Die Adventswochen sind ein Fest für Buchhändler und Leser, es werden so viele Bücher gekauft wie nie sonst im Jahr: Gut ausgestattete Klassiker in neuen Übersetzungen, originelle Geschenkbücher, politische Pamphlete, großformatige Bildbände, profunde Sachbücher und literarische Überraschungserfolge wie Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 des diesjährigen Buchpreisträgers Frank Witzel. 

Wenige Buchkäufer machen sich indes Gedanken darüber, dass diese überwältigende Vielfalt an Büchern nur entstehen kann, weil es rechtliche Rahmenbedingungen gibt, die sie ermöglicht. Dazu zählt der gebundene Ladenpreis, der Preiskämpfe verhindert und dadurch die flächendeckende Versorgung mit Büchern durch unabhängige, meist inhabergeführte Sortimentsbuchhandlungen ermöglicht. Dazu zählt aber auch das bestehende Urheberrecht. Die von Großkonzernen und Akteuren wie Amazon durch willige Helfershelfer in der EU immer wieder attackierte Preisbindung und das Urheberrecht ermöglichten jahrzehntelang das Entstehen und Blühen einer weltweit einzigartigen Verlags- und Buchhandelslandschaft – wesentlicher Grundpfeiler unserer Demokratie.

Mit einer grob und fahrlässig gezimmerten Urheberrechtsnovelle scheint es Justizminister Heiko Maas nun darauf anzulegen, die Grundlage dieses kulturellen Erfolgsmodells zu zerstören. Ich kann wenig über die Interessen der Urheber und deren Verwerter in der Film- oder Musikbranche sagen, es kann auch sein, dass ein Buyout journalistischer Texte den Interessen ihrer Verfasser zuwiderläuft. 

Mehr als ein Kollateralschaden

Andreas Rötzer, Jahrgang 1971, ist Verleger des Verlags Matthes & Seitz Berlin, bei dem unter anderem der in diesem Jahr Frank Witzels mit dem Deutschen Buchpreis ausgzeichnete Roman "Die Erfindung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969" erschienen ist. © Julia Vietinghoff

Allerdings ist sicher, dass die Folgen der Urheberrechtsnovelle für Buchverleger und Buchautoren mehr als ein verschmerzbarer Kollateralschaden wären. Sie wären desaströs, darüber sind sich die einig, die es betrifft. Es ist sicherlich legitim, dass Autoren, Journalisten, Übersetzer und Illustratoren für ihr Einkommen streiten, dabei können auch alternative Verwertungsmodelle diskutiert werden. Wenn dabei allerdings das Urheberrecht als solches an der Wurzel angegriffen wird, ist die Existenz der Verlage bedroht. In einem von den Verlegern Jonathan Beck (C.H. Beck) und Jonathan Landgrebe (Suhrkamp) sowie der Agentin Elisabeth Ruge initiierten offenen Brief wenden sich auch eine Vielzahl von Autoren wie Sibylle Lewitscharoff, Frank Witzel, Judith Schalansky, Kristof Magnusson und Durs Grünbein gegen einen Gesetzentwurf, der nicht einmal als Gesprächsgrundlage taugt.

Worum geht es? Der Entwurf sieht eine Ausstiegsoption für die Urheber nach fünf Jahren vor. Bislang konnten Verleger und Autoren die Vertragsdauer individuell festlegen, und für den Fall, dass keine Dauer festgelegt wurde, galt die Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Autors. Die ermöglichte den Verlagen, in langfristige Projekte zu investieren, auf die gemeinsame Zukunft zu wetten. Der Erfolg des Verlags ist immer auch der Erfolg des Autors, der Erfolg des Autors immer auch der des Verlags. Der Verlag ist durch Lektorat an erster Stelle, dann durch Programmarbeit, Themensetzung, Geben von Impulsen, Schaffung von Kontexten, Öffentlichkeitsarbeit, Werbung, Vertrieb, Lesungsorganisation, Anbieten und Verkauf von Auslandsrechten, Nebenrechtsverwertung wesentlich beteiligt. 

Diese Arbeit, diese Investitionen in den Autor und sein Werk sind aber auf Dauer angelegt, es braucht mehr als fünf Jahre, um ein Werk, einen Autor durchzusetzen, es gibt nicht wenige Beispiele, in denen der Erfolg erst nach vielen Jahren hartnäckiger Arbeit eintritt. Der Glaube daran ist Verlagssache, während dieser Zeit ausbleibender Anerkennung die Rechte des Autors zu schützen, seine Aufgabe. Eine Ausstiegsklausel nach fünf Jahren würde die Aussicht auf Rendite noch unsicherer machen und damit die Kalkulation wesentlich verändern, sie bedeutet die Ökonomisierung eines auf Symbiose angelegten Verhältnisses. Gleichzeitig würde sich ein Modell ins Gegenteil verkehren, das neben einer finanziellen Rendite eine nicht unerhebliche kulturelle und damit gesellschaftliche Rendite ermöglicht. Ab nun gälte: Wer schon Erfolg hat, wird Öffentlichkeit bekommen, in den, der keinen Erfolg hat, wird nicht mehr investiert. Noch unbekannten Stimmen Öffentlichkeit zu verschaffen, aus meiner Sicht eine der zentralen Aufgaben der Verlage, wird nicht mehr rational zu rechtfertigen sein. Verlage werden nur noch vermeintliche Bestseller verlegen, die sich schnell amortisieren und sicher kalkulierbar sind.

Nur noch vermeintliche Bestseller

Um diesen Gesetzentwurf beurteilen zu können, genügt ein Blick auf die Nutznießer desselben. Das wären in diesem Fall Amazon und die Konzernverlage, die nicht dafür bekannt sind, Autoren aufzubauen und in sie zu investieren, solange sie noch unbekannt sind. Sie könnten nun den von anderen, meist kleineren Verlagen ermöglichten Erfolg abschöpfen, die in eine ferne, häufig nie eintretende Zukunft vertagte Rendite würde ihnen genommen, damit die Geschäftsgrundlage. Effekt wäre eine weitere Oligopolisierung und eine gleichzeitige Verflachung der literarischen Produktion. Alle Anstrengungen Monika Grütters' für eine vielfältige Verlagsszene und einen starken Unabhängigen Buchhandel würden damit konterkariert. Ebenso wie die großen Bemühungen der Goethe Institute, deutsche Literatur ins Ausland zu bringen – 2015 wurden beispielsweise fast 130 Übersetzungen in diverse Sprachen gefördert. Verfügen Verlage in Zukunft nur fünf Jahre lang über die Rechte, dürfen sie diese auch nur für diese Dauer anbieten. Für mögliche Lizenznehmer ist dies absolut inakzeptabel, Übersetzungsrechte erfolgreich anzubieten wäre somit unmöglich.

Man muss sich nur die Verlags- und Autorenlandschaft in Ländern wie Russland ansehen, in denen Vertragslaufzeiten von fünf Jahren üblich sind, um zu sehen, was passiert, wenn das Hauen und Stechen um Autoren beginnt und von dann notwendig kurzfristigen Profiterwartungen geleitet wird. Ein vollkommen unübersichtlicher Markt mit ungeschützten Rechten ist das Ergebnis. Vielleicht ist es auch hier kein Zufall, dass der Zustand der Demokratie in diesen Ländern so ist, wie er ist. In dem Maße, wie das Urheberrecht das Engagement für viele verschiedene Stimmen im öffentlichen Diskurs ermöglicht, lässt sich sagen: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Urheberrecht und Demokratie.