Der Schriftsteller Jochen Schmidt © Susanne Schleyer

Jochen Schmidt ist als Autor der gerade eingestellten Berliner Lesebühne Chaussee der Enthusiasten bekannt. Er hat Romane, Erzählungen und Reisebücher veröffentlicht sowie ein Lesetagebuch über Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Sein neues Buch, Der Wächter von Pankow, handelt von vielem: von seinem Alltag, seinen Reisen, seiner Lektüre und seinen Gedanken. Vor allem aber erinnert sich Schmidt immer wieder an die Dinge seiner Kindheit und Jugend in der DDR. Dinge, die man nur noch selten findet und die er ab und zu teuer bei eBay ersteigert. Auf seinen Reisen nach Osteuropa entdeckt er manchmal alte Leuchtreklamen, in Ungarn zum Beispiel. Er hatte das Land noch im August 1989 erlebt. "Damals habe ich in Ungarn den Westen gesucht, heute suche ich den Osten."

Besonders am Herzen liegt Jochen Schmidt aber Berlin-Pankow. Hier hat er nicht nur die ersten Jahre seines Lebens verbracht, sondern auch einige Zeit nach der Wende. Zusammen mit seiner ersten Freundin wohnte er dort in einer Zweizimmerwohnung und das Tivoli-Kino in der Berliner Straße war, schreibt er, "unser Wohnzimmer". Als es von einer Immobilienspekulantin gekauft und abgerissen wurde, war er entsetzt.

Im Tivoli hatten die Gebrüder Skladanowsky 1895 ihren ersten Film gezeigt, es war sozusagen die Wiege des deutschen Films. Aber selbst der Protest von Wim Wenders half nichts, heute steht ein Lidl-Markt auf dem Gelände. "Wir konnten nicht glauben, daß so etwas in einer Demokratie möglich sein sollte. (…) Wir nahmen solche Dinge immer sehr persönlich, es war unser Pankow, das wir eifersüchtig bewachten und wo wir nach einer idealen Wohnung suchten." Der Wächter hieß denn auch eine Skulptur eines befreundeten Künstlers. Er wollte sie auf der Rasenfläche vor der Pankower Kirche aufstellen, doch das Projekt wurde abgelehnt. "Wer weiß, wie Pankow heute sonst aussehen würde."

Vieles in den schmidtschen Geschichten muss man nicht ernst nehmen. Manchmal erinnert sein Humor an Woody Allen. In der Geschichte Karen Duve soll er die Autorin auf ihrem ostbrandenburgischen Resthof besuchen. "Laß nie Journalisten ins Haus! Natürlich schreiben sie lieber über deine Wohnung als über deine Texte, das ist ja auch viel einfacher. (…) Wenn ich Duve wäre, würde ich mich nicht reinlassen." Oder in Mein 9. November, der nicht nur für den Fall der Mauer steht, sondern zufällig auch Schmidts Geburtstag ist. Vom 9. November 1970, seiner Geburt, bis zum 9. November 2013 beschreibt er kurz, was an diesem Tag passiert ist. Am Abend des Mauerfalls ist er "seit einer Woche in Magdeburg kaserniert, zum Geburtstag wird mir von der Kompanie mit einem dreifachen 'Hurra!' gratuliert, ich trete aus dem Glied und bedanke mich für die Ehrung mit einem vorschriftsmäßigen: 'Ich diene der Deutschen Demokratischen Republik.' Danach üben wir Exerzieren für die Verteidigung."

Im letzten Text über den 9. November 2013 ist Schmidt in Magdeburg. In der "riesigen Bahnhofsbuchhandlung 'Ludwig' keine Spur von meinen Büchern. Ich denke immer, diese Ungerechtigkeit müsste doch mal jemand auffallen".

Wenn man aus seiner ersten Geschichte noch in Erinnerung hat, dass Schmidt vom "Literaturbetrieb enttäuscht" ist, dann weiß man nicht, ob er es nicht doch ernst meint. In anderen Texten fehlt die Ironie ganz, wie zum Beispiel in dem über die Berliner Altbaufenster, der sich wie ein Abgesang auf das Kutschenzeitalter liest. Schmidt sieht in den Holzkastenfenstern und ihren Feststellhaken "einen Rest bürgerlicher Wohntechnik", von nicht mehr zu öffnenden Passivhausfenstern bedroht. Auch das Verschwinden der Glühbirne zugunsten von Energiesparlampen wird bedauert.

Es sind solche Texte, die einem die Lektüre von Der Wächter von Pankow verleiden. Oder solche über die "Festungen", von denen er meint, dass sie jeder im "Kampf um seine Allgemeinbildung nehmen muss". "Seit Jahren arbeite ich mich tapfer durch die Pflichtlektüre, um danach endlich lesen zu können, worauf ich Lust habe. Im letzten Jahr immerhin Berlin Alexanderplatz, unerträgliche erste 100 Seiten, bevor es anzieht, genau umgekehrt scheint es bei Ulysses zu sein." Warum zum Teufel lässt sich Jochen Schmidt einreden, dass man Berlin Alexanderplatz oder Ulysses gelesen haben muss?

Jochen Schmidt: "Der Wächter von Pankow". C. H. Beck, München 2015, 237 Seiten, 18,95 Euro