Das Tötungsglas

Am Dienstagsmord ist nichts Besonderes, von dem Papierkram einmal abgesehen.

Ich war bis vier Uhr morgens auf und habe die Bewerbung durchgearbeitet. Das ist eigentlich nicht meine Aufgabe, weil Praktikantinnen mit dem Council nichts zu schaffen haben. Aber Tony findet, Verwaltung ist Frauensache. Als ich nach unten komme, backt Mona schon Pfannkuchen.

Heißer Kaffee steht auf dem Küchentisch. Im Grunde ist es Monas Küchentisch, denn sie steht im Mietvertrag, und die Wohnung ist kaum groß genug für eine Berufstätige, geschweige denn zwei. Wir kommen aber ganz gut miteinander klar. Ich weiß, sie macht sich Sorgen um mich, deshalb kümmert sie sich auch darum, dass ich etwas esse, bevor ich gehe.

"Es ist noch nicht mal sieben", sagt Mona. "Du darfst ihn das nicht ständig mit dir machen lassen. Er bezahlt dich nicht dafür."

Sie ist gereizt, auch wenn sie es nicht zugibt. Sie wird so gut wie nie sauer, eine gute Eigenschaft an einer Mitbewohnerin.

Trotzdem wünschte ich manchmal, sie hätte mehr Verständnis. Nachdem mein letztes Praktikum so gründlich danebengegangen ist, weiß sie doch, wie wichtig das jetzt für mich ist.

"Ich hole nur noch die Aufnahmegeräte aus dem Lager", sage ich. "Wir müssen das an den Standard schicken, ehe die in Druck gehen."

"Du darfst dich von ihm nicht behandeln lassen, als wärst du ein Küchengerät."

Es sind ja nur Leichen

Mona tut jetzt sehr beschäftigt und meidet meinen Blick. Für ihre Verhältnisse ist sie schon ziemlich sauer. Sie schiebt das Frühstücksgeschirr zur Seite, füllt das Abtropfsieb mit toten Fröschen aus dem Kühlschrank, spült sie ab und tupft sie auf einem Küchenhandtuch trocken.

Die Erzählung "Das Tötungsglas" ist Laurie Pennys "Babys machen und andere Storys" entnommen. Das Buch erscheint Anfang März in der Edition Nautilus. (Aus dem Englischen von Anne Emmert, 176 Seiten, 19.90 €) © Edition Nautilus

Ich liebe Monas Frösche. In letzter Zeit macht sie meistens kleinere Sachen, Schmetterlinge und Motten und die eine oder andere junge Taube, die sich im Frühling an der Scheibe zum Balkon den Hals bricht. Aber an den Fröschen wurde mir erstmals klar, dass sie Talent hat. Sie bestreicht die Tiere mit einer klebrigen Glasur, und gleich sehen sie aus, als wären sie gerade aus dem Gartenteich gehüpft und atmeten noch durch die schleimige Haut.

Monas Blick streift die Flecken auf meinem Oberteil, das ich seit drei Tagen anhabe. Sie merkt, dass ich ihren Blick bemerke.

"Schau mal, das muss dir nicht peinlich sein", sagt sie. "Es sind ja nur Leichen. Ich will nur, dass du auf dich aufpasst, das ist alles."

Ich weiß, Mona macht sich Sorgen um mich. Aber sie hat reiche Eltern, die alles bezahlen, was ihr wichtig ist. Für sie ist es anders.

 

Nur Leichen, es sind nur Leichen, sage ich mir, wäh­rend ich auf den Bus warte.

Trotzdem ist es mir peinlich. Und ich ärgere mich über mich selbst, weil es mir peinlich ist, denn schließlich wusste ich ja, worauf ich mich einlasse, als ich den Job übernahm. Mir hätte klar sein müssen, was mich erwartet.

Trotzdem, mein Chef und ich haben ein ganz gutes Verhältnis.

Meistens bringe ich die Leute dazu, dass sie mich mögen. Das liegt mir, auch wenn Tony meine Sozialkompetenz auf eine harte Probe stellt. Wenn er sich mit jemandem unterhält, weiten sich seine Augen ein bisschen, aber er weicht dem Blick seines Gegenübers immer aus. Seine Aufmerksamkeit schießt kreuz und quer durch den Raum, und auch körperlich ist er in Bewegung, geht rastlos auf und ab, fährt sich mit den Händen durchs Haar. Sofern er nicht arbeitet. Wenn er arbeitet, ist er völlig ruhig.

Doch vor laufender Kamera zappelt er herum, und es dauert ewig, das Dienstagsvideo zu drehen.

"Die Angst wird dich lähmen", knurrt er unter der Maske. "Der Schmerz wird dich zähmen. Der Tod wird dich nehmen, mich wirst du nicht kennen …"

Gestört oder normal?

"Tony", sage ich und schiebe meinen Oberkörper ins Bild. "Ich habe ja nichts gegen die schlechten Reime, aber ist es dir wirklich ernst mit dieser Knurrstimme?"

"Die Leute mögen das Knurren", sagt Tony und schiebt sich die Clownsmaske aus Gummi auf die Stirn. "Das ist ein Klassiker."

"Ich weiß", sage ich, "aber ein Klassiker wird eigentlich nicht von uns erwartet."

Das stimmt. Seit der Serienmord in England als Kunstform anerkannt wurde, geht es um Originalität. Der Arts Council fördert den originellen Ansatz, auch wenn die Fans die alten Hammer-Horror-Motive am liebsten mögen. Und Fans gibt es mindestens so viele wie glupschäugige Sixties-Killer, auch wenn Tony nur ein schwacher Kinski-Abklatsch ist.

"Ich finde nur, das erinnert zu sehr an Saw, dieses Knurren", sage ich. "Wenn du eine Hommage an alte Filme im Sinn hast, solltest du vor 1980 zurückgehen."

"Das hast du wohl bei den Medienwissenschaftlern gelernt?" Tony grinst höhnisch. "Knurren ist aus gutem Grund ein Klassiker. Machen wir es noch mal."

Sich mit Tony herumzustreiten, bringt gar nichts. Ich weiß nicht, ob er ein durch und durch gestörter Mensch ist, der so tut, als wäre er normal, oder ein durch und durch normaler Mensch, der so tut, als wäre er gestört.

Wir drehen das Video, schneiden es und schicken es an den Evening Standard. Dann essen wir zu Mittag, Würstchen in Blätterteig vom Imbiss an der Ecke, Limo für Tony und schwarzen Kaffee für mich. Ich bin immer noch übernächtigt und reizbar.

"Also", sagt Tony, als ich die Teller wegräume. "Sehen wir uns an, wo es heute Abend hingeht."