Wer oder was war eigentlich noch mal der Bürger? Dem Literaturwissenschaftler Franco Moretti zufolge war der Bürger ein Scharnier, das zwei Jahrhunderte lang die Arbeiter- mit der Oberschicht verbunden hat. Er hat die Aktien der Kolonialexpeditionen gekauft, Privateigentum und Versicherungen für Versicherungen erfunden und seine Kinder auf teure Internate geschickt. Er hat sich für das Gemeinwesen engagiert, für eine bessere Zukunft persönliche Opfer gebracht und sich auf den freien Markt verlassen. 200 Jahre gebügelte Hemden, Fleiß und Wachstum.

In seinem Debütroman Lärm und Wälder zeichnet der Schriftsteller Juan S. Guse nun nach, was der freie Markt von seinem Schöpfer übrig gelassen hat. Im globalisierten Kapitalismus wächst die Kapitalrendite schneller als die Wirtschaftskraft, schreibt der französische Ökonom Thomas Piketty, weshalb es schon allein rechnerisch unmöglich ist, durch Arbeit zu den ernsthaft Wohlhabenden aufzuschließen. Für die Mittelschicht gibt es in dieser Rechnung im Zweifelsfall nur eine Richtung: nach unten. Wenige werden immer reicher, viele immer ärmer, der Austausch zwischen beiden Lagern immer unwahrscheinlicher.

Statt sich optimistisch in die öffentlichen Angelegenheiten einzumischen, hat sich der verängstigte Bürger deshalb in geschützte Lebensräume außerhalb der Geschichte zurückgezogen, die zwar Gated Communities heißen, aber eigentlich Reservate sind. Die Architektur dieser Geisterstädte ist einem goldenen Zeitalter der Bourgeoisie nachempfunden, das es so nie gegeben hat: glatte Straßen, weiße Terrassen, gebändigte Gärten.

Persönlicher Godot

Der Form halber halten die Bewohner dieser Trutzburgen nach wie vor einen gespenstischen Frieden aufrecht, doch innerlich sind sie längst in den Bürgerkriegsmodus gewechselt: Die Vororte haben ihre Verbindungen in die Innenstädte gekappt, hohe Mauern errichtet und private Sicherheitsdienste engagiert. Wer etwas von dem Wohlstand, dem Frieden und der Sicherheit abhaben möchte, soll es sich erst einmal holen kommen. Wie kleine Raumkapseln, die jederzeit abheben könnten, liegen die Gated Communities vor den Stadtgrenzen von Mumbai, Johannesburg, Istanbul. Die Gated Community in Juan S. Guses Roman heißt Nordelta, liegt vor Buenos Aires und existiert auch in Wirklichkeit.

Die Hauptfigur des Romans, Pelusa, fühlt sich in dieser techno-martialischen Gesellschaft überwiegend geborgen. Nacheinander gründet sie zwei Familien, die jeweils auf ihre eigene Weise unglücklich sind. Die erste Familie lebt in einem abgelegenen Haus in den Anden und zerbricht, als auffliegt, dass der Mann Beruhigungsmittel in Pelusas Mahlzeiten mischt. Pelusa schnappt sich den gemeinsamen Sohn und zieht zu ihrer Schwester. Allerdings: Ihr Mann erkennt nie an, dass Pelusa ausgezogen ist. Er verbringt seine Zeit vor allem damit, sich allein in seinem abgelegenen Haus in den Anden aufzuhalten und Vorbereitungen für Pelusas Rückkehr zu treffen, was dazu führt, dass sie sich zusehends zu seinem persönlichem Godot entwickelt.

Es gibt keine Gesellschaft

Pelusas zweite Familie lebt in der Gated Community "Nordelta" und scheitert, weil der Mann krankhaft von der Idee besessen ist, die Zivilisation liege in ihren letzten Zügen. Er kann die hungrigen Horden, die aus den Slums heranstürmen, quasi schon hören und "der Tag werde kommen, und er sei nicht mehr weit entfernt, an dem man den eigenen Nachbarn nicht mehr trauen könne und sie von einem Tag auf den anderen vor deinem Haus stehen würden, weil du etwas hast, was sie brauchen. Und wer bis dahin nicht ausreichend für sich vorgesorgt, wer nicht das Bewusstsein für das Risiko habe und zu eingelullt von seiner Arbeit und seinen Hobbys sei, um ein ernsthaftes Verständnis davon zu haben, wie leicht man verreckt, wie schnell man mit einem Messer abgestochen werden kann, wie dünn diese Wand ist, die alle lebenswichtigen Organe schützt, wer dieses Bewusstsein nicht habe, werde wie jedes andere Schaf, das nicht bis drei zählen kann, von den Wölfen gerissen".

An den Wochenenden bereitet er sich gewissenhaft auf diesen Tag vor: Er hebt einen Bunker aus, hortet Konserven, Lüftungsfilter und Wassertabletten, er hält sich fit und versteckt ein Sturmgewehr in der Garage. Wenn der Moment da ist, in dem es auf ihn ankommt und seine Handlungen wieder Konsequenzen haben werden, will er vorbereitet sein. "Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Familien", sagt sein einziger Freund Alvaro an einer Stelle. Pelusa bringt er damit natürlich um den Verstand.

Präventiver Rückzug

Bei beiden Familienväter aus Lärm und Wälder handelt es sich um übrig gebliebene white males, deren Ratschläge niemanden mehr hören will: "Wenn ich zur Arbeit fuhr, meinen Pappbecher mit Wasser füllte, wenn ich das Essen abends noch einmal warm machte oder im Supermarkt jemanden traf, den ich entfernt kannte, wenn ich irgendeinen Bescheid vom Ministerium oder Werbung erhielt, immer drängte sich mir die Idee auf – ich könnte hier verschwinden. Dieser ganze Schwachsinn könnte endlich aufhören."

Ihre ideelle Verlassenheit kanalisieren sie in einen neopatriarchalischen Kontrollwahn: Sie versuchen die maximale Herrschaft über ihr Schicksal zu erlangen, weil sie da draußen niemanden mehr haben, dem sie es anvertrauen würden. Sie ziehen sich präventiv aus einer Gesellschaft zurück, die ihnen nicht mehr den gebührenden Ehrenplatz zuweist, verlassen sich nur noch auf ihrer eigenen Hände Arbeit, entzivilisieren sich und werden so selbst zu der Gefahr, die sie überall vermuten.