Sollte die deutsche Gegenwartsliteratur Recht behalten, geht demnächst die Welt unter. Die Dystopie, mal ausgemalt in prächtigen Farben und opulenten Bildern wie in Valerie Fritschs Roman Winters Garten, mal als eiskaltes Endzeitduell gestaltet wie in Heinz Helles Eigentlich müssten wir tanzen, hat als literarisches Genre Hochkonjunktur. Die nervöse, unübersichtliche Gegenwart potenziert und verdichtet sich offenbar in der literarischen Fantasie zu einem durch und durch apokalyptischen Stimmungsbild.

Auch in Karen Duves neuem Roman Macht ist die Welt nicht mehr zu retten. Als Nebenprodukt dazu hat Duve bereits 2014 ihr vor Ressentiments nur so strotzendes Traktat Warum die Sache schiefgeht veröffentlicht, das den Untertitel "Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen" trägt. Damit hätte es eigentlich sein Bewenden haben können. Hat es aber leider nicht. Dieser Roman musste offenbar noch raus.

Wir schreiben das Jahr 2031, und nicht nur Deutschland, sondern der gesamte Planet steht am Rande des Abgrunds: Dürrekatastrophen wechseln sich ab mit Windstürmen und Überflutungen; Deutschland wird geführt von einer feministischen Ökoregierung, die sich ausgerechnet Olaf Scholz als männlichen Quoten-Bundeskanzler hält. Fünf Jahre, so lauten seriöse Schätzungen, hat der Planet noch, bevor er untergeht.

Videolesung - Karen Duve liest aus "Macht" Sebastian hält seine Frau seit Jahren im Keller gefangen und will sie loswerden. Doch sie wehrt sich. Karen Duve liest aus ihrem neuen Roman.

Karen Duve lässt von Beginn an keinen Zweifel, wer dafür verantwortlich zu machen ist: Männer, gewissenlose Manager (also Männer) und überzeugte Fleischfresser (in erster Linie Männer). Testosteron ist der Stoff, aus dem die Albträume sind. Nun ist es nicht verboten, ein simples und noch dazu ideologisch verkleistertes Weltbild zu haben. Und das alles könnte ja auch zumindest halbironisch gemeint sein und Stoff für eine Satire hergeben. Das ist schließlich das, was auch ein Akif Pirinçci für sich reklamiert.

Karen Duve aber macht Ernst, das ist das Schlimme. Viel zu sagen hat sie nicht, sonderlich viele Einfälle auch nicht; um das zu demonstrieren benötigt sie mehr als 400 unendlich öde Seiten. Ihr Protagonist und Ich-Erzähler heißt Sebastian Bürger; ein Mann, der hinter seiner Fassade als Umweltaktivist und brav funktionierender Systemmensch ein Doppelleben führt: In einem gut versteckten Kellerraum seines Hamburger Hauses hält er seit zwei Jahren seine Frau, ehemalige Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Kraftwerkstilllegung und Atommüllentsorgung, gefangen. Dort unten im Keller nimmt Sebastian stellvertretend für das männliche Geschlecht Rache für die Demütigungen und Stolzverletzungen, die das feministisch dominierte System an den Männern angerichtet hat. Christine, so heißt die Frau, wird von Sebastian nach Belieben gezüchtigt, benutzt und vergewaltigt.

Psychopathologisierung des männlichen Gegners

Die Erzählperspektive folgt der Täterlogik. Das ist ein Schachzug, der nur zu Beginn für einen Überraschungseffekt sorgt und sich schnell abnutzt. Hochgradig manipulativ ist es noch dazu, wie der gesamte Roman. Denn der Umstand, dass ein larmoyanter Waschlappen wie Sebastian, ein Unsympath vor dem Herrn und ein Verrückter noch dazu, sich in seinen vielfach verdrehten Argumentationssträngen gegen das feministische System verheddert, schließt gleichzeitig von Vornherein aus, dass nicht auch doch etwas dran sein könnte. Die Psychopathologisierung des Gegners ist eine wirksame rhetorische Waffe. Ohnehin wäre es ein Missverständnis, Macht als einen feministischen Roman zu bezeichnen – jede einigermaßen reflektierte Feministin würde sich gegen das Weltbild, das Karen Duve im flotten Kolportagesound verkauft, zur Wehr setzen.

Macht ist ein ins dünne Mäntelchen einer Handlung gekleidetes Pamphlet. Selbst dort, wo es nicht um die große Politik und die ökologisch korrekten Handlungsmaximen geht, nicht um Fleisch essen oder die Weigerung, älter zu werden (dafür hat die Pharmaindustrie ein Medikament erfunden, das den Alterungsprozess nicht nur bremst, sondern Rentner in den biologischen Zustand von 20-Jährigen zurückversetzt, zumeist allerdings um den Preis einer Krebserkrankung), nicht um Klimaschutz oder Gleichstellung also, bleibt der Roman berechenbar und statisch. Selbst die Kellerszenen – die Zahl der Gefangenen wird gegen Ende zunehmen, so viel sei verraten – bestehen aus klischeehaften Fertigteildialogen.

Absurde Szenarien

Noch einmal: Die Welt wird untergehen, weil Männer sie zugrunde gerichtet haben. Die feministische Regierung ist nur deswegen an der Macht, weil die Männer wissen, dass sie ohnehin nichts mehr ausrichten können. Darum wird sie geduldet. Für eine Rettung ist es zu spät. Das sind Gedanken, die noch nicht einmal Renate Künast aussprechen würde.

Der Unterschied zwischen Macht und den Romanen von Valerie Fritsch oder Heinz Helle besteht darin, dass letztere ganz bewusst nicht erzählen, was die Welt an den Abgrund getrieben hat. Fritsch und Helle lassen Leerstellen, Assoziationsräume. Ihnen geht es um Menschen und den Versuch einer schlüssigen Ästhetik, Duve geht es um Diskurse. In Macht begegnen wir einer Erzählerin ohne jede Selbstzweifel, die im Gestus einer Sektenführerin unmündige Leser produzieren will.

"Politische Kunst ohne Kunst", so sagte es Brigitte Kronauer in ihren Wiener Ernst-Jandl-Vorlesungen zur Poetik, "ist logischerweise keine Kunst. Wem das Herz voll von unmittelbar politischem Sendungsbewusstsein ist, sollte zu anderen, effektiveren Mitteln greifen und nicht auf zwei Hochzeiten tanzen wollen." Mit Macht hat Karen Duve nicht einfach nur einen schlechten Roman geschrieben. Sie hat sich, vorerst, von der Literatur verabschiedet.

Karen Duve: Macht. Roman; Galiani Berlin Verlag, Berlin 2016, 416 S., 21,99 €