Fußball und Literatur unterhalten ein schwieriges, wenn nicht antipodisches Verhältnis zueinander. Einerseits geht die Faszination des Spiels nahezu immer verloren bei der Übertragung in Schrift, andererseits geraten literarische Hinwendungen an diesen Sport oft ähnlich flach wie die Sprüche beim sonntäglichen Doppelpass im Sportfernsehen.

Insofern ist es beruhigend zu sehen, dass İmran Ayata mit seinem Roman Ruhm und Ruin den Fußball nur als Anlass nimmt, eine ganz andere Geschichte zu erzählen. Anhand von elf Figuren (ein solcher Rückfall in die Bolzplatznumerologie kündet vom eingangs erwähnten schwierigen Verhältnis) umreißt der Autor die triste Gegenwart eines ehemals europaweit bekannten Migrantenclubs aus Kreuzberg. Dahinter steht kaum fiktionalisiert Türkiyemspor Berlin 1978, "der spielende Beweis, dass Ausländer in Almanya etwas erreichen können". Die Mannschaft, der Stolz der Gastarbeiter, klopfte in den 1980ern ans Tor zur zweiten Liga. Heute, nach zuletzt drei Abstiegen in Folge, ist wieder Landesliga angesagt.

In dieser glanzlosen Gegenwart legt Ayata mit einer episodenhaften Struktur drei Konfliktebenen aus, die er sehr clever ineinander greifen lässt. Da ist zum einen die zerrüttete Familie Toprak, der das fußballerische Talent des Sohnes Arda nur Unglück gebracht hat. Als die ersten Bundesligaklubs anklopften, tickte Vater Fikret durch, schwang sich auf zur zwielichtigen Managergestalt. Als Ardas Karriere dann aufgrund von Verletzungen nicht die erhoffte Rasanz annahm, wurde er ungeduldig und verscherbelte ihn an den Kiezklub. Arda bricht daraufhin ebenso mit seinem Vater wie Yasemin, die Schwester und Modedesignerin, der eine Bekannte die Escortleidenschaft ihres zur "Managerfarce" mutierten Vaters steckt.

An die Toprak'schen Familienprobleme dockt sehr schön die diffuse Vereinsmeierei an. Nicht nur, dass im Klub ein Machtkampf zwischen dem AKP-nahen Unternehmer Sefik Aslan, der den Verein wie eine Firma führen möchte, und einer basisnahen Gruppe um Komünist Yusuf tobt. "Mal übernehmen die türkischen Nationalisten das Ruder, dann stellen die Linken das Präsidium. Unser Verein ist ein Labor für Machtspiele. Es geht darum, wer das Sagen hat. Es geht um den Konflikt der Generationen und Geschlechter. Es geht um Fußball, es geht um unseren Alltag. Es geht um unser Leben." Ein Leben, dass sich verändert hat, auch wenn zwei knutschende Spielerinnen und das Engagement gegen Homophobie noch immer auf große Widerstände bei den anatolischen Vereinsgründern stößt. Von hier ist es nicht weit zu handfest politischen Konflikten: vereinsintern bei den hitzigen Debatten zur Kurdenfrage, extern bei Auswärtsspielen in der ostdeutschen Naziprovinz.

Diese Menge an thematischem Zunder erklärt Ayatas erzählerisches Umkreisen Türkiyemspors, für das man viel zu schnell faule Begriffe wie "postmigrantisch" oder "gelungene Integration" bemühen will. Integration, die der schrullige Vereinsboss Komünist Yusuf übrigens vehement vom Osten einfordert. "Dort haben wir ein Integrationsproblem. Die Ossis haben sich abgekapselt. Sie leben in einer Parallelgesellschaft." Die Wahrheit darf durchaus komisch sein.

Vielleicht rührt Ayatas Interesse an Türkiyemspor aber auch daher, dass auch er sich mit unglücklich verpassten Gelegenheiten auskennt. Sein Erzählband Hürriyet Love Express war damals wohlwollend aufgenommen worden, aber als sein Romandebüt Mein Name ist Revolution 2011 herauskam, rutschte der Verlag in die Insolvenz und eines der besten Bücher des Jahres war ausschließlich über Zweitausendeins zu beziehen. 

Passgenau hingetuschte Porträts

Dabei hatte die Geschichte von Devrim, den eine romantische Liebe nach Dersim, dem widerständigen kurdischen Herz der Erdoğan-Türkei treibt, einfach alles, was ein gelungener Roman braucht. Glaubwürdige Charaktere, sprachliche Prägnanz, einen ernstzunehmenden Konflikt sowie – eine Seltenheit in der deutschen Gegenwartsliteratur – ein weltpolitisches Bewusstsein. Und es blieb nicht bei der tragischen Unsichtbarkeit des Romans. Hinzu kam, dass Deniz Utlu unter einigem Applaus  Die Ungehaltenen veröffentlichte. Einen Roman, der – nun ja – frappierende Ähnlichkeiten zu Ayatas Mein Name ist Revolution aufweist.

Als Episodenroman geht Ruhm und Ruin in eine ganz andere Richtung als der Vorgänger. Die Vielfalt an sprachlichen Registern ist beeindruckend, und dennoch hat längst nicht jede Figur einen überzeugenden Sound, darunter leider auch Arda und Fikret Toprak. Der Turkokapitalist Aslan hingegen ist passgenau hingetuscht, wie überhaupt viele der Figuren, die in der Erzähllogik eher lose an den Verein gekoppelt sind.

All das soll nicht heißen, dass dieser Roman misslungen wäre – keinesfalls. Allein die letzte Episode ist eine Prosaminiatur in Gold. Darin möchte der Kurde Zafer den Uefa-Cup-Erfolg seines Lieblingsvereins Galatasaray alleine feiern, da in den Fangesängen nationalistische und antikurdische Ressentiments zunehmen. Auf dem Nachhauseweg verliebt er sich, magisch, tragisch. Tatsächlich kann Ayata wie kaum jemand sonst die Wonnen unglücklicher Liebe ausbuchstabieren. Wo immer er dies mit der politisch prekären Situation der Kurden und den großstädtischen Lebensentwürfen der zweiten Generation der Migranten zusammengehen lässt, kann man sich seiner Prosa nicht entziehen. Das ist zwar bei Ruhm und Ruin gelegentlich, aber nicht durchgängig auf dem Niveau gelungen, welches Ayata mit der Kurzgeschichte Wintersonne oder dem gerade wieder aufgelegten, wirklich großartigen Roman Mein Name ist Revolution vorgelegt hat.

İmran Ayata: Ruhm und Ruin. Verbrecher Verlag, Berlin 2015, 200 Seiten, 19 Euro.