Faschismus ist bewaffneter Phonozentrismus. Klingt komisch, ist aber so. Denn Phonozentrismus, ein vom Philosophen Jacques Derrida geprägter Begriff, beschreibt die Privilegierung der Stimme gegenüber der Schrift. Genauer: Es meint den seit Platon vorherrschenden Glauben, dass das gesprochene Wort dem gedruckten überlegen sei, weil es sich näher am Ursprung des Sinns bewege. Während nämlich die Stimme für unmittelbare Präsenz steht, gilt die Schrift als zweitrangig, als eben nur buchstäblich vermittelte Rede. Oder wie es schlicht im zweiten Korintherbrief heißt: "Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig."

Im Faschismus zeigte sich dieser Glaube in radikaler Weise. Keine andere Ideologie der Moderne vertraute so sehr auf die Stimme und nutzte sie derart für die politische und vor allem militärische Dauermobilisierung. Im Gegensatz zum Kommunismus, der geradezu einen Fetisch für die Schrift hegte, setzte insbesondere der Nationalsozialismus fast alles auf das gesprochene Wort. Zum einen mittels der hysterischen Massenansprachen von Hitler und Goebbels. Zum zweiten in Form seines ausgewiesenen Lieblingsmediums: den Tonfilm.

Von Stukas über Jud Süß bis zu Opfergang pumpten die Nazis Abermillionen Reichsmark in Kinoproduktionen, die Propaganda mit seichter Unterhaltung mühelos kombinierten. Und zum dritten vor allem in Gestalt des Radios, welches das cholerische Schnarren des Führers per Volksempfänger in die heimischen Wohnzimmer brachte. Entsprechende Programmhinweise hatte Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky bereits im Jahr 1935 gegeben: "Was das Gebäude der Kirche für die Religion, das wird der Rundfunk für den Kult des neuen Staates. […] Jeder Funkschaffende ist Träger nationalsozialistischer Sendung, ein Propagandist und Apostel der Idee."

Die medientheoretische Differenz zwischen Faschismus und Kommunismus bestand, schreibt der Kulturwissenschaftler Jochen Hörisch, darin, "dass das Hitler-, Mussolini- oder Franco-System kultisch auf diktatorische Radiostimmen, selbst der Stalinismus aber noch (nicht minder kultisch) auf Marx-Engels-Lenin-Stalin-Buchmeter ausgerichtet war."

Das ist nicht zuletzt der Grund dafür, dass der Nationalsozialismus praktisch keine bleibenden Schriften hinterließ. Erst recht keine mit systematischem Anspruch. Mit zwei Ausnahmen. Die eine ist Alfred Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts, der pseudowissenschaftliche Versuch von Hitlers Ideologen eine Art theoretisches Standardwerk des Nationalsozialismus zu schaffen. Stieß das Buch aber schon zu NS-Zeiten auf eher magere Resonanz, ist Rosenbergs Pamphlet heute nur noch ein Fall für interessierte Historiker. Ganz anders verhält es sich mit der zweiten Ausnahme: Adolf Hitlers Mein Kampf.

Hitlers einstiger Bestseller, der, so legen damalige Ausleihlisten von Bibliotheken nahe, keineswegs ein staatlich verordneter Staubfänger war, sondern wohl tatsächlich auch gelesen wurde, spukt bis heute im kollektiven Gedächtnis der Deutschen herum. Momentan vor allem deshalb, weil jetzt, 70 Jahre nach Hitlers Tod, die beim Freistaat Bayern liegenden Urheberrechte ausgelaufen sind und das Buch nun erstmals wieder erscheint: in der fast 2.000-seitigen Edition des Münchner Instituts für Zeitgeschichte. Und auch wenn die Ausgabe über 3.500 Anmerkungen zur kritischen Kommentierung aufbietet, wird dennoch seit Wochen und Monaten kontrovers diskutiert, was für Folgen die Veröffentlichung habe, ja, ob sie aus schwachen Seelen sogar wieder Nazis machen könnte?

Fragt man nun, warum Mein Kampf offensichtlich immer noch so ein gespenstisches Faszinosum zu sein scheint, ist die Antwort womöglich weniger inhaltlicher als medientheoretischer Natur. Die Tatsache, dass Hitler drin ist, wo Hitler draufsteht, sollte 2016 in Guido-Knopp-Country ja eigentlich keinen mehr überraschen. Zumal Neonazis, seien es jene in Nadelstreifen oder die notorischen Fleischmützen mit Bomberjacke, den Text im Zweifelsfall sowieso schon besitzen. Dafür reichen ein paar Klicks im Netz.

Für alle anderen dürfte die gleichermaßen stumpfe wie mäandernde Melange aus Rassismus, Antisemitismus und Imperialismus, die nur ansatzweise den Versuch macht, so etwas wie eine Argumentation zu simulieren, kaum verführerisch wirken. Menschenhass zu predigen, das kriegt heute jede mittelmäßig gemachte Broschüre von Rechtsradikalen hin.

Eine okkulte Kraft des Bösen?

Man sollte im Umgang mit Mein Kampf auch nicht unbewusst die einstige Strategie der nationalsozialistischen Propaganda fortschreiben. Diese dichtete dem Buch nämlich umgehend einen, so die Sprachwissenschaftler Christian Alexander Braun und Christiane Friederike Marxhausen, "staatsreligiösen Fetischcharakter" an. Nicht zuletzt durch eine 1936 produzierte Sonderausgabe, die per Hand auf Pergament geschrieben war und in einem dazugehörigen Holzschrein aufbewahrt wurde. Wer heute glaubt, das Buch würde direkt nach dem Aufschlagen eine Art okkulte Kraft des Bösen entfalten, bewegt sich deshalb nicht nur im Bereich des magischen Denkens, sondern behandelt das Buch, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen, immer noch als auratisches Artefakt.

Und das ist deshalb problematisch, weil damit implizit eine Entlastungserzählung reproduziert wird, nämlich die von den braven Deutschen, die lediglich zum kollektiven Opfer einer Clique von Demagogen wurden. Ja, Mein Kampf ist ein Sammelsurium von völkischen, rassistischen und antisemitischen Widerwärtigkeiten, welches bewusst zur ideologischen Kommunikation eingesetzt wurde. Aber um den totalen Angriffskrieg zu entfesseln und den Holocaust durchzuführen, mussten Deutsche und Österreicher nicht durch ein Buch verführt werden. Das haben die allermeisten schon von ganz alleine gemacht.

Die allgemeine Verunsicherung darüber, was Mein Kampf im deutschen Gemüt anrichten könnte, lässt sich womöglich eher damit erklären, dass das faschistische Buch in der deutschen Nachkriegsdemokratie hermeneutisches Neuland darstellt. Anders gesagt: originale Film-, Ton- und Bildaufnahmen des Nationalsozialismus gehören hierzulande zur täglichen Dosis Hitlertainment, mit Originaltexten gibt es in der Masse jedoch wenig Erfahrung. Der Unterschied: Während erstere schon allein durch die mediale Qualität ihre Vergangenheit markieren, etwa die Schwarz-Weiß-Farben oder das Knistern der Ton-Aufnahmen, ist das beim Buch, zumal bei Neuauflagen, viel weniger der Fall. Ihm wird viel eher Zeitlosigkeit attestiert.

Besonders deshalb, weil es eben dezidiert das Buch ist, das im Imaginären des Bildungsbürgertums als bevorzugter Träger überhistorischer Wahrheiten firmiert. Die Bibel, Homer und Goethe lassen grüßen. Kurzum: Die Sorge, Mein Kampf könne abermals eine geistige Brandstiftung in Gang setzen, hat nicht nur mit dem Inhalt, sondern auch mit den unterstellten Effekten seines Trägermediums zu tun.

Doch man kann Entwarnung geben. Schon deswegen, da Hitler so sehr Phonozentrist war, dass er seinem Machwerk, das zunächst ja auch nur eine Art Beschäftigungstherapie während der Gefängniszeit im Jahr 1924 gewesen war, selbst nur bedingte Wirkkraft zutraute. Und das will was heißen. Er schreibt in Mein Kampf: [D]ie größten Umwälzungen auf dieser Welt sind nie durch einen Gänsestiel geleitet worden. Nein, der Feder blieb es immer nur vorbehalten, sie theoretisch zu begründen. Die Macht aber, die die großen historischen Lawinen religiöser und politischer Art ins Rollen brachte, war seit urewig nur die Zauberkraft des gesprochenen Wortes. Die breite Masse eines Volkes vor allem unterliegt immer nur der Gewalt der Rede."

Und eins ist ganz sicher: Theoretische Begründungen findet man in dem Buch keine.

Falls jemand dieser Tage nun aber gar nicht ohne "Irgendwas-mit-Hitler" auskommen kann, dem sei vielleicht einfach ans Herz gelegt, sich statt Mein Kampf einen der ausgewiesenen Lieblingsfilme von Hitler zu besorgen: Walt Disneys Schneewittchen und die Sieben Zwerge. Da hat auch die ganze Familie was von.

Neuveröffentlichung - Debatte um Hitlers "Mein Kampf" Die kommentierte Neuveröffentlichung von Hitlers "Mein Kampf" spaltet die Meinungen: Für die einen ist die Ausgabe eine Chance auf historische Aufarbeitung, für die anderen eine leidvolle Erinnerung an den Holocaust.