Wenn Jessy über Bücher spricht, tut sie das, ohne Luft zu holen. Ihr YouTube-Kanal heißt Melody of Books, die bunten Buchrücken im Regal hinter ihr verraten, dass Jessy gern Fantasy liest. Viele Klicks, bis zu 4.000, bekommt sie vor allem dann, wenn sie gleich mit einem ganzen Stapel Bücher vor die Kamera tritt. Book Haul nennt man das.

Der Trend kommt aus den USA und Großbritannien, wo Booktuber damit angefangen haben, auf YouTube Bücher in die Kamera zu halten und dabei einen Begeisterungsschwall loszulassen. Der neueste Einkauf wird als der große Fang präsentiert. Das gibt es nicht nur für Literatur, sondern auch für Kosmetikprodukte, Kleidung, Lebensmittel. Schaut man sich die YouTube-Kanäle der Blogger an, fühlt man sich wie im Bereich kurz vor der Supermarktkasse, wo neben Infrarotlampen und Akupressurmatten plötzlich Bücher auftauchen. Irgendwie passt es nicht zusammen. Aber bekanntlich kann im Internet jeder jederzeit seine Meinung zu allem loswerden. Egal, ob es um Restaurants, Shampoo oder eben Bücher geht.

Jugendbücher, Fantasy und Romantik. Bücher dieser Genres halten YouTuber, deren Channels Namen haben wie Mona, Kossis Welt oder eben Melody of Books, am liebsten in die Kamera. Begeistert erzählen sie, was in dem Buch passiert, verlieren noch ein paar Worte zum Cover, das immer ganz, ganz toll ist, und schicken ein "unbedingt kaufen!" hinterher.

Nacherzählung statt Auseinandersetzung

Genres wie Fantasy und Romantik werden auch von Bloggern, die keine Videos, sondern Texte veröffentlichen, besprochen. Allerdings nicht nur. Auch die sogenannte Hochliteratur wird im Internet von Leuten rezensiert, die nicht zum Kreis der etablierten Literaturkritik gehören. Unzählige dieser Buchblogs gibt es mittlerweile. Häufig schreiben dort Leute aus der Buch- und Verlagsbranche, etwa Buchhändler oder Lektoren. Hinzu kommen Blogs, die von Journalisten betrieben werden. Die Szene der Buchblogger ist vielfältig, aber stark vernetzt. Gesine von Prittwitz beispielsweise betreibt den Blog Steglitz Mind und veröffentlicht dort seit September 2012 Interviews mit Buchbloggern. Mehr als 80 dieser Gespräche hat sie bereits geführt.

Buchbesprechungen auf Blogs sind vor allem Nacherzählungen. Lang und breit wird berichtet, worum es in dem jeweiligen Buch geht. Auch die Biografie des Autors ist für Blogger hochinteressant. Am Schluss einer Rezension steht die persönliche Meinung. Neben dem Jubel gibt es durchaus auch Texte, die sich etwas intensiver mit ihrem Gegenstand auseinandersetzen, abwägen und nicht jedes Buch als "Juwel" in den Himmel loben. Trotzdem fallen die meisten Rezensionen von Bloggern positiv aus. Viele Buchblogger wählen Bücher ohnehin nur dann aus, wenn sie annehmen, dass sie ihnen gefallen.

Besonders, wenn ein Buch von den professionellen Rezensenten nur Lob bekommt, sind viele Blogger allerdings erst mal skeptisch. Nur weil die großen Kritiker ein Buch gut finden, müssen sie das noch lange nicht. So wundert sich zum Beispiel Tobias Nazemi auf seinem Blog Buchrevier über den Hype um Karen Köhlers Wir haben Raketen geangelt, dieses "Buch mit dem albernen Titel". Sein Urteil lautet am Ende dann aber trotzdem: "Ich bin still geworden beim Lesen. Hatte stellenweise Gänsehaut, Tränen in den Augen und fühlte mich reich beschenkt. Dieses Buch ist einfach wunderbar."

Ich, ich, ich

Die Kriterien, die ein Buch zu einem guten oder einem schlechten machen, sind bei den meisten Bloggern ähnlich: Die Lektüre darf nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Geschichte muss leicht verständlich sein. Werden verschiedene Zeitebenen verschränkt, kommt das bei vielen Bloggern schon mal nicht gut an. Die Figuren müssen sympathisch und ihre Handlungen nachvollziehbar sein. Der Leser will sich mit ihnen identifizieren können. Es wird viel "ich" gesagt, denn es geht schließlich um die ganz persönlichen Eindrücke und Gefühle. So schreibt zum Beispiel Mareike Fallwickl, die den Blog Bücherwurmloch betreibt, über Darragh McKeons Roman Alles Stehende verdampft, das Buch habe sie "überwältigt". "Ich war von der ersten Seite an süchtig nach diesem Buch. Ich wollte es inhalieren, aufsaugen, immer bei mir tragen, jede Minute. Und jetzt bin ich gerade ganz aufgeregt, weil ich es unbedingt schaffen muss, euch mit dieser Rezension zu überzeugen, Darragh McKeons Debüt zu lesen." Über formale Kriterien wie Aufbau oder Stil wird in den Blogs oft nur wenig geschrieben. Es sind die Geschichten und die Figuren, für die sich Blogger interessieren.

Karla Paul gilt als eine der bekannteren Buchblogger, die Neon ernannte sie 2013 zur "neuen Marcel Reich-Ranicki". Paul gibt im ARD Mittagsbuffet Buchtipps und schreibt Kolumnen für den Piper Verlag. Auf ihrem Blog Buchkolumne findet man allerdings mehr aktuelle Informationen über die Buchbranche als Rezensionen. Pauls Verhältnis zu Literatur ist sehr emotional. Auf ihrem Blog schreibt sie: "Die wirklich guten Bücher lassen mich über Tage nicht los, ich muss stetig wie frisch verliebt an sie denken, mag nicht aufhören und dennoch auch nicht fertig werden. Literatur kann unser Leben verändern, manches mal auch nur für wenige Stunden und dennoch sollten wir uns stets sicher sein, dass wir mit diesem einen Buch nicht unsere kostbare Zeit verschwenden. Dafür gebe ich 50-100 Seiten, danach ist jede Chance vertan."