im Gefühlsinterpreten ist eine Sprech- oder Denkblase vorgegeben, man kann ein dazu passendes Selfie machen und dann den eigenen Gesichtsausdruck mit dem von Donald vergleichen und im onomatopoetischen Kabinett soll man Soundeffekte einsprechen und sie neben Barks' und Fuchs' Schöpfungen stellen. Was umschreibt am besten das Geräusch eines Bottichs voll zerberstender Teller – Ka-racks, Ratatang oder Klickeradoms?

Was wohl die recht reserviert auftretende Erika Fuchs zu alldem gesagt hätte? Diese Frage umkreist in ihrer Festakt-Rede, die D.O.N.A.L.D.-Ehrenpräsidente Patrick Bahners, die früher in Nebentätigkeit auch das FAZ-Feuilleton leitete. Erika Fuchs, die als gelernte Stuckateurin wusste, wie langweilig Museen sind, hätte wohl "Ahem" gesagt, so Bahners, und dann folgt eine mehrere Minuten lange Kostprobe von donaldistischer Detailbegeisterung, die sich nur um ein einziges Panel der Geschichte Der goldene Helm dreht: wie Erika Fuchs durch ihre Übersetzung des originalen "Ho hum" den "Krächzlaut ins Vokalische verschoben hat", mit dem Wort "Ahem" ein "Aufeinandertreffen von Redehemmung und Artikulationsbedürfnis" ausdrückt, das überdies nicht im Duden steht, ein Wort, also, mit dem Erika Fuchs die deutsche Sprache bereichert hat etc. etc.

"Ich glaube, es hätte ihr sehr gefallen", sagt Bahners schließlich. Darauf nochmal ein "klatsch, klatsch, klatsch" und ein Glas Blubberlutsch, während draußen vor dem Museum in der leeren Dunkelheit des Schwarzenbacher Samstagabends bereits die ersten Wagen für den Kirchweihmarkt vorfahren, der am kommenden Tag stattfindet.   

Direkt gegenüber, im Biergarten der Gaststätte Wolfsschlucht, steht ein Maibaum mit Disney-Motiven und wenn man ein paar Meter weiter zur Saale läuft, kann man neben der Brücke eine seltsam vertraute Holzskulptur im Wasser entdecken: Emil Erpel, der Gründer von Entenhausen, steht dort, mit einem Haufen Maiskolben in den Händen, genau wie von Barks gezeichnet. Nachdem Erika Fuchs diverse Familiennamen, Läden und Orte der Region in ihren Übersetzungen verewigte, sickert nun umgekehrt Entenhausen in die Schwarzenbacher Realität ein. Irgendwann wird man die beiden Orte nicht mehr auseinanderhalten können.