Fünf Pistolenschüsse unter der gleißenden Sonne Algiers machten aus dem kleinen Angestellten Meursault das Role Model des Existenzialismus. Der gefühllose Meursault ist die Hauptfigur in Albert Camus' berühmter, 1942 erschienener Erzählung Der Fremde. Der Held wird darin zum Mörder an einem namenlosen Araber; ein willkürlich anmutender Akt, grell und sinnlos.

Die Sprengkraft und das merkwürdig Befreiende für die Abermillionen Leser von Camus' Meisterwerk lag in einer zeitdiagnostischen Verdichtung: Das Gefühl der Entfremdung und Absurdität wurde hier auf den Punkt gebracht. Meursault, von einem Gericht zum Tode verurteilt, zeigt sich zum ersten Mal "empfänglich für die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt", wie es auf der letzten Seite von Der Fremde heißt. Die zärtliche – und zugleich brutale – Gleichgültigkeit der Welt bestimmte nicht nur das Empfinden eines Einzelnen, sondern war symptomatisch für einen modernen Seinszustand.

Nun, mehr als 70 Jahre später, wird der Fall Meursault neu aufgerollt. Der algerische Journalist und Schriftsteller Kamel Daoud versucht sich in seinem in Frankreich 2014 als bestes Debüt ausgezeichneten Roman an einer "Gegendarstellung". Er gibt dem "Araber" – ein Fremder auch er – eine Identität und eine Herkunft, schreibt die Fiktion in der Fiktion einer größeren Wahrhaftigkeit zuliebe weiter. Er erlöst den Ermordeten aus seinem Kollektivdasein; und zugleich verdeutlicht er noch einmal, wer hier wen getötet hat: ein französischer Kolonialist einen "Verdammten dieser Erde" (Frantz Fanon), dessen Leben in den Augen der Unterdrücker keinen großen Wert besaß, dem man noch nicht einmal einen Namen geben musste. 

Geraubtes Leben

Der Fall Meursault ist eine zornige Suada, die den Begriff des Absurden aus der Literaturgeschichte herauslöst und seinem eigenen Helden anverwandelt. "Es ist ganz einfach: Diese Geschichte müsste neu geschrieben werden, in der gleichen Sprache, aber diesmal, wie das Arabische, von rechts nach links." Haroun heißt der Erzähler, der die Geschichte umkehren will. Dieser alte Mann sitzt am Abend in einer Bar, redet auf sein Gegenüber ein, also auf uns; er spricht von einem Verbrechen, wie es im Buche steht, einem Verbrechen, das ihm nicht nur den Bruder, sondern auch sein eigenes Leben geraubt hat.

Moussa, so der Name des Bruders, war zur falschen Zeit am falschen Ort; ein Schattenwesen, ein Gespenst. "Wenn er im Buch meinen Bruder den Araber nennt, dann macht er das, um ihn zu töten, so, wie man die Zeit totschlägt, wenn man sich ohne Sinn und Ziel herumtreibt." In der Anklage, dieser vom Alkohol befeuerten wütenden Leier, klingt das eigene Schicksal an, die verzehrende Trauer und Rachsucht der Mutter, die auch Haroun schließlich zum Mörder formt: Genau 20 Jahre nach dem Tod des Bruders, wenige Tage nach der Unabhängigkeitserklärung Algeriens, tötet er einen Franzosen namens Joseph. Auch bei Haroun liegen, wie bei Meursault, die Gründe für den Mord im Dunkeln.

Alphabetisierung des Opfers

So findet im Laufe des Buches eine unheimliche Annäherung zwischen Haroun und Meursault statt, werden die beiden in ihrer Fremdheit zur Welt sich immer ähnlicher, wie überhaupt Daouds Roman weniger eine "Gegendarstellung" als vielmehr eine Fortschreibung von Camus' Erzählung ist, was sich nicht zuletzt darin zeigt, dass Motive fortgesponnen und ganze Passagen übernommen werden. Im Reden verschmelzen Haroun und Meursault unmerklich.

Daoud beschreibt eine Sprachermächtigung: die großartige Anmaßung, in der Sprache der Kolonialisten selbst das Wort zu führen gegen das allzu einfache Geschichtsbild, das sie hinterlassen haben. Es spielt dabei keine entscheidende Rolle, was Camus mit seinem Buch eigentlich im Sinn hatte. Es geht gerade um den Gestus des eigenmächtigen Sprechens, um die Alphabetisierung des Opfers. Denn: "Der eine konnte so erzählen, dass seine Tat in Vergessenheit geraten ist, während der andere ein armer Analphabet war, den Gott offenbar nur geschaffen hatte, damit er eine Kugel abbekommt und wieder zu Staub wird."

Sex als größte Misere des Islam

Die Sprache als Mittel gegen die Ohnmacht und als Medium der Erkenntnis richtet sich aber nicht nur gegen die Ignoranz der ehemaligen Kolonialisten, sondern mindestens ebenso sehr gegen die heute herrschenden Verhältnisse im Lande. Immer wieder blitzt das Unbehagen auf, das Haroun selbst befallen hat. Als areligiöser Mensch ist er wenig gelitten in diesem Algerien; als Mann ohne Frau und Kinder wird er beargwöhnt; als jemand, der seine Freiheit vor sich herträgt, ist er ein Provokateur. Der Unabhängigkeitskrieg in den fünfziger Jahren führte nicht zu einer größeren Freiheit, sondern nur zu neuen Abhängigkeiten von religiös-fundamentalistischen Strukturen.

Kamel Daoud scheut sich weder in seinem Roman, radikalen Islamismus und Intoleranz in Algerien und den Maghreb-Staaten zu benennen, noch in seinen Arbeiten als Journalist. Er gehört zu den wichtigen intellektuellen Stimmen Algeriens. Seine politische Kolumne, die er seit vielen Jahren beim Quotidien d’Oran veröffentlicht, hat durchaus Wirkmacht. Einer seiner Texte hat kürzlich auch in Europa für Aufsehen gesorgt: Seine Analyse der Silvesternacht in Köln wurde in vielen Zeitungen nachgedruckt. Sex sei die größte Misere im Land Allahs, so Daoud. Das Frauenbild und das pathologische Verständnis von Sexualität werde nun auch in den Westen importiert.

Kolonialherrengebaren

In einem Interview mit der FAZ verdeutlichte Daoud, dass sich am Verhältnis zur Frau das Verhältnis zur Fantasie, zum Begehren, zum Körper, zum Leben abzeichne. Zugleich kritisierte er aber das alte westliche Denkmuster, das bei einem Ereignis wie jener Silvesternacht in Köln sofort wieder aktiviert werde: jenes vom Barbaren, der sich nehme, was "uns" gehöre.

Daoud wurde dafür nicht nur von religiösen Eiferern angegriffen (sein Roman hat ihm im übrigen sogar eine "Fatwa" eingetragen), sondern noch viel vehementer von einer Gruppe Pariser Intellektueller, die ihm Islamfeindlichkeit vorwarfen. Ein wenig wird man bei diesen scharfen Repliken den Eindruck nicht los, dass man in Frankreich das Kolonialherrengebaren noch nicht ganz abgelegt hat und doch gerne die Deutungshoheit über die Geschehnisse in der Welt behalten möchte.

Dass einer aus den ehemaligen Kolonien dem ominösen "Araber" Namen und Sprache gibt und dabei zu eigenen Schlüssen kommt, ist vielleicht doch zu viel des Guten. Fortan, so tat Daoud vor einigen Tagen kund, wolle er sich nicht mehr als Journalist äußern. Nur noch als Schriftsteller. Den Mund wird er sich aber gewiss nicht verbieten lassen.

Kamel Daoud: "Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung". Roman. Aus dem Französischen von Claus Josten. 200 Seiten. 17,99 Euro.