Ich habe kürzlich die Rede von Karl Ove Knausgård zum "Welt-Literaturpreis" gelesen. Ich habe sein Buch Lieben gelesen. Und ich frage mich, warum die Rezipienten diesem Autor so zahlreich, in einer Art anbetungswütigem Fieber, erliegen. 

Sicher, Knausgård hat der Welt einen Dienst erwiesen. Wann gab es das schon einmal, einen Schriftsteller, der über 4.000 Seiten lang sein Privatleben ausbreitet und seine Problematiken beschreibt. Schonungslos, wird gesagt, das stimmt, er schreibt in einer schonungslosen Unwissenheit über sich. Er selbst sagt zwar, er kenne seine Traumata, aber diese Erkenntnis bleibt folgenlos. Er sagt auch, er vermeide Konflikte und die Auseinandersetzung mit sich selbst. Auch diesem Gedanken folgt kein weiterer, sondern 4.000 Seiten Konfliktvermeidung, 4.000 Seiten Stillstand im Erkennen.  

Auch seine Ehrlichkeit eröffnet keine neuen Räume, es bleibt beim Konstatieren; schade, denn Knausgård hat vor allem den Bericht einer narzisstischen Störung geschrieben. Er leidet darunter, das ist deutlich, aber es ist wenig heilsam, dass er die ernste Störung zu einer verallgemeinerbaren Weltsicht erhebt. Seine Sicht dazu beschreibt er in einem rüden Stil. Er spult seine Wahrnehmungen ab wie ferngesteuert; seitenweise belanglose Beobachtungen, schiefe Metaphern, unlogische Gedankengänge und manchmal grammatikalischer Irrsinn. Das wird bewundernd als ein besonderer Stil wahrgenommen. Es ist aber kein gewollter Stil. Knausgård beherrscht keinen anderen. Er versicherte es selbst immer wieder – aber aus einem mir unverständlichen Grund glaubt ihm, den man sonst als so "authentisch" und "wahrhaftig" erlebt, hier niemand.

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig, heute wohnt sie in der Nähe von Berlin. Sie veröffentlichte unter anderem den Roman „Alle leben so“, die Erzählbände „Aus allen Himmeln“ und „Amateure“ sowie zuletzt die Romane „Das Mädchen“ und „April“. © Alex Reuter


Affektives Stehaufmännchen

Mit der Rezeption seines Monumentalwerkes beginnt eine große Ära der Wörter "Wahrhaftigkeit" und "Authentizität", und es beginnt die Geschichte einer Projektion. In Knausgård dürfen sich Leser und Rezipienten selbst begegnen. Seine Bücher werden als Befreiung empfunden. Ja, ruft es einem entgegen: So sind wir. Man erkennt das eigene Leben wieder, unser aller Leben: Demütigende Langeweile, Neid, Angst, Verklemmung, Ressentiments. Endlich spricht es jemand aus, "ohne moralische Schicklichkeit", endlich "verzichtet jemand auf die billigste Waffe der Intellektuellen: Selbstironie."

Scham, Wut, Wellen des Begehrens – Knausgård ist ein affektives Stehaufmännchen. Stereotyp in seinen Formulierungen, unfähig, Positionen zu beziehen. Deshalb das Ausweichen in abstrakte, meist inkohärente Denkgebilde. Selbst seine Kurzessays bestehen aus abenteuerlichen Blindflügen durch literarische Kleinjungenvorstellungen. Knausgård beschreibt keine Menschen, die ihn berühren, verändern, infrage stellen, sondern Schablonen – ausgenommen der innere Zirkel seiner Familie und ein paar Freunde. Er behauptet, dass die Menschen ihm zu nah sind, um Zeilen später die völlige Entleerung und Entfernung von ihnen zu beschreiben; sie könnten "seinetwegen verbrennen", sobald er wieder allein ist. Wenn die Furcht vor dem Denken, vor dem Erkennen-Wollen, durch Flucht in aggressives Nicht-Erkennen und Nicht-Denken gelöst wird, kann das subjektiv als enorme Entlastung empfunden werden. Begrenzt empfinde ich es allemal.  

Geschmähte Medien

Ich komme zu seiner Rede. Knausgård versucht darin, seine Sicht auf eine entfremdete Moderne zu legitimieren. Die Gleichmacherei, die er auch Presse und Demokratie ankreidet, zerstöre das Individuum. Vom Schein der Schreibtischlampe, unter der er seine Rede schreibt, kommt er zu den Bildern: "Über den anhaltenden Flüchtlingssturm über das Mittelmeer, von sinkenden Booten, ertrunkenen Menschen, die für mich eine Art gleichförmiges Rauschen im Hintergrund bildeten … sah ich plötzlich das Bild von einem kleinen Jungen, der, er war sicher nicht älter als drei, bäuchlings auf dem Strand lag, das Gesicht im Sand. Er war tot und ich begriff auf einmal, was der Tod bedeutete … das Bild unterbrach das Rauschen und zeigte sich als das was es war, ein Abbild der Wirklichkeit."

Ich gehe davon aus, dass in der angeblichen Masse, die Knausgård in den Blick nimmt und der er sich zurechnet, doch einige Menschen wissen, dass jedes Sterben ein individuelles Sterben ist. (Übrigens gab es über dieses Foto einen durchaus fruchtbaren Diskurs in den von Knausgård so geschmähten Medien, die "jedes Ereignis gleich machen ... das Einzigartige aufheben, um auf diese Weise zu lügen" es wurde in der Presse u.a. darüber diskutiert, ob so ein Foto zu kurzfristige Emotionen auslöst, und dass wir den Jungen so behandeln sollten, als wäre er unser Kind – und nicht ein Ding.)