Wenn eine Veranstaltung zu einer Institution geworden ist, dann kann die Frage kaum ausbleiben, ob sie ihren Zenit überschritten und damit ihre Relevanz eingebüßt habe. Beim Open Mike in Berlin, dem wichtigsten Wettbewerb für literarischen Nachwuchs, ist diese Frage in den vergangenen Jahren notorisch geworden. Das ist nicht weiter verwunderlich: Er fand nun zum 23. Mal statt.

Ins Leben gerufen wurde der Wettbewerb mithin in einer Zeit, an die heute wehmütig als die güldene des Nachwende-Buchmarkts gedacht wird, als die Vorschüsse für Schriftsteller genauso sprudelten wie die literarischen Stoffe überall zu wuchern schienen. Die Vermutung liegt nahe, dass der Open Mike heute, wo eine nahezu perfekt ausgebaute Infrastruktur zur Förderung der jungen Autoren und Autorinnen besteht, wo nicht nur durch Schreibschulen und Agenturen das Feld beständig sondiert und gefiltert wird, wo alle Potenziale vermeintlich immerzu abgeschöpft werden, zusehends an Notwendigkeit verliert.

Das Gegenteil ist der Fall. Gerade deshalb ist der Open Mike nach wie vor eine Bereicherung, die allerdings derjenige verkennt, der sich darauf beschränkt, unter 20 während zweier Tage präsentierten Texten zwangsläufig die Beiträge zu finden, die literarisch missglückt sind. Natürlich gibt es die. Wir haben es hier mit weitgehend unlektorierten Texten von Schreibenden zu tun, die sich in ihren Anfängen erproben. Entscheidender und deshalb produktiver ist hingegen die Frage, was sich an überraschenden, beglückenden, auf erhellende Weise irritierenden Erzählweisen und Tonlagen eröffnet, gerade dort, wo sich der oder die Schreibende darüber noch gar nicht vollends bewusst ist. 

Lektüre-Experiment

Gut 600 dieser Texte werden jährlich eingereicht und – das ist der besondere Reiz – anonymisiert an sechs Lektoren gegeben, die eine Vorauswahl treffen. In diesem Jahr: Sabine Dörlemann (Dörlemann Verlag), Sandra Heinrici (Kiepenheuer & Witsch), Doris Plöschberger (Suhrkamp Verlag), Andreas Rötzer (Matthes & Seitz Berlin), Christiane Schmidt (freie Lektorin) und Reto Ziegler (Edition Korrespondenzen).

Ein durchaus delikates Experiment, das Aufschluss darüber geben könnte, wie der Kontext – etwa ein bereits bekannter Autorenname in diesem Fall – die Wahrnehmung der eigenen Lektüre beeinflusst. Ein Experiment hingegen, dessen Auswertung ausbleiben muss: Die Bewerbungsliste ist ein gut gehütetes Geheimnis von Jutta Büchter, die den Open Mike für die Literaturwerkstatt Berlin organisiert.

Die gute Nachricht: Mindestens eine Handvoll Texte vermochte in diesem Jahr den großen Saal des Heimathafen Neukölln immer mal wieder noch ein wenig mehr zum Glänzen zu bringen, als er das ohnehin schon tut.

Das in den vergangenen Jahren oftmals gescholtene Genre des Metatextes, der nicht nur das Schreiben selbst zum Thema hat, sondern in der Regel auf den Mehrwert einer auf Effekt und Lacher ausgelegten Performance baut, war in diesem Jahr mit Beiträgen von Hilde Drexler und Toby Dax vertreten. Daran kann man grundsätzlich etwas zu kritteln haben. Gerade Hilde Drexler, die als erste Autorin las, legte mit Zinnentanz aber einen klanglich und rhythmisch fabelhaft durchkomponierten Text über das Suchen nach Wort, Syntax und Plot vor, der zweifelsohne über die kurzweilige Unterhaltung hinausging. Allenfalls ein Bruch hätte diesem Text gut getan. Weil der ausblieb und die Autorin stattdessen an ihrem Prinzip festhielt, erschöpfte sich dieses im letzten Drittel des Textes.

Massenmörder und Dichter

Ebenfalls Margarita Iovs Beitrag Mögliche Pfade hätte ein Bruch oder etwas Brüchigkeit gut getan, kam er doch etwas zu poetisch geputzt und deshalb nach außen abgeschlossen daher, sodass er nicht vollends begeistern konnte. Zwingender dagegen der atmosphärisch dichte, beklemmende Text von Hakan Tezkan, der viel Geheimnis bewahrte. Einen originellen, wenngleich in der Ausführung noch nicht geglückten, Ansatz stellte Philip Krömer mit seinem fiktiven Zusammentreffen des Dichters H.C. Artmann und dem Massenmörder Fritz Haarmann vor.

Überflügelt wurden diese zukunftsträchtigen Beiträge von einem Text mit dem lakonischen und nicht unbedingt poetischen Titel Matze. Felix Kracke, Jahrgang 1990, lässt darin jugendliche Skater einen Lobgesang und zugleich ein Abschiedslied anstimmen auf eben jenen Matze. "Es hat sich auserzählt, Mann über Bord und Anker werfen". Offenbar ist Matze nicht nur einfach gegangen. 

Utopie des Aufbruchs

Die Rede vom Mann, der über Bord gegangen ist, lässt es schon ahnen: Felix Kracke imitiert keinen pseudorealistischen Straßenslang, sondern erfindet eine Sprache, die sich kein bisschen artifiziell verquälen muss, sondern mit Leichtigkeit über das eigene Verlorensein im prekären Großstadtalltag und zugleich über die Utopie des Aufbrechens erzählt. So wie die Skater durch die Straße und, wenn sie doch könnten, über die Dächer gleiten, so gleiten wir von der Stadt aufs Meer, von der Gegenwart tief hinein in Geschichte und Mythologie, ohne dass es je angestrengt wirkte.

"Das Logbuch verloren, die Route vergessen, kein Seeschreiber an Bord, der schreibt und protokolliert, festhält und unterbricht, der uns später in die Schriften hebt. Verirrt, verfranzt, doch was soll's: Müssen wir uns selbst die Erzählung sein, drehen wir uns selbst die Filme, die keiner sehen will, schreiben wir uns die Bücher auf den Leib, die keiner lesen mag, deren Szenen wir schneiden und Wörter wir setzen. Erfinden, was wir nie waren, auf hoher See lernt man Lügen sprechen. Denn was hilft die Wahrheit, wenn es windet."