So geht es in Katharina Greves Hochhaus zu. © Katharina Greve

Immer dienstags kommen die Bauarbeiter. Dann wächst das Hochhaus, das die Berliner Comicautorin Katharina Greve seit einigen Wochen im Internet entstehen lässt, um eine Etage. Und um jeweils eine weitere Episode, mit der Greve Zwischenmenschliches, Soziales und Politisches kommentiert. Da pöbelt ein Ehepaar über Flüchtlinge – und die Tochter sehnt sich nach politischem Asyl bei den Nachbarn. Da provozieren die Fernsehnachrichten in einem Wohnzimmer den Dialog: "Warum machen diese Selbstmordattentäter das?" – "Vielleicht, damit sie sich diese Frage niemals selbst stellen müssen." Und im Keller schimpft ein Mann, der Kisten durchsucht, während seine Frau die Taschenlampe hält: "Wie schon Goethe sagte: 'Mehr Licht', blöde Kuh!"– und sie denkt sich: "Wenn ich ihn JETZT umbringe, wären sogar seine letzten Worte abgedroschen!"

Katharina Greve, Jahrgang 1972, hat sich in den vergangenen Jahren in den Schwesterdisziplinen Cartoon und Comic gleichermaßen profiliert. In ihrem aktuellen Projekt, das von der Stiftung Kulturwerk der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst gefördert wird, verbindet sie die pointierte Unmittelbarkeit des Einbildwitzes auf erfrischende Weise mit dem Potenzial der längeren Bilderzählung, komplexe Geschichten zu erzählen. Denn es zeichnet sich ab, dass die vielfältig miteinander verbundenen Episoden am Schluss etwas ergeben, das die Grenzen der Kunstform formal erweitert.

"Es muss nicht immer ein Unglück sein"

Auch wenn die Grundidee nicht ganz neu ist und an Klassiker wie Will Eisners Buch Dropsie Avenue erinnert, in dem die Geschichte eines Mietshauses im Wandel der Zeit erzählt wird, oder zuletzt Chris Wares Building Stories, in dem die Biografien der Figuren erzählerisch und visuell ebenfalls eng mit den Gebäuden verknüpft sind, in denen sie leben.

Ähnlich wie in ihrer ersten Comicerzählung Ein Mann geht an die Decke aus dem Jahre 2009, die im Berliner Fernsehturm spielte, nutzt die studierte Architektin Greve ihre Vorbildung auf sehr unterhaltsame Weise. Ihre klare, reduzierte Bildsprache hat sie weiter verfeinert, ihr fast technisch anmutender Zeichenstil passt gut zum Thema.

Soeben wurde die 17. Etage hinzugefügt, 102 sollen es bis Herbst 2017 insgesamt werden – eine eher zufällig gewählte Zahl. Zu Anfang ihrer Comickarriere attestierte eine Rezensentin der Architekturfachzeitschrift Bauwelt der Zeichnerin: "Es muss nicht immer ein Unglück sein, wenn sich eine Architektin gegen ihren erlernten Beruf entscheidet." Greves aktuelles Projekt zeigt: Stimmt.