© Galiani Verlag

Der Verlust ist es, der den Menschen erst als das kenntlich macht, was er ist. Da sitzt zum Beispiel ein Mann namens Christian in seinem Arbeitszimmer vor dem Tablett und beobachtet, wie sein Trading-Konto zusammenschrumpft. 100.000 waren es einmal, nun bleibt die Zahl stehen: 4.747. Seinen Job hat er bereits verloren; mit dem Rest seiner Abfindung fährt er nun noch einmal ins Spielcasino, um alles zu wagen.

Da ist aber auch eine Familie, die urplötzlich, von einer Sekunde auf die andere, mit der größtmöglichen Katastrophe konfrontiert wird, mit dem Tod des, je nach Perspektive, Ehemannes, Vaters oder Sohnes, und die nun, nachdem er nach einem Ausflug vom Fahrrad gestiegen und umgefallen ist, weitermachen muss, irgendwie die Leerstellen füllen muss. Oder der Mann, dessen Frau und Tochter bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen sind: "Er hat das Gefühl, im Wasser zu treiben, wie ein Teil des Wracks. Wie das Teil, nach dem er sucht. Das fehlende Puzzlestück. Der letzte und einzige Stein in seinem Mosaik."

Der Schriftsteller Jan Costin Wagner ist bekannt geworden mit seinen in mittlerweile 14 Sprachen übersetzten und teilweise bereits verfilmten Kriminalromanen um den finnischen Kommissar Kimmo Joentaa, einem Mann, der besser zuhören als reden kann und der, auch er, seit dem ersten Roman der Reihe den Verlust seiner geliebten Ehefrau zu verarbeiten hat. Dass Wagner kein klassischer Krimiautor ist, der primäres Interesse am alten whodunit-Spiel hat, ist offensichtlich. Wagner führt Menschen in Situationen, die End- und Wendepunkte zugleich sind; er schickt seine Figuren in die dunkelsten Augenblicke ihrer Existenz, um sie von dort zurückholen zu können. Das ist ein ungemein menschenfreundlicher und zugleich tröstlicher Ansatz.

In Sonnenspiegelung, seinem ersten Erzählungsband, zeigt Wagner nun, wie sensibilisiert sein Wahrnehmungsapparat für Stimmungen ist und wie nuancenreich sein sprachliches Repertoire. Jede der insgesamt acht Erzählungen ist ein auf den Kern reduzierter, stark komprimierter Kleinstroman. Bemerkenswert und unverwechselbar sind Wagners Tonfall und vor allem seine Fähigkeit, manchmal innerhalb eines einzigen Satzes das Verhältnis von Nähe und Distanz neu zu justieren. Wagner mag all diese Menschen, über die er schreibt; er nähert sich ihnen mit Empathie, mit Mitleidsfähigkeit und lässt sie aber gleichzeitig nie so dicht an sich heran, als dass sie seine erzählerische Souveränität beeinträchtigen könnten.

Aus diesem Grund kommt in einem Buch von Jan Costin Wagner niemals auch nur der Hauch von Pathos auf: Wagner überwältigt uns nicht mit großen Gesten und Gefühlen, sondern umkreist seine Charaktere, nähert sich ihnen dezent und diskret und lotst sie beinahe unmerklich sanft wieder zurück in hellere, lichtere Regionen.

Das multiperspektivische Erzählen, dessen sich die Erzählungen häufig bedienen, verstärkt den Eindruck des Kreisens noch. In einer der Erzählungen, Ein lachendes Herz, beschließt ein klinisch depressiver Mann, seinem Leben ein Ende zu setzen, indem er sich vor einem fahrenden Zug stellt. Im allerletzten Sekundenbruchteil weicht er aus; Polizisten, Sanitäter und die beiden Zugführer, die ihn auf dem Bahngleis gesehen haben, suchen vergeblich nach dem Mann. Später sitzen die beiden Zugführer beisammen, zum ersten Mal, obwohl sie sich schon seit langem kennen und obwohl beide schon mit so genannten Personenschäden konfrontiert wurden. "Ich habe das Gefühl", sagt einer, "dass ich mich erst mal sammeln muss, verstehst du? Als müssten wir uns erst einmal davon erholen, dass einer an dem verdammten Gleis gestanden und sich für das Leben entschieden hat."

Sonnenspiegelung ist reich an derart starken Szenen und ebenso reich an Überraschungsmomenten, die den scheinbar so ruhigen Fluss des Geschehens von einer Zeile zur nächsten in eine unvermutete Richtung lenken können. Im Verlust und in der Trauer also erkennt der Mensch sich schockartig und erkennt zugleich, wie fremd er sich dabei selbst sein kann. Es sind Augenblicke des Verstummens, für die Jan Costin Wagner Worte findet.