Die Künstlerin Miranda July © Todd Cole

ZEIT ONLINE: Was für ein Pullover! Erdbeeren in Strick!

Miranda July: Danke, aber ist Ihnen aufgefallen, was ich hier versucht habe: Erdbeer-Pullover zur schwarzen Lederhose und High Heels. Funktioniert das?

ZEIT ONLINE: Es ist ein guter Kontrast.

July: Ein Glück, ich seh’ nicht aus wie eine Erstklässerin.

ZEIT ONLINE: Nein, das Rabiate kommt gut durch. Ich habe gelesen, dass Sie sich das letzte Mal auf einer Modenschau geprügelt haben.

July: Nicht geprügelt, ich habe meine Sitznachbarin nur leicht gewürgt.

ZEIT ONLINE: Das klingt nicht besser. Was ist passiert?

July: Modenschau, erste Reihe, Platzprobleme, am Ende hatte ich meine Hände um den Hals der Frau neben mir und habe ihr zugeflüstert: "Ich will Deine Muschi lecken."

ZEIT ONLINE: Wieso?

July: Ich weiß nicht, so verliere ich meine Geduld.

ZEIT ONLINE: Wie hat sie reagiert?

July: Das war ja das Verrückteste an der ganzen Sache: Gar nicht. Sie hat keine Miene verzogen.

ZEIT ONLINE: Passiert Ihnen so etwas öfter?

July: Nein, so etwas passiert tatsächlich selten. Ich schlucke Emotionen und Ärger eher runter, anstatt sie rauszulassen. Es passiert sehr viel häufiger, dass ich einen Kloß im Hals habe.

ZEIT ONLINE: Cheryl Glickman, die Hauptfigur Ihres neuen Buchs Der erste fiese Typ leidet ebenfalls unter einem permanenten Kloß im Hals.

July: Ja, einem Globus hystericus. Das heißt wirklich so! Ich wurde selbst schon damit diagnostiziert, auch wenn es nicht so schlimm war wie bei Cheryl.

ZEIT ONLINE: Liest man den Buchtitel Der erste fiese Typ, denkt man erst es gehe um die Beziehung zwischen Mann und Frau. Dabei geht es um zwei Frauen. Um Cheryl und Clee, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Cheryl ist Anfang 40, neurotisch, unattraktiv. Clee ist 20, blond, erotisch, aber sie hat Fußpilz und eine Vorliebe für Junkfood und Pepsi light. Sie begegnen sich, weil Clee die Tochter von Cheryls Chefs ist und für ein paar Wochen bei Cheryl einzieht, um sich beruflich zu orientieren. Doch alles was sie tut, ist auf dem Sofa liegen und fernsehen.

July: Als ich anfing, das Buch zu schreiben, wusste ich nur: Ich habe zwei Frauen, die sich hassen und sich trotzdem aufeinander einlassen. Am Ende bekommt jemand ein Baby.

ZEIT ONLINE: Cheryl und Clee lassen sich in dem Moment aufeinander ein, in dem sich auch Cheryls Kloß das erste Mal löst, wenn sie anfangen sich zu prügeln.

July: Ich wusste erst nicht, wie ich die beiden zueinander bringen sollte. Bis ich eines Tages die Szene schrieb, in der Clee Cheryl das erste Mal gegen die Wand drückt. Das war eine Befreiung. In dieser Gewaltgeste lag meine ganze schreiberische Frustration und es tat sehr gut, sie rauszulassen. Also dachte ich, das könnte auch für Cheryl eine Erleichterung sein. Was ich interessant finde: Obwohl die Gewalt zwischen den beiden im Buch gar nicht so eine große Rolle spielt, wollen alle darüber reden.

ZEIT ONLINE: Vielleicht weil man mit Frauencharakteren eher passive Aggressivität verbindet und keine körperliche Gewalt.

July: Vor allem, wenn es kein Opfer gibt. Das irritiert die Leute. Wenn ich das Ganze in einen Sadomaso-Kontext gestellt hätte, wären die Leser wahrscheinlich weit weniger irritiert.

ZEIT ONLINE: Oder wenn Clee ein Mann wäre.

July: Geht es um Gewalt zwischen Mann und Frau, ist man sehr schnell beim Thema häusliche Gewalt. Für zwei sich schlagende Frauen gibt es keinen richtigen Kontext. Das fand ich interessant. Dass man sehr lange nicht weiß, wo das hinführen soll. Diese Orientierungslosigkeit war mir wichtig. Ich wollte ein Buch schreiben, dass neben den ausgetretenen Pfaden liegt.

ZEIT ONLINE: Wieso?

July: Auch wenn Clees und Cheryls Beziehung keine Zukunft hat, ist sie nicht bedeutungslos. Darum geht es: die Sinne zu schärfen für Momente der Ehrlichkeit, die wir uns oft genug entgehen lassen, weil sie gesellschaftlich nicht akzeptiert sind.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

July: Wie wir beide jetzt zum Beispiel. Hier sind wir, in unseren Rollen, eine Interviewerin und eine Interviewte, die alles so machen wie immer. Dabei könnten wir uns völlig gehen lassen! Wir haben vierzig Minuten Zeit, wir sind lebendig, wir werden eines Tages sterben, wir haben Aggressionen in uns, wir sind allein, niemand hält uns zurück.

ZEIT ONLINE: Und trotzdem sitzen wir uns brav gegenüber und trinken Orangensaft.

July: Genau! Beim Schreiben fühle ich diese Konventionen nicht. Da wird mir jedes Mal klar: Das hat sich irgendjemand ausgedacht. Das ist befreiend, weil ich die Regeln im echten Leben meist sehr genau befolge. Deshalb muss ich sie hin und wieder brechen.