Wer heute den mondänen Geist leben möchte, ist ein Grenzgänger, wandelt zwischen den Kulturen, verkörpert hybride Identitäten, die Ethnie und Geschlecht längst hinter sich gelassen haben. In der Spätmoderne, wo jede Fixierung nur noch als Nachwirken eines überholten Einstmals abgetan wird, erscheint nichts so flexibel wie das Ich. Während sich Soziologen bei der Beschreibung der heutigen Jugend mit plakativen Reden von der Generation X, Z, Porno oder wahlweise vielleicht auch Ikea in einem wenig ergiebigen Deutungswettbewerb gegenseitig übersteigern, zeugen die literarischen Entwürfe der heranwachsenden Autoren von einem weitaus differenzierteren Blick auf die Welt. Vor allem ist er alles andere als bloßer Relativismus.

Kat Kaufmann, geboren 1981 in St. Petersburg © Alexey Kiselev

Die beiden Debütantinnen Mirna Funk und Kat Kaufmann erzählen vielmehr von urbanen Mitzwanzigern, die ihr Hier und Heute im Spagat zwischen Geschichte und Zukunft begründen. Statt der Alles-ist-möglich-Moral zu frönen, lernt Lola, die Protagonistin aus Mirna Funks Roman Winternähe, von einem auf den anderen Tag, ihre jüdischen Wurzeln als Kern ihrer Identität wahrzunehmen. Und zwar aus einem Widerstandsgefühl heraus. Nachdem sich die Fotografin auf Facebook und am Arbeitsplatz mit Holocaustverharmlosungen konfrontiert sieht, beschließt sie, ihr bisheriges Dasein über den Haufen zu werfen und begibt sich nach Tel Aviv, wo sie schmerzlich die Ausmaße des Gaza-Konflikts erfahren muss.

Funk zeichnet in der Entwicklung ihrer selbstbewussten Heldin die Gespaltenheit einer deutsch-jüdischen Seele: "Lola fühlte sich wie ein Oxymoron", insofern sie einerseits im Land der Täter aufgewachsen ist, andererseits aber zwischen Judenwitzen und der grassierenden "Holocaust-is-over"-Haltung feststellen muss: "Die Judenvernichtung hat die Juden zu einem Teil der Deutschen gemacht (…). Das Einzige, was ich nicht verstehe, ist, wieso die Deutschen nicht längst an dieser Asche erstickt sind." Mit Radikalität und unverstellter Klarheit formuliert die 1981 in Berlin geborene Schriftstellerin und Journalistin eine Anklage der Nachkriegsgesellschaft, deren Härte seit der Jahrtausendwende ihresgleichen sucht. Der Antisemitismus war nie weg, sondern hat sich lediglich in neuen Sprachformeln – "Man muss doch auch mal etwas offen sagen dürfen" – verkleidet.

Junge Rebellin

Sehen wir aber einmal von dem in Winternähe arrangierten Erinnerungsdiskurs ab, zeigt dieses Buch auch ganz grundsätzlich die Sehnsucht nach einer stabilen Identität auf. Mit ihrer proisraelischen Perspektive innerhalb des Gaza-Konfliktes tritt Funk in Zeiten von Felxitarismus, Wechselwählerschaft und Abchillen bei Angreifbarkeit für eine Renaissance der Position ein. Zugegeben: Das Porträt der allzu ostentativ judenfeindlichen Deutschen unserer Tage mutet mehr als statisch an. Dennoch rüttelt dieses Werk, das nebenbei auch noch eine anmutige Liaison d'amour enthält, mitsamt seiner politischen Verve wach – offenbart es doch eine Jugend mit Rückgrat und Streitbarkeit.

Während Mirna Funks Roman die Vergangenheit als produktiven Quell für die Gegenwart erschließt und das Jüdische wieder zum Anker eines Wertegerüstes erklärt, ist die Geschichte für die Protagonistin aus Kat Kaufmanns Roman Superposition ein Ballast. Ihre junge Rebellin, die schlichtweg keine "quotenjüdisch[en]" Nettigkeiten wünscht, wettert gegen das "sich selbst kasteiende Deutschland – wir sind deine Wiederbesiedlung, Scheinjuden. Juden nach Schein, kommt wieder rein." Zwischen Berliner Szenenächten und Kindheitserinnerungen, Jazzkonzerten, abendlichen Philosophierunden mit Freunden und Liebeleien versucht sich die 26-jährigen Musikerin Izy Lewin vom "Migrations-Vor-Der-Grund" und dem jüdischen Erbe zu emanzipieren. Statt "Stellvertreter für sechs Millionen Tote" zu bleiben, ringt sie um unerdachte Möglichkeitsräume. Es ist die Rede vom "Poly-Ich", Bewusstseinszuständen, die sich überlagern, "Quanten in Superposition" – und durchaus auch so manch esoterischer Verirrung.