Zu den rätselhaften Phänomenen der Literatur gehören die BestsellerWarum ist gerade dieses Buch erfolgreich? Wieso stehen Menschen in Buchläden dafür Schlange? Was hat es, was andere nicht haben? In unserer Kolumne "Die kommentierte Ausgabe" suchen wir regelmäßig eine Erklärung.

Vermutlich hängt der Erfolg eines Buches, ähnlich wie der eines Albums, nicht zuletzt davon ab, ob dessen Lektüre einen Ohrwurm zurücklässt. Im Falle von Joachim Meyerhoffs Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke mag dieser Ohrwurm für den Außenstehenden zunächst einigermaßen abstrakt klingen. Er lautet schlicht: "Mooahh." Oder auch: "Moooahhh." Die Dehnung ist je nach Kontext zu variieren, ähnlich wie die Betonung. Wer aber Meyerhoffs Buch gelesen hat, der weiß, dass "Mooahh", wenn die herrlich kapriziöse Großmutter von Meyerhoffs Protagonisten es ausruft, die ganze Palette der Empfindungen enthalten kann: Erstaunen, Empörung, Entsetzen, Freude, und dass der Ausruf, ganz egal, worauf er sich gerade beziehen mag, vor allem eines ist: ganz großes Theater.

Die Rede vom "Protagonisten" ist nur die halbe Wahrheit. Joachim Meyerhoff, hauptberuflich Schauspieler und seit gut einem Jahrzehnt Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters, erzählt in seinem Buch ganz explizit von seinem eigenen Leben und seiner Familie. Er setzt damit den Zyklus Alle Toten fliegen hoch fort, dessen erster Teil Amerika im Jahr 2011 und dessen zweiter Teil Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war2013 erschien.

Man merkt diesem Projekt an, dass es ursprünglich als Theaterabend konzipiert gewesen ist, an dem Meyerhoff diese natürlich zwangsläufig auch immer wieder fiktionalisierten Episoden seiner  Vergangenheit erzählt. Und das eben ist das Einnehmende auch an diesem Roman: die vollends unangestrengte, lustvolle und vor allem famos lustige Weise, in der hier erzählt wird.

Weil Meyerhoff an der Münchener Otto-Falckenberg-Schauspielschule aufgenommen wird, zieht er vom norddeutschen Schleswig in den Süden – und damit geradewegs in eine Welt, von der man annehmen sollte, dass sie längst untergegangen wäre: In die unweit des Nymphenburger Schlosses gelegene Villa seiner Großeltern. Das vollkommen in Rosétönen eingerichtete Gästezimmer, das als Übergangslösung geplant war, bis eine eigene Bleibe gefunden ist, wird der Ort, an dem Meyerhoff während der kompletten drei Jahre der Schauspielausbildung bleibt.

Nun birgt schon allein die Vorstellung, dass ein großgewachsener junger Mann mit riesigen verbeulten Turnschuhen sich in einem rosafarbenen Mädchentraum einrichten muss, eine gewisse Komik. Wirklich komisch aber wird es – mehr als in den Kapiteln über die Schauspielschule –, wenn es um das Zusammenleben mit den Großeltern geht.

Hochprozentige Mundspülungen

Der Großvater ein emeritierter Philosophieprofessor, der allmorgendlich Turnübungen auf dem Balkon macht. Die Großmutter selbst Schauspielerin und eine Diva bester alter Schule. Mancher wird Inge Birkmann noch aus "Derrick" kennen, wo sie vorzugsweise mondäne Damen aus der Vorstadt spielte, die mit langstieliger Zigarette und hundsteurem Hausanzug durch die Weite ihrer Villa zur Haustür schlenderte, um dem Kommissar zu öffnen. Das Bild, das Meyerhoff von seiner Großmutter aus dem Fernsehen kennt, entspricht relativ genau dem, das sich ihm in Wirklichkeit darbietet.

Gerade die Schilderungen der gemeinsamen Mahlzeiten, bei denen selbst dem erwachsenen Meyerhoff unter dem gestrengen Blick der Großmutter noch das Ei vom Löffel plumpst oder bei denen die gesamte Familie vor Schreck erstarrt, weil die Großmutter ein vermeintlich entsetztes "Mooahh" ausgestoßen hat, um dann – Pause, Pause – nachdem ihre Geste die angemessene Wirkung entfaltet hat, lediglich anzumerken, wie köstlich der Käse schmeckt oder wie wunderbar es blüht im Garten.

In scheinbarem Widerspruch zur Perfektion der Einrichtung und zur noblen Akkuratesse der Großeltern und damit umso liebenswerter und leicht verschrobener erscheinen deren alltäglich zelebrierten Trinkrituale. Die beginnen nicht, wie der Enkel lange angenommen hat, mit dem Glas Champagner zum Frühstück, sondern bereits mit der hochprozentigen Mundspülung im Badezimmer, mit der nicht nur gespült wird. Zum Mittag folgt Weißwein, pünktlich um sechs wird zum Whisky gerufen, bevor dann der Rotwein entkorkt wird. Beendet wird der Abend mit einem Cointreau.

Notfalls im Treppenlift

Was für ein herrliches Leben diese Großeltern zelebrieren! Seinen anrührenden Höhepunkt findet es, wenn die beiden Alten sich allabendlich auf dem Wohnzimmerboden auf eine Decke legen, sich an den Händen halten, um gemeinsam Musik zu hören. Nicht selten ist Meyerhoff Zeuge dieser fast magisch anmutenden Handlung. In der Regel allerdings schon ganz schön benebelt. Wenn Meyerhoff einen kompletten Tag mit den Großeltern verbracht hat, denen der Alkohol wenig anzuhaben scheint, ist er selbst vollends betrunken und hinüber und muss notfalls auch mal auf den Treppenlift zurückgreifen, um es noch bis hinauf ins rosafarbene Zimmer zu schaffen.

Auch wenn es dieses ganze kulturgeschichtliche Überbau-Bohei bei einem Buch wie diesem gar nicht braucht, kommt man doch nicht ganz umhin, an Walter Benjamins Essay Der Erzähler zu denken, der immer dann herbeizitiert wird, wenn über den brachialen Modernisierungsschub gesprochen wird, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts das Leben vor allem in den Metropolen innerhalb kürzester Zeit auf vollkommen neue Voraussetzungen stellt. "Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war", schreibt Benjamin darin, "stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken und unter ihnen, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige, gebrechliche Menschenkörper."

Benjamin leitet daraus eine wesentliche Veränderung der Ästhetik ab: Weil der Mensch durch den rasanten technischen Wandel um ihn herum nicht mehr in der Lage sei, die Wirklichkeit in ein Verhältnis der Erfahrung zu sich zu setzen, müsse es auch zwangsläufig mit der Fähigkeit des Erzählens, wie man es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts kennt, zu Ende gehen.

Der Leser summt vor sich hin

Meyerhoff ist nun sicherlich nicht der erste und einzige, dem es gelingt, diese Krise zu überwinden und eine ursprüngliche Form des Erzählens zu reanimieren. Gerade aber in dem Gegenüber von aus der Zeit gefallener Welt der Großeltern und Schauspielschule, die beständig auf das Selbstbewusstsein des jungen Mannes einhackt, hat er eine große Liebeserklärung an eine Welt der Beständigkeit geschrieben, in der jeder Sessel immer noch genauso steht, wie zu Kindertagen. (Abgesehen von der Tatsache, dass die Großeltern in diesen Tagen dicke Plastikplanen über die Möbel zogen, zum Schutz vor den drei kleckernden Enkeln).

Allen voran aber ist Meyerhoffs Roman – darauf verweist schon der Titel, der über all den drei bisher erschienen Romanen steht Alle Toten fliegen hoch – eine Liebeserklärung an die Verstorbenen. Nicht nur die Großeltern müssen irgendwann doch ihre auf Ewigkeit angelegte Feier des Alltags aufgeben, Meyerhoff erzählt auch vom Schmerz über den Tod seines Bruders und seines Vaters. Dass Meyerhoff sich diesen Menschen mit einem solch zärtlichen Blick zuwendet und ihnen derart famose Auftritte beschert, lässt all die Anekdoten, die in diesem Roman zum Besten gegeben werden, weit über sich hinausstrahlen und den Leser noch eine ganze Weile ein leises "Mooahhh" vor sich hinsummen.