Schriftsteller Michel Tournier 2000 im französischen Cassis © Patrick Box/Gamma-Rapho via Getty Images

Der renommierte Autor sei am Montagabend im Alter von 91 Jahren zu Hause in Choisel bei Paris gestorben. Das berichteten sein Patensohn Laurent Feliculis und das Rathaus seines Wohnorts der Nachrichtenagentur Agence France-Presse. Tournier gehörte zu den bedeutendsten Autoren Frankreichs in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Seinen internationalen Durchbruch hatte er mit dem Roman Der Erlkönig, in dessen Mittelpunkt ein vom Nationalsozialismus faszinierter französischer Kriegsgefangener steht. Das 1970 erschienene Buch, das in einer NS-Eliteschule in Ostpreußen spielt, brachte ihm den Prix Goncourt ein und wurde 1996 unter dem Titel Der Unhold von Volker Schlöndorff verfilmt.


Frankreichs Premierminister Manuel Valls würdigte Tournier noch am Montagabend als einen "herausragenden Erzähler". "Sein Werk wird weiterleben", schrieb Valls bei Twitter.

Enge Beziehungen zu Deutschland

Als einer der wenigen französischen Schriftsteller hat Tournier auch über den Mauerfall am 9. November 1989 geschrieben. Auf Deutsch sind von ihm unter anderem Der Wind Paraklet. Ein autobiografischer Versuch sowie Der Garten des Vagabunden erschienen.

Tournier gehörte nach 1945 zu den ersten Franzosen, die nach Deutschland gingen. Der Sohn zweier Germanisten studierte selbst Germanistik und Philosophie in Paris und Tübingen. Nach einer Tätigkeit als Übersetzer für Deutsch arbeitete er für Rundfunk, Fernsehen und Verlage, bevor er 1967 seinen ersten Roman Freitag oder im Schoß des Pazifik vorlegte, der zu seinen größten Erfolgen in Deutschland zählte. Es folgten über die Jahrzehnte zahlreiche Romane, Erzählungen, Kinderbücher und autobiographische Essays.

Tournier zerbrach Deutschland-Klischees

In seinen Büchern versuchte Tournier, mit deutsch-französischen Stereotypen aufzuräumen. Seine Essaybände, Kinderbücher und Romane wurden in zahlreichen Sprachen übersetzt. Oft verwandelte er Mythen und Märchen in Geschichten unserer Zeit.

Wichtige spätere Bücher waren Zwillingssterne sowie Kaspar, Melchior und Balthasar. Trotz seiner oft ungewöhnlichen Themen erreichten Tourniers Bücher eine Millionenauflage und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Der Schriftsteller bestimmte als Mitglied der Académie Goncourt über die Vergabe des wichtigsten französischen Literaturpreises mit und gehörte auch der Bayerischen Akademie der schönen Künste an.

Tournier blieb zeitlebens Junggeselle und lebte die letzten Jahrzehnte in einem alten Pfarrhaus auf dem Land im Südwesten von Paris. Zuletzt wurde der Autor, der schon länger mit Altersbeschwerden kämpfte, von seinem Patensohn Laurent Feliculis betreut.

"Wir lebten rund um die Uhr mit ihm, er konnte seit drei Monaten nicht mehr allein bleiben", sagte Feliculis nach Tourniers Tod. Der Schriftsteller sei immer wieder gestürzt. "In letzter Zeit wollte er nicht mehr kämpfen, das war das Alter."