"Jeder von uns trägt ein Stück Geschichte in sich, der eine ein großes, der andere ein kleines, und aus all dem entsteht die große Geschichte." Das sagte Swetlana Alexijewitsch in ihrer Dankesrede, als ihr 2013 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde. In diesen Worten steckt bereits das literarische Programm ihres Werks. Nicht die Masse zählt, sondern der einzelne Mensch. Nicht die Meilensteine der Geschichte sind entscheidend, sondern die privaten Momente.

"Ich habe fünf Bücher geschrieben, doch im Grunde schreibe ich nun seit fast vierzig Jahren an einem einzigen Buch", erklärte Alexijewitsch in der Paulskirche. "An einer russisch-sowjetischen Chronik: Revolution, Gulag, Krieg … Tschernobyl … der Untergang des roten Imperiums."

Doch wer ihre Bücher heute liest, weiß: Sie beschreibt nicht nur Geschichte, sondern Gegenwart, ja, vielleicht sogar die Zukunft. "Alles wiederholt sich" – auch das ist ein Satz von Alexijewitsch. Auf der literarischen Bühne ist sie bereits vielfach ausgezeichnet worden. Doch in ihrer Heimat Belarus sind die Bücher der Nobelpreisträgerin verboten. Für Zinkjungen, ihrem Buch über den Afghanistankrieg der UdSSR, wurde sie angeklagt – wegen Verleumdung der Sowjetarmee. Alexijewitschs Werke erregen aber nicht nur bei den Mächtigen Anstoß. Im Gerichtssaal begegnet der Schriftstellerin einmal die Mutter eines gefallenen Soldaten. Als Alexijewitsch die Frau fragt, warum sie hier sei, sagt sie: "Ich brauche deine Wahrheit nicht! Ich will, dass mein Sohn ein Held war."

Wo die Vögel vom Himmel stürzen

Alexijewitsch versteht sich als "Mensch des Ohres". Die Straße ist für sie "ein Chor, eine Sinfonie". Seit ihrer Kindheit hört die Schriftstellerin diese Stimmen. Alexijewitsch wird 1948 in der Ukraine geboren, als Tochter einer Ukrainerin und eines Belarussen. Sie wächst in einem kleinen belarussischen Dorf auf. Die Frauen dort reden über Krieg und Frieden. Und sie sprechen über die Vögel, die zu Tausenden vom Himmel stürzten, wenn sie in Artilleriebeschuss gerieten. Das Mädchen Swetlana hört zu und merkt sich Satzfetzen. Allein das aufmerksame Zuhören katapultiert sie in eine Hölle, in die sie sich für ihre Bücher immer wieder begeben hat.  

Sie braucht wenige Worte, um großes Grauen zu beschreiben. Sie erzählt uns von SS-Soldaten, die vor der Erschießung Bonbons in die Grube warfen, in der sie dann jüdische Kinder lebendig begruben. Oder von einem verstrahlten Mann, dem nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die Innereien aus dem Mund quellen. 

Alexijewitsch hat früher als Reporterin und Redakteurin gearbeitet. Als Schriftstellerin hat sie sich ihr eigenes Genre geschaffen: ihren "Roman der Stimmen". Ihre dokumentarische Prosa ist schockierend schön – und große Literatur. Weil Alexijewitsch in ihren Protokollen die Essenz von Erfahrungen ihrer Gesprächspartner destilliert.

Geheim begraben

Secondhand-Zeit, Tschernobyl, Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, Die letzten Zeugen, Zinkjungen – diese Titel stehen für einen literarischen Kosmos, in dem man staunen, sich erschrecken und weinen kann. Es ist ein großes Glück, dass die Stimme Alexijewitschs, die sich aus Stimmen zahlloser anderer Menschen speist, auch im Westen gehört wird. Der Nobelpreis wird sie weiter in die Welt hinaustragen.

Neben der Arbeit an ihren großen Werken kommentiert die Autorin aktuelle Krisen und Kriege. "Den Krieg im Osten der Ukraine gäbe es nicht – ohne Russland. Wenn es nicht Putin mit seiner geopolitischen Strategie gäbe", sagte sie etwa 2014 in einem Interview. Alexijewitsch, die selbst Anfeindungen ausgesetzt ist, hat keine Angst vor deutlichen Worten: "Der russische Staat hat immer darauf gespuckt, dass die Menschen nicht sterben wollen – auch heute. Der russische Patriotismus ist ein altbewährtes Mittel, um billig Soldaten zu finden. Heute rekrutieren die Wehrkreisämter in ganz Russland Freiwillige für den Krieg in der Ukraine. Danach werden sie in Särgen zurückgeschickt. Geheim begraben. Nachts. Wie damals, als sie die sowjetischen Soldaten in Zinksärgen aus Afghanistan zurückbrachten."

Nicht Täter und Opfer, sondern Individuen

In ihrem Buch Die letzten Zeugen. Kinder im Zweiten Weltkrieg versammelte sie Erinnerungen von Männern und Frauen, die beim Einmarsch der Deutschen in Belarus Kinder waren. Die Protokolle führen zurück in eine Vergangenheit, in der die Kinder "Deutsche malen" und Friedhöfe als Verstecke dienen. Immer wieder stellt Alexijewitsch so den Menschen in den Mittelpunkt. Nicht das Staatsoberhaupt, sondern den Soldaten. Die Krankenschwester, die Witwe, das Kind. Bei Alexijewitsch gibt es nicht Opfer und Täter, sondern Individuen, die manchmal beides in einem sind.

Stets ist sie sich dabei der Subjektivität der Eindrücke bewusst. "Erinnerungen sind ein launisches Ding", sagt sie. "Zeitzeugen sind weniger Zeugen, sie sind vielmehr Schauspieler und Geschichtenerfinder." Sie erinnern uns daran, dass es keine einfachen Wahrheiten gibt. Wie eine Geschichte erzählt wird, ist bereits Teil der Geschichte. 

"In meinen Büchern erzählt der 'kleine Mensch' von sich. Das Sandkorn der Geschichte", sagt Alexijewitsch. "Er wird nie gefragt, er verschwindet spurlos, er nimmt seine Geheimnisse mit ins Grab. Ich gehe zu denen, die keine Stimme haben." Swetlana Alexijewitsch hat Geschichten dem Vergessen entrissen und aufbewahrt in Weltliteratur. Sie hat aus vielen Sandkörnern einen Sturm entfacht.