Manchmal ist es nur ein einziger Fehler, der einen Menschen aus der Bahn wirft. © Reuters/Mike Segar

In den 1920er und 1930er Jahren war der Franzose Pierre Bost, 1901 in Lasalle geboren und 1975 in Paris gestorben, ein bekannter und vor allem produktiver Autor: Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Erzählungen und Essays, war tätig als Journalist und in einem illustren Kreis von Intellektuellen im Paris der Zwischenkriegsjahre zu Hause. Seine Werke wurden teils auch ins Deutsche übersetzt. Er war Lektor bei dem berühmten Verlag Gallimard, wo auch seine Bücher erschienen sind. Nach 1945 arbeitete er vornehmlich als Drehbuchautor für Regisseure wie Claude Autant-Lara oder René Clément.

Als Romancier vergaß man ihn nach und nach; erst vor wenigen Jahren setzte eine kleine Renaissance ein. Auch im deutschsprachigen Raum sind seine wichtigsten Bücher nun wiederzuentdecken: 2013 erschien der von Bertrand Tavernier verfilmte Roman Ein Sonntag auf dem Lande in einer Übersetzung von Rainer Moritz im feinen kleinen Schweizer Dörlemann Verlag. Und zum Glück des Lesers hat man die Bemühungen um diesen Vergessenen nun fortgesetzt. Gerade ist der Roman Bankrott, ursprünglich 1928 unter dem Titel Faillite erschienen, neu herausgekommen.

Brugnon heißt seine Hauptfigur. Dieser Mann in den besten Jahren achtet nichts so sehr wie Arbeit, und nichts verabscheut er mehr als Faulheit. Die Firma seines Vaters hat er mit dem Eifer des jungen Eroberers erweitert. Er handelt mit Zucker, und auch wenn das Pariser Unternehmen nicht zu den großen Handelshäusern zählt, so können sich zumindest Brugnons Ehrgeiz und Selbstbewusstsein sehen lassen. Er ist einer jener funktionierenden, den Erfolg als Währung betrachtenden Menschen: "Männer, die wie Brugnon waren, machten die gleichen Bewegungen wie er und sprachen in verschiedenen Sprachen, aber sie verstanden sich untereinander über die Sprache des Geldes. Tag für Tag, zur immer gleichen Stunde, sprach Brugnon vor denselben Menschen von denselben Dingen, und wenn ihn jemand gefragt hätte, ob er davon nicht genug habe, hätte er geantwortet: Monsieur, haben Sie etwa genug davon zu leben? Und glauben Sie, dass die Erde genug davon hat, rund zu sein?"

Lust am Untergang

Und nun das: Eines Tages wacht Brugnon zu spät auf – eine Ungeheuerlichkeit. Er zieht es daraufhin vor, gar nicht erst ins Büro zu gehen. So etwas ist noch nie vorgekommen. Auch die Beziehung zu seiner Freundin Simone ist kompliziert. Sie liebt ihn geradezu abgöttisch, spürt aber nicht das geringste Verlangen nach ihm. Und dann ist da noch die neue Stenotypistin Florence, die Brugnon fast wie ein Pubertierender anhimmelt. Er wundert sich fortan über sich selbst, und obwohl "das Gerüst seines Lebens" unverändert bleibt, merkt er doch, wie sich die Dinge in ihm immer mehr verschieben – und das nicht zum Besten. 

Wie sich dieses Leben nun zum Unheilvollen kehrt, das erzählt Pierre Bost in seinem Roman Bankrott auf wunderbar subtile Weise. Das Buch zeichnet das Psychogramm eines Mannes, der für einen Augenblick unaufmerksam wird gegen seine vermeintliche Natur, kurz zur Seite tritt und dabei an einen Abgrund gelangt, dessen Tiefe ihn magisch anzieht. Er balanciert noch eine Weile am Rand dieser Schlucht, aber der Leser ahnt schon, weil er den Titel des Buches kennt, dass der Held das Gleichgewicht verlieren und kopfüber ins Ungewisse, ins Leben nämlich, stürzen wird.

Freilich ist es auch eine Lust am Untergang, die Brugnon irgendwann erfasst: Als er bei Florence, seiner sehr selbstsicheren Angestellten, nicht das erhoffte Glück findet, schwinden seine Kräfte zusehends. Er vernachlässigt die Firma, verliert Geld. Er schaut in den Spiegel und fragt sich, ob er verrückt geworden sei. Wo vorher Disziplin herrschte, ist nun nur noch Laschheit. Die Erkenntnis des Alters – er hat die 40 weit überschritten – überrumpelt ihn außerdem über Nacht. Brugnon bricht zusammen, vor seinen Mitarbeitern, die er früher von oben herab dirigierte: "Das Wort blieb in seiner Kehle stecken und entlud sich wie ein erstickter Schrei. Brugnon wollte aufstehen und brach dann mit einem fürchterlichen, gewaltigen Getöse in Tränen aus."

Verlust von Gewissheiten

Pierre Bost beschreibt diesen doch auch sehr schönen Niedergang, indem er uns in die Figuren hineinblicken und ihren Gedanken folgen lässt. Ganz reduziert ist seine Sprache, sachlich die Schilderung des Angestellenalltags, spitz die Dialoge, komplex die Innenschau. Den Weg dieses Brugnon, der, einmal aus seinem Korsett geschlüpft, keinen Halt mehr findet, erzählt Bost als zwangsläufigen. Hier hält einer den eigenen Anforderungen und denen des beschleunigten Kapitalismus nicht mehr stand. Zur Leidenschaft und Verzweiflung kommt die Lust an der Selbstzerstörung.

Das Entgleiten ins Nichts, der Wahn des Liebenden, der Verlust von Gewissheiten – das steckt alles in diesem Buch, und vieles schwebt zwischen den Zeilen. Bankrott klingt sehr modern und in seiner psychologischen Durchdringung ganz archetypisch: eine lohnenswerte Wiederentdeckung, die nicht zuletzt durch die geschmeidige, den Stil der Erzählung beherzt erfassende Übersetzung von Rainer Moritz zu einem Lesevergnügen wird.

Am Ende bleibt Brugnon nur noch der Rückzug von Paris aufs Land, zusammen mit der treuen, resignierten Simone – an einen Ort mit dem trostreichen Namen Sainlieu, vielleicht ja einem Ort der Genesung jenseits von Pflicht und gesellschaftlicher Konvention. "Brugnon fuhr ab. Er wirkte wie ein normaler Reisender, und er selbst, bereits so gut in seinen Panzer eingeschlossen, verstand kaum, welche hohle menschliche Erscheinung er abgab, fern von einer Frau, die er nicht hatte berühren können, und hin zu einer Frau, die er nie erreichen würde."

Pierre Bost: Bankrott. Roman. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Rainer Moritz. Dörlemann Verlag. Zürich 2015. 255 Seiten. 20 Euro.