Zu den rätselhaften Phänomenen der Literatur gehören die BestsellerWarum ist gerade dieses Buch erfolgreich? Wieso stehen Menschen in Buchläden dafür Schlange? Was hat es, was andere nicht haben? In unserer Kolumne "Die kommentierte Ausgabe" suchen wir regelmäßig eine Erklärung.

Der Wald ist seit Jahrhunderten ein deutsches Sehnsuchtsgebiet. Aus ihm möge Sinn kommen, Erbauung; in ihn herein trägt der Wanderer das Bedürfnis nach Einsamkeit und Kontemplation. Zu sagen, der Wald wäre schlicht eine Ansammlung von Bäumen, käme einer Entzauberung gleich.

Nun steht aber seit Monaten ein Buch auf den Bestsellerlisten, das unseren Freund, den Baum und seine possierlichen Spielgefährten vorgeblich eben nicht aus einer verklärend-dichterischen Sicht, sondern aus der Perspektive des biologisch geschulten, naturwissenschaftlich-entmystifizierenden Auges betrachtet: Peter Wohlleben hat Forstwirtschaft studiert und mehr als 20 Jahre im Försterberuf gearbeitet. Sein Buch Das geheime Leben der Bäume, eine "Liebeserklärung an den Wald", wie der Klappentext verspricht, ist das Werk eines Experten. Das ist immer gut. Fachwissen schafft Vertrauen.

Und tatsächlich lernt man eine ganze Menge in diesem Buch, darunter auch sehr viel von dem, was man im Unterricht der gymnasialen Oberstufe keinesfalls erfahren wollte, weil es uncool war. Das hat sich grundlegend geändert: Das Interesse an ökologischen Zusammenhängen, an einem schonenden Umgang mit Ressourcen und an natürliche Kreisläufen ist – 30 Jahre nach dem großen Waldsterben – mitten im bürgerlich-grünen Mainstream angekommen, der seine Wäsche auf zentnerschweren Holzbügelbrettern von Manufactum bügelt. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung.

Fast wie bei den Grimms

Also: Wir erfahren sehr viel. Über Fotosynthese und darüber, dass auch Bäume schwitzen können und welche Folgen das haben kann. Über Laubaustrieb an warmen Tagen und über die Notwendigkeit von Niederschlägen für bestimmte Arten und Klimazonen. Und über die Zitterpappel, die in der Lage ist, sich mit einem einzigen Exemplar über 400 000 Quadratmeter auszubreiten. Jeder möge für sich entscheiden, was ihn davon interessiert und was nicht. Das allein würde aber nicht ausreichen, um einem Buch einen so ungeheuren Erfolg zu bescheren. Wohllebens Geheimnis liegt in seiner Weltsicht und in seinem Stil: Das Leben der Bäume kultiviert einen konsequenten Anthropomorphismus und landet sprachlich, bei aller naturwissenschaftlichen Kompetenz, fast wieder bei den Brüdern Grimm.

Im Duktus des Märchens entwirft Wohlleben das Bild eines bestens durchorganisierten sozialen Systems, in dem zwar einerseits das Recht des Stärkeren gilt, andererseits aber der Schwächere niemals allein gelassen, sondern aufgefangen und mitgetragen wird. So beseelt wie bei Wohlleben war der Wald selbst bei den Romantikern nicht. Man spricht miteinander, liebt sich, erzieht sich und hilft sich gegenseitig mit Mahlzeiten aus, wenn Not am Stamm ist.

Kobolde haben schlechte Karten

Kann es in aufgepeitschten und unruhigen Zeiten etwas Tröstlicheres geben als den Entwurf eines funktionierenden gesellschaftlichen Gefüges, das in gegenseitiger Achtung und in Solidarität und Generationengerechtigkeit lebt? Das ist der Wohlleben-Wald: ein nur von außen, durch den Menschen bedrohter utopischer Raum, in dem es keine Schuld gibt.

Sein Entdecker und Erfinder spricht über ihn im schelmischen Tonfall des augenzwinkernden Pädagogen: "Eines Tages ist es endlich so weit. Der Mutterbaum hat die Altersgrenze erreicht oder ist krank geworden. Im prasselnden Platzregen hält der morsche Stamm die schwere Krone nicht mehr und bricht splitternd auseinander. Wenn der Baum auf den Boden aufprallt, erwischt es auch ein paar wartende Sämlinge. Der Rest des Kindergartens bekommt durch die entstandene Lücke ein Startsignal, denn nun können sie nach Herzenslust Fotosynthese betreiben. Ist das erledigt, dann heißt es sich sputen. Alle Kleinen wollen nun wachsen, und nur diejenigen, welche ohne Umschweife schnurgrade nach oben treiben, bleiben im Rennen. Kobolde dagegen, die meinen, sie könnten erst einmal lustig nach links oder rechts abbiegen und trödeln, ehe auch sie nach oben streben, haben schlechte Karten."

Nein, diese Racker! Aber auch für die wird sich in der Waldgesellschaft noch ein Plätzchen finden lassen. Irgendein Pilz wird sich ihrer bestimmt annehmen und sie an seiner Lamellenbrust großziehen.

Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume. Ludwig Verlag, München 2015, 224 S., 19,99 Euro.