Der Autor Johann Hari © Simon Emmett

Dass der Hollywoodstar Sean Penn unlängst ein Interview mit dem mexikanischen Kartellchef "El Chapo" Guzmán führte, war zweifelsohne ein journalistischer Coup. Und auch wenn es viele Stimmen gab, die Penn vorwarfen, sich zum Sprachrohr eines Mannes gemacht zu haben, der für den Tod von Hunderttausenden von Menschen verantwortlich ist – kaum jemand hat sich gewundert, wie absurd dieses Interview eigentlich war. 

Vielleicht passt es damit, könnte man zynisch anmerken, zur Logik des Drogenkriegs selbst: der eines Albtraums. Einen Einblick in die Mechanismen und Gesetze dieses Albtraums gibt der britische Journalist Johann Hari in seinem Sachbuch Drogen, für das er alle Schauplätze dieses Mehrfrontenkriegs in den letzten fünf Jahren bereist hat. Es ist nicht nur ein tief recherchiertes Buch mit ethischem und politischem Anliegen, sondern auch, unter der Hand, die Geschichte einer Heilung. Seiner eigenen.

Diese Geschichte beginnt, so Hari, auf einem der "Nebenschauplätze" des Drogenkriegs, in London. Ein Familienmitglied kämpft mit Kokain, sein Ex-Freund ist gerade von Heroin auf Crack umgestiegen und Hari schluckt Anti-Narkoleptika, um nächtelang schreiben zu können. Hari galt als Journalismus-Wunderkind, bis er über Plagiatsskandale stolpert. Er ist, im englischen Suchthilfejargon, am "rock bottom" angekommen, dem absoluten Tiefpunkt. Der Ausweg ist die Story, seine eigene Story, irgendwie, und die so vieler Menschen um ihn herum. Die Geschichte des Drogenkriegs.

Er spült seine Pillen im Klo hinunter, schreibt und fliegt nach New York. Das ist der Beginn seiner Recherche. "Für mich standen am Anfang nur ein paar ganz allgemeine Fragen", sagt Hari im Interview, Cola-Flasche in der Hand. "Warum gibt es diesen Krieg eigentlich, und warum geht er immer weiter? Was gibt es für Alternativen? Und wie entstehen eigentlich Drogenkonsum und vor allem Drogensucht?"

Der War on Drugs, wie er uns heute präsent ist, beginnt nicht in den Siebzigern und Achtzigern, nicht mit Reagan und "Just Say No", sondern mit dem Verbot von Kokain und Heroin vor einhundert Jahren, 1914, der Todesstunde der alten Welt. Vorher entschieden Ärzte über Ausgabe und Konsum, auf dem Schwarzmarkt wurden sie kaum gehandelt. Mit dem Verbot entsteht ein neuer Beruf mit Aufstiegsmöglichkeit und Perspektive: der Drogenhändler.

Als ersten Drogenbaron macht Hari Arnold Rothstein von der Upper East Side in New York aus. Der professionelle Spieler Rothstein manipulierte 1919 die Baseball World Series und wendet sich mit der Prohibition einem noch lukrativeren Geschäft zu. Er schmuggelt Alkohol und Drogen – die Ware bekommt er durch Überfälle auf Medikamententransporte oder durch Importe aus Kanada und Mexiko, wo sie noch legal sind. Hari zeichnet Rothstein als Psychopathen mit mörderischer Ader, aber ohne Hang zu capone-eskem Protz – was jedoch Rothstein auch nicht davor schützt, sich eine Kugel einzufangen.

"Fast wie ein Tier"

Nicht nur die Gangster profitieren von den neuen Verboten, auch das Gesetz. Der "G-Man" Harry Anslinger, Kopf des Federal Bureau of Narcotics, will seinen Posten und seine Behörde rechtfertigen und weitet den Kampf auf andere Drogen wie Marihuana aus. Dabei ist er nicht nur von Karrierismus getrieben, sondern auch von realem Ekel und Hass. Vor allem hat er es auf Jazz abgesehen. Die Drogenpanik, zeigt Hari, ist auch die Angst davor, dass Schwarze, Chinesen und Latinos angestachelt werden könnten, sich gegen Weiße aufzulehnen. Hari zitiert die New York Times, die in den Zwanzigern über "wildgewordene Kokain-Neger" schreibt.

Anslinger schießt sich auf Billie Holiday ein. Die Jazz-Sängerin aus Baltimore wird nach schlimmer Kindheit und Jugend früh heroinabhängig und schlägt sich als Saloon-Chanteuse durch. Mit ihrer eigentlich schwachen, aber von unendlich viel Leid getragenen Stimme bringt sie die härtesten Trinker zum Weinen. Sie arbeitet sich hoch und wird selbst in den streng segregierten Dreißigern ein Star. Anslinger hält sie für eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit, erst recht nach dem Song Strange Fruit über Lynchmorde in den Südstaaten. Holiday wird immer wieder zu Haftstrafen wegen Drogenbesitzes verurteilt und schwankt zwischen Clean-Sein und Konsum. Sie stirbt, ein in den Ruin getriebener Star, mit 44 Jahren in einem Krankenhaus in New York. Vor ihrem Zimmer steht ein Polizist.

Rothstein, Anslinger, Holiday. Anhand ihrer Schicksale erzählt Hari seine Story, bis diese Figuren beinahe Symbole werden. Er kommt ihnen sehr nahe, zitiert aus Anslingers groschenromanhaften Aufzeichnungen und den Erinnerungen von Rothsteins Witwe. Der Originaltitel Chasing the Scream verweist auf einen Schlüsselmoment in Anslingers Aufzeichnungen. Als Kind in Pennsylvania hört er eine Nachbarin "fast wie ein Tier" schreien. Der kleine Harry Anslinger wird in die Stadt in die Apotheke geschickt, um ihre Dosis Schmerzmittel abzuholen. Der "Schrei", schreibt Anslinger später, wird ihn sein gesamtes Leben verfolgen: Süchtige, das sind eigentlich normale Menschen, die durch Drogen zu "hysterischen, bösartigen, geistig eingeschränkten" Wesen werden.

"Also", schreibt Hari, "beginnt er einen globalen Krieg, der diese Schreie verstummen lassen sollte. Es wurde ein Krieg, der seinerseits viele Schreie erzeugte. Man kann sie heute in fast allen Städten der Erde hören." Hari scheut sich nicht vor dieser Art des expressiven Erzählens. Die teilweise holprige Übersetzung fällt ihm dabei manchmal in den Rücken.

Aber er bemüht sich, narrativen Vorwärtsdrang und Akribie in der Balance zu halten. Er hat ein großes Talent für Verdichtungen und abgründige Metaphern und nennt Tom Wolfe und Janet Malcolm als Vorbilder: "Ich habe versucht, mich der Welt vor allem durch die Geschichten einzelner Personen zu nähern. Diese Art des Schreibens ist schon sehr amerikanisch." So hat der sehr britische Hari ein sehr amerikanisches Sachbuch geschrieben.

Sein Anliegen ist dabei humanistisch, humanisierend. "Der Drogenkrieg funktioniert nur, weil wir die Betroffenen entmenschlicht haben. Die intellektuellen Argumente in meinem Buch sind wichtig, aber die Re-Humanisierung dieser Menschen war mir wichtiger. Das Leben all dieser Menschen ist etwas wert. Das will ich zeigen." Damit meint Hari die Nutzer, aber auch die Dealer, die Polizisten und die Menschen in den Herkunftsländern.