Die Welt sei, sagte die amerikanische Schriftstellerin Flannery O'Connor, voll von Leuten, die nur eine Geschichte erzählen könnten. Als sie fünf Jahre alt war, brachte sie einem Huhn bei, rückwärts zu laufen. Über dieses Huhn und seine Dompteurin, die kleine Flannery aus Savannah, Georgia, wurde von den Pathé News ein Filmchen gedreht und landauf, landab gezeigt. 

O'Connor schuf in ihrem kurzen Leben – sie starb 1964 mit nur 39 Jahren – zwar ein recht umfangreiches Werk und gilt bis heute als eine der bedeutendsten Autorinnen der Südstaaten. Aber die Sache mit dem Huhn war vielleicht diese eine Geschichte, die sie zu erzählen hatte, jedenfalls war es, so sagte sie, "das Spannendste, was mir je passiert ist. Seitdem ging es nur noch bergab."

Nun ist die Welt freilich nicht bloß voll von Leuten, die nur eine Geschichte zu erzählen haben – manche haben zwei, drei, viele zu erzählen, manche gar keine, und es macht ihnen nichts aus. Manche erzählen eine nicht mal halbe Geschichte und leben sehr gut davon. Auf zwei große Gestalten der amerikanischen Literaturgeschichte trifft Flannery O'Connors Diktum aber allemal zu: Auf J. D. Salinger, der sich nach dem Erscheinen seines Romans Der Fänger im Roggen im Jahre 1951 und dem sofortigen Ausbruch seines Weltruhms im Privatleben verschanzte und jedenfalls der breiten Öffentlichkeit in den 60 Jahren bis zu seinem Tod nichts mehr zu erzählen hatte.

Mit einem Buch in den Kanon

Und auf Harper Lee. Ihr literarisches Schweigen, ihr Nichtschreibenwollen, -können oder -müssen war sogar noch beharrlicher, sturer – und stiller. Es dauerte an bis zu ihrem Tod am gestrigen Freitag im Alter von 89 Jahren und ließ ihren Namen verschmelzen mit ihrem einzigen Roman: Wer die Nachtigall stört, erschienen in einer anderen Zeit, in einer anderen Welt, vor einer Ewigkeit.

Es ist die Geschichte von Atticus Finch, dem übermenschlich edlen, unbeugsamen Anwalt, der im rassistischen Alabama der dreißiger Jahre einen Schwarzen gegen die Anklage der Vergewaltigung verteidigt und sich so den Zorn des weißen Mobs zuzieht. Es ist, zumindest in groben Zügen, die Geschichte ihres Vaters, die Geschichte von Harper Lees Kindheit in Monroeville, erschienen 1961, seither 40 Millionen Mal verkauft, pulitzerpreisgekrönt, verfilmt mit Gregory Peck in der Hauptrolle, oscarprämiert, zur Schullektüre geworden, zum moralischen Leitfaden von Generationen, zum integralen Bestandteil des globalen Kanons – und blieb dennoch Lees einziges Buch. 

Fünfeinhalb Jahrzehnte keine Zeile, kein Wort: Warum? Hätte sie nicht noch mehr zu erzählen gehabt? Hatte sie nicht sogar die Pflicht, noch mehr zu erzählen, gerade in Zeiten, da Wer die Nachtigall stört zur Blaupause wurde für einen Kampf, den die amerikanische Gesellschaft bis heute so erbittert austrägt? Gibt es so etwas überhaupt: eine Pflicht, zu erzählen? Und haben die Leser das Recht, enttäuscht zu sein, wenn ein Schriftsteller ihr nicht nachkommt?

Jahrzehntelang nichts

Während J. D. Salinger immerhin wissen ließ, dass er des Ruhmes überdrüssig und sogar betrübt darüber sei, dass er "nicht den Mut besitze, ein absoluter Niemand zu sein", nicht einmal ein Feuer in seinem Refugium in Cornish, New Hampshire, ihn zum dauerhaften Verlassen desselben bewegen konnte, er offenbar den totalen Rückzug zu seiner neuen Form der Kunst erhoben hatte, was immerhin eine Art der schriftstellerischen Äußerung ist, da man ja, wie wir seit Paul Watzlawick wissen, nicht nicht kommunizieren kann, was vor allem für Schriftsteller gilt, erzählte Harper Lee wirklich: nichts.

Über die Gründe ihres Schweigens wurde und wird weiterhin intensiv spekuliert: Litt sie an einer nicht enden wollenden Schreibblockade? In den sechziger und siebziger Jahren soll sie Versuche unternommen haben, an Büchern zu arbeiten, beide blieben wohl unvollendet. Hat in Wahrheit Truman Capote, ihr Jugendfreund aus Monroeville, dem sie später bei der Arbeit an Kaltblütig assistierte, seinem "wahrheitsgemäßen Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen" von 1965, auch Wer die Nachtigall stört zumindest in weiten Teilen geschrieben, ein Gerücht übrigens, das der ziemlich klatschsüchtige Capote hier und da fallen ließ?