Nicht mitmachen. Nicht mitmachen wollen. Nicht so sein wie die anderen. In einer Gesellschaft zu leben heißt, in ihr zu funktionieren. Erwartungen zu erfüllen, die andere formuliert haben. Marie will das nicht, Marie kann das nicht. Sie ist 18 Jahre alt, hat versucht, sich selbst das Leben zu nehmen, Tabletten plus aufgeschnittene Pulsadern. Aber sie wurde zu früh gefunden, also muss sie weitermachen, unter Aufsicht, in einer Wohngemeinschaft.

Maries Therapeut heißt Willi. Mit ihm spielt sie verbales Pingpong. Und sie haben eine Abmachung: Ein Jahr lang muss sie regelmäßig zu den Sitzungen erscheinen und darf vor allem keinen weiteren Selbsttötungsversuch unternehmen. Im Gegenzug bewahrt Willi Marie vor der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie. Marie ist nicht einfach nur lebensmüde; sie ist krank: Borderline-Patientin.

Sandra Weihs, Jahrgang 1983 in Klagenfurt, hat Sozialarbeit studiert und arbeitet mit Kindern und Jugendlichen, denen ohne Zögern und wahrscheinlich auch zu Recht die Umschreibung "schwierig" zuteil wird. Ihre Erfahrungen in der Praxis müssen in ihren Roman eingeflossen sein. Im vergangenen November wurde Sandra Weihs für ihren Debütroman mit dem Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung bedacht. Das ist keine unwichtige Auszeichnung, weil viele der Preisträger danach beachtliche Karrieren hinlegten, darunter Arnold Stadler, Rainer Merkel, Ulla Lenze, Reinhard Kaiser-Mühlecker oder im vergangenen Jahr Franz Friedrich mit seinem hervorragenden Debütroman Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr.

Das grenzenlose Und ist ein merkwürdiges und verwirrendes Buch: Auf den ersten 120, 130 Seiten gelingt Weihs eine subtile Inneneinsicht, auch wenn sich hier bereits die eine oder andere Plattitüde eingeschlichen hat. Der Witz ist uralt, aber treffend: Ein Mann hört in den Verkehrsnachrichten, dass ihm auf der Strecke, die er befährt, ein Geisterfahrer entgegenkommen soll. "Einer?", ruft der Mann, "es sind Hunderte!" Das ist Maries Blick auf die Welt. Die Verrückten, das sind die anderen. Die, die funktionieren. Die Normalen. Die Normalen sind die Abnormalen. Marie ist intelligent und selbstreflexiv. Sie sucht die Krankheit in jedem Gegenüber. Den Alltag, die Kommunikation auszuhalten, ist für Marie ein Krankheitssymptom. Es ist hochinteressant und glänzend beobachtet, wie Sandra Weihs die Perfidie dieser Umkehrungs- und Verdrehungsstrategien erfasst und in ein Bewusstsein übersetzt hat.

Das Wort Identitätsverlust mag abgegriffen klingen; in Bezug auf Marie erfährt es aber noch eine Steigerung: Vielleicht kann sie sich nicht verloren haben, weil sie sich noch nie gefunden hat. Und in ihrem umfassenden Wertlosigkeitsgefühl ist sie bemüht, alles mit sich zu reißen, was sie zu fassen bekommt: "Aber ich bin nichts und werde auch nichts werden, ich bin ich, mit dem Schmerz in mir, den ich weiterverteile, weiterleite, um weniger tragen zu können. Ich verletzte die Menschen, wie es jeder tut, der sich selbst erduldet. Weil die Last allein so schwer zu tragen ist und weil man Verbündete braucht, Opfer und Täter und Feinde." Marie will Menschen verletzen, vor den Kopf stoßen, mit sich konfrontieren. Zu sozialen Bindungen ist sie unfähig. Sex hat sie, oder mit ihren Worten: Sie lässt sich ficken. Mehr ist es nicht.