Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew © SINISSEY

ZEIT ONLINE: Ihr Weg als Schriftsteller begann in der Sowjetunion mit einem Skandal. Wegen des von Ihnen zusammengestellten Almanachs Metropol mit von der Zensur verbotenen Texten wurden Sie 1979 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Was ist im heutigen Russland skandalträchtig?

Viktor Jerofejew: Der Skandal ist eine Sache zwischen dir und der Gesellschaft. In einer toleranten Gesellschaft kommt es zum Skandal, wenn du nicht tolerant bist. Und wenn die Gesellschaft nicht tolerant ist, entsteht ein Skandal, wenn du selbst tolerant bist. Heutzutage gibt es etwa einen Skandal, wenn man in die Richtung von Charlie Hebdo geht. Pussy Riot hat so einen Skandal ausgelöst. Auch mein Bruder, Andrej Jerofejew, sorgte für einen großen Skandal, weil er die Ausstellung Verbotene Kunst gemacht hat. In unserer Gesellschaft gibt es einen Skandal, wenn der Staat sagt, dass jemand die Gefühle von Menschen verletzt, die an etwas glauben. Zum Beispiel an Gott, an Jesus, an die großartigen Menschen in Russland. Aber der Staat manipuliert das auch.

 

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Jerofejew: Indem er sagt: Hier sind die Menschen zu Recht beleidigt und hier haben sie kein Recht, beleidigt zu sein. Meiner Meinung nach beleidigt der Staat selbst jeden. Indem er korrupt ist, autoritär und so weiter. Unfreie Gesellschaften mögen keine Ironie, keinen Humor und keine Analyse. Und wenn der Staat beleidigt ist, schlägt er zurück.

Literatur ist wie Wodka

ZEIT ONLINE: Der Skandal um Ihren Band Metropol hatte nicht nur Auswirkungen auf Sie selbst, sondern auch auf Ihre Familie. Ihr Vater, ein hochrangiger Diplomat, verlor seine Arbeit. War Ihnen bewusst, welches Risiko Sie eingingen?

Jerofejew: Wissen Sie, in Russland ist alles riskant. Wenn Sie auf eine öffentliche Toilette gehen, wissen Sie nicht, was Sie dort erwartet. Natürlich war es in der Sowjetunion riskanter, einen freien Almanach herauszugeben, als etwas Kritisches zu sagen oder zu schreiben. Die Literatur war für den Staat wie Wodka. Man darf das nicht selbst machen, der Staat muss alles kontrollieren. Ich bin ein Risiko für die Familie eingegangen, das war sehr gefährlich. Aber ich war entschlossen, zu gewinnen. Mein Vater hat mir deshalb aber kein einziges Mal gesagt, ich hätte falsch gehandelt. In seinem letzten Interview, das er Arte gegeben hat, sagte er, sein Sohn sei seiner Zeit voraus gewesen.

ZEIT ONLINE: Sie wollten mit Metropol, so schreiben Sie in Ihrem Buch Der gute Stalin, in der Sowjetunion eine "literarische Atombombe" herstellen. Ist von dieser explosiven Kraft der Literatur heute noch etwas übrig?

Jerofejew: Das hat nichts mit der Zeit zu tun, sondern mit Talenten. Ich denke, dass es damalsgenügend Talente gab, um diese literarische Atombombe herzustellen. Es gab sozusagen genug Uran in der Literatur. In Russland sehe ich heutzutage nicht so viele Schriftsteller, mit denen man eine solche Atombombe herstellen könnte. Wenn man ein Metropol 2 herausgeben wollte, könnte das ein Buch mit publizistischen Essays sein, das die gesellschaftlichen Kräfte würdigt. Etwas Ähnliches machen auch der Radiosender Echo Moskwy und der Fernsehkanal Doschd. Deshalb sage ich, dass es keine Frage der Zeit ist, sondern der Talente. Natürlich haben wir talentierte Menschen in Russland, aber sie schauen in verschiedene Richtungen. Mit Metropol konnten wir in der Sowjetunion Menschen mit den unterschiedlichsten ästhetischen und ideellen Orientierungen zusammenbringen. Wir träumten davon, uns vom Kommunismus zu befreien, wir hielten ihn für eine tote und schädliche Ideologie.

Kein ideelles Fundament

 ZEIT ONLINE: Wie polarisiert ist die heutige Kulturszene in Russland?

Jerofejew: Jetzt hat jeder seine eigene Vorstellung, wie es mit der Entwicklung Russlands weitergehen soll. Einige denken, dass diese Entwicklung zusammen mit Putin erfolgen kann. Von diesen gibt es viele – nicht nur im einfachen Volk, sondern eben auch in der Intelligenzija. Und dann gibt es die Leute, die anders denken. Das Problem ist: Innerhalb der letzten 100 Jahre wurden bei uns zweimal alle Werte aufgehoben: während der Revolution und nach dem Ende der Sowjetunion.

ZEIT ONLINE: Und wie sieht die aktuelle Situation aus?

Jerofejew: Die Gesellschaft ist sehr gespalten. Und auf dieser Grundlage ist es schwer, eine Leitlinie zu finden. Zwei gibt es natürlich. Es gibt die europäisch-liberale Richtung, die sich in Protesten, Briefen und Aktionen gegen Repressionen manifestiert.Und es gibt die nationale Richtung, der – wie ich sagen würde – romantischen Slawophilie: Alles ist hervorragend bei uns, das Volk wie auch das Leben, und all die anderen stören nur. Diese politische Romantik scheint auch einen großen Einfluss auf Putin auszuüben. Er ist bereit, diese Karte der politischen Romantik zu spielen. Die europäisch-liberale Richtung hat auch ihre Schwächen.

ZEIT ONLINE: Welche sind das?

Jerofejew: Sie sieht diese Romantik nicht. Sie glaubt, dass die Leute nur deshalb mit der Macht verbunden sind, um Geld zu verdienen. Und dass die Machthaber einfach nur an ihrer Macht festhalten, dass es da gar kein ideelles Fundament gibt. Auch im Westen versteht man das nicht.

"Der Krieg hat die Beziehung der Machthaber zum Volk verändert"

ZEIT ONLINE: Hat der Krieg mit der Ukraine das russische Kulturleben verändert?

Jerofejew: Der Krieg hat den Bestand der Kultur nicht verändert, verändert hat sich nur die politische Hülle. Viele Leute haben die Haltung Putins übernommen. Auch im Donbass gibt es politische Romantik, nicht nur Banditen. Ich würde nicht sagen, dass sich die Kultur im Zuge des Kriegs verändert hat, aber es kam zu einer Polarisierung der Sichtweisen. Natürlich sind patriotische Lieder aufgetaucht. Aber tatsächlich hat sich nicht die Kultur verändert, sondern die Beziehung der Machthaber zum Volk.

ZEIT ONLINE: Wie zeigt sich das?

Jerofejew: Das Fernsehen lügt die ganze Zeit, es sagt nicht die Wahrheit. Und das Pathos in der Lüge ist eine Infektion geworden. Das passiert in der sogenannten patriotischen Erziehung in der Schule, es passiert in den Instituten, in der Armee, überall. Dem Land wird kein Patriotismus verabreicht, sondern Lüge – wenn man dir etwa sagt, dass man in der Ukraine nicht mit den Ukrainern, sondern mit Amerikanern kämpft, dass die Amerikaner den Maidan organisiert haben. Das ist gelogen, und in dieser Lüge lebt jetzt der normale Russe und glaubt daran.

Erst Sex, dann Politik

ZEIT ONLINE: Sie waren Anfang Oktober zu Gast beim ersten Internationalen Literaturfestival in Odessa. Wie haben Sie die Atmosphäre dort erlebt?

Jerofejew: Kultur wirkt oft wie eine Arznei. Zu meiner Lesung kamen sehr viele Leute. Sowohl Menschen mit prorussischen Positionen als auch Vertreter der Haltung Kiews. Ich hatte mich dafür entschieden, nicht über Politik zu reden, sondern die erste Geschichte aus meinem neuen Buch Telo (Anm.: Das Buch ist noch nicht auf Deutsch erschienen) zu lesen, die sehr lustig ist. Und ich kann Ihnen sagen: Die Leute haben gelacht und die Politik vergessen.

ZEIT ONLINE: Ein Text in diesem Buch heißt "Die Intelligenzija und der Analsex". Sie nutzen häufig Sexualität als Referenzrahmen, um etwa politische oder philosophische Ideen zu erörtern.

Jerofejew: Es geht dabei gar nicht um Sexualität. Sexualität ist das Eingangstor in das Unterbewusstsein. Und nur über das Unterbewusstsein kann man den Lesern näherkommen. Sie haben recht, ich nutze das Thema Sexualität anders als die anderen. Es ist wie beim Angeln. Wenn Sie einen Fisch fangen wollen, brauchen Sie einen Wurm.