Das Vermögen zu böser Ironie und Provokation gehört zu den unbestrittenen Eigenschaften von Michel Houellebecq. Faszinierender indes ist noch eine andere seiner Fähigkeiten: die Wahrung einer undurchdringlichen, mitunter unheimlich erscheinenden Ambivalenz: Hat Houellebecq mit seinem Roman Unterwerfung (Soumission), der einen Tag vor den Anschlägen auf das Satiremagazin Charlie Hebdo im Januar 2015 erschien, die Attentate antizipiert oder womöglich gar (mit-)provoziert? Gehen die islamfeindlichen Ressentiments, die in Unterwerfung zur Sprache kommen, mit Houellebecqs eigenen Positionen einher? Oder bildet er nur die Mentalität ab, die er in der französischen Gesellschaft beobachtet?

Der durch diese Ambivalenzen hervorgerufene Reiz, der auch bereits Houellebecqs frühere Romane ausmacht, bekam im vergangenen Jahr durch die Pariser Anschläge auf Charlie Hebdo eine neue Qualität. Nicht etwa, weil nun eine gesichertere Deutung seiner Literatur oder seines Denkens möglich war, wohl aber deshalb, da Houellebecqs Name von da an mit den Attentaten verstrickt wurde. Dass Frankreichs Premier Manuel Valls nach den Attentaten Houellebecq und dessen Roman um der Distanzierung willen explizit ins Spiel brachte ("Nein, Frankreich, das ist nicht die Unterwerfung, Frankreich, das ist nicht Michel Houellebecq"), ist nicht allein der Grund.

Gerade dort, wo man jeden Zusammenhang negierte und Houellebecq noch einmal ausdrücklich von jeder Verantwortung freisprach – die Verbindung war, so oder so, gestiftet. Dass Houellebecq als verschrumpelte Magier-Karikatur das Cover der Charlie-Hebdo-Ausgabe zierte, die einen Tag vor den Anschlägen erschien, lieferte zudem eine bildliche Untermalung, die im Gedächtnis blieb – ohne dass sowohl Macher des Magazins als auch der Autor selbst ahnen konnten, welche Assoziationen diese Karikatur wenige Stunden darauf hervorrufen würde.

Zum traurigen Jahrestag des Anschlags auf das Satiremagazin, bei dem nicht nur Houellebecqs Roman auf so unheilvolle Weise mit der Wirklichkeit korrelierte und bei dem der Autor selbst mit Bernard Maris einen Freund verlor, plant Houellebecq einen neuen Coup: Der erste, gut 1.200 Seiten umfassende Band einer Gesamtausgabe kommt an eben jenem Tag in den französischen Handel, an dem im vergangenen Jahr Unterwerfung in die französischen Buchläden kam und auf den am nächsten Vormittag die Angriffe auf die Redaktion von Charlie Hebdo folgten.

Nun ist nicht ausgeschlossen, dass die Gesamtausgabe eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin bereits zu dessen oder deren Lebzeiten begonnen wird. Es ist jedoch ungewöhnlich, zumal bei einem Schriftsteller, der wie der 1956 geborene Houellebecq vergleichsweise jung ist. Interessant wird die Ausgabe in diesem speziellen Fall vor allem durch ihre Symbolträchtigkeit.

Halb süffisant, halb amüsiert

Houellebecq, der nach Jahren in Irland kürzlich nach Frankreich zurückgekehrt war, ließ nach dem Anschlag die Werbekampagne für seinen Roman stoppen. Er sagte alle Auftritte ab und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Einzig eine Lesung in Köln, die zum medialen Ereignis wurde, nahm Houellebecq wahr. Er ließ sich aber auch dort, wie stets, in der altbekannten Mischung aus halb süffisantem, halb amüsiertem Ennui nicht dingfest machen, was seine Haltung oder gar Rolle in aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen anging.

Wenn Houellebecq jetzt – nachdem er nach den jüngsten Anschlägen im November in der italienischen Zeitung Corriere della Sera hart mit der französischen Regierung ins Gericht gegangen war – in Frankreich selbst durch eine Werkausgabe in die Öffentlichkeit zurückkehrt, dann könnte das als Signal verstanden werden, dass Houellebecq sich als Autor und Person des öffentlichen Interesses noch entschiedener aus dem aktuellen Geschehen verabschieden will. Dass er einzig seine Texte für sich sprechen lassen möchte.