Der mit acht Millionen Schwedischen Kronen (rund 860.000 Euro) dotierte Nobelpreis für Literatur 2015 geht an die belarussische Autorin Swetlana Alexijewitsch. Das gab das Nobelkomitee der Königlich-Schwedischen Akademie der Künste in Stockholm bekannt. Alexijewitsch galt seit Tagen als Favoritin in den Wettbüros und war auch in den vergangenen Jahren als Anwärterin auf die Auszeichnung gehandelt worden.

Swetlana Alexijewitsch wurde 1948 im westukrainischen Stanislaw geboren. Sie hat zunächst als Journalistin und als Lehrerin gearbeitet. Da ihre Bücher unter dem belarussischen Regime verboten waren, lebte sie lange Jahre im Ausland, wo sie für ihre Werke bereits mit zahlreichen Preisen bedacht worden ist, unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 2011 zog sie trotz ihrer oppositionellen Haltung zurück nach Minsk. "Ich will zu Hause leben, unter meinen Leuten, meinen Enkel aufwachsen sehen", sagte sie. Außerdem sei Quelle ihres Schaffens immer das Gespräch mit den Menschen gewesen. "Und das kann ich am besten hier und in meiner Sprache", sagte Alexijewitsch.

 

Swetlana Alexijewitschs Werke sind so genannte "Romane aus Stimmen", in denen sie Interviews mit Zeitzeugen zu poetischen Collagen werden lässt. Alexijewitsch verschafft Menschen Gehör, die durch den harten Alltag ihrer Heimat, durch Krieg und Verfolgung zu Versehrten geworden sind.

Erstmals erprobte Alexijewitsch ihr Verfahren des dokumentarischen Erzählens in ihrem 1983 erschienenen Roman Der Krieg hat kein weibliches Gesicht. Mehr als zwei Millionen Exemplare des Buches wurden bislang verkauft. Es basiert auf den Berichten von Frauen, die während des NS-Regimes gegen Deutschland gekämpft haben: Ärztinnen, Partisaninnen, Fallschirmspringerinnen.

In ihrem Roman Zinkjungen (1989) verarbeitet Alexijewitsch die Erfahrungen von Veteranen des sowjetischen Afghanistan-Feldzugs. Auch die Mütter gefallener Soldaten kommen zu Wort. In ähnlicher Wiese porträtierte Alexijewitsch Ende der neunziger Jahre die Überlebenden der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. In Deutschland erschien das Buch im Jahr 2001 unter dem Titel Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft. Als Hauptwerk Alexijewitschs gilt Secondhand-Zeit (2013). Alexijewitsch versammelt in diesem Roman die Spuren dessen, was das gescheiterte kommunistische Experiment in der Sowjetunion mit den Menschen angerichtet hat.

In der Begründung der Jury des Nobelpreises heißt es: Sie erhalte die Auszeichnung "für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt".

"Fantastisch!" habe die Reaktion von Alexijewitsch gelautet, als ihr die Nobelpreis-Nachricht am Telefon verkündet wurde, berichtet die Jury-Sprecherin Sara Danius. Im schwedischen Fernsehen bekundete die neue Nobelpreisträgerin: "Das ist ganz großartig, diesen Preis zu bekommen." Sie fühle sich geehrt, nun in einer Reihe mit berühmten Schriftstellern wie Boris Pasternak zu stehen.

Der ehemalige Hanser-Verleger Michael Krüger, der viele der Bücher von Alexijewitsch in Deutschland verlegt hat, zeigte sich hocherfreut über die Auszeichnung und hob noch einmal ausdrücklich Alexijewitschs Rolle in der Opposition in Belarus wie auch gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin hervor. Alexijewitsch sei mit den Recherchen für ihre Romane stets enorme Wagnisse eingegangen, so Krüger, der hofft, dass der Nobelpreis dazu beiträgt, dass Alexijewitsch weithin unantastbar werde: "Sie wird eine große Ikone der Widerstandsbewegung werden".

Im vergangenen Jahr wurde der Franzose Patrick Modiano geehrt. Nach dem Willen des Unternehmers Alfred Nobel, der selbst Gedichte und Dramen verfasste, soll das ausgezeichnete Werk von hohem literarischem Rang sein und dem Wohle der Menschheit dienen. Der Preis wird jeweils am 10. Dezember, Nobels Todestag, in Schwedens Hauptstadt Stockholm überreicht.

Für den Nobelpreis muss man nominiert werden – von einem früheren Preisträger selbst, einem Lehrstuhlinhaber aus dem jeweiligen Fachgebiet in Skandinavien oder einem Akademiker, den das Nobelkomitee für würdig befindet. Der bisher jüngste Preisträger war 1907 mit 42 Jahren Rudyard Kipling (Das Dschungelbuch), die mit 88 Jahren älteste Preisträgerin 2007 Doris Lessing (Das goldene Notizbuch). Auf den Wettlisten fand man diesmal einige Kandidaten, die schon in der Vergangenheit als mögliche Preisträger galten: Neben dem Japaner Haruki Murakami (66) und dem US-Amerikaner Philip Roth (82) wurde auch dessen Landsmännin Joyce Carol Oates (77) nicht zum ersten Mal zum engen Favoritenkreis für den Preis gezählt.

Auszeichnung - Swetlana Alexijewitsch erhält Literaturnobelpreis Durch ihr vielstimmiges Werk setze die weißrussische Journalistin und Schriftstellerin dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal, so verkündete es die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm.