Der Münchner Soziologe Armin Nassehi fällt aus dem üblichen Rahmen deutscher Professoren. Er meidet Konflikte nicht und sucht die Öffentlichkeit. Das ist produktiv, mitunter muss er dafür bezahlen. Als er Thilo Sarrazin öffentlich Contra gab, wurde Nassehi angepöbelt. Zur Einwanderung meint er, dass die Sehnsucht nach Homogenität lediglich von den wirklichen Problemen der modernen Gesellschaft ablenke. Der CSU erläuterte er, dass sie mit den von ihr wenig geliebten Migranten eigentlich alle Werte teile: "familienorientiert, religiös, bildungsfern und kulturell konservativ".

Ein Sozialromantiker ist Nassehi nicht. Angesichts der Zuwanderung unbeschäftigter junger Männer aus traditionell-patriarchalischen Gesellschaften forderte er Gegenmaßnahmen zur drohenden "Maskulinisierung öffentlicher Räume". Umgehend wurde ihm vorgeworfen, Vorurteile zu schüren – das war vor Silvester. Der Mann hat zweifellos Mut, sein Verlag preist ihn als einen "der wichtigen Public Intellectuals in diesem Land".

In Nassehis jüngstem Buch Die letzte Stunde der Wahrheit zeigt sich der Autor erneut als Diskutant, der zu Überraschungen neigt. In Zeiten politischer Polarisierung verkündet er: "Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss". Ein wissenssoziologischer Griff nach den Sternen, für den sein Autor viel Lob bekam. Es geht um Ordnungen, mit denen sich soziale Gruppen selbst definieren, ihre Abgrenzungsmechanismen nach außen. Dies sage mehr über diejenigen, von denen die Differenz vorgenommen werde, als über das Differenzierte selbst. "Die Welt ist eine Funktion der Unterscheidung", schreibt der Sozialwissenschaftler. Eine deutliche Referenz an seinen Lehrmeister Niklas Luhmann.

Nassehi fahndet nach einer gültigen Darstellungsform für die Komplexität der modernen Gesellschaft. Die etablierte politische Farbenlehre hält er nicht mehr für aussagekräftig: "Dass etwas rechts oder links sei, konservativ oder progressiv, enthält immer weniger Informationswerte." Vielmehr sieht er die Tendenz, dass theoretische Überzeugungen und lebensweltliche Praxis in Deutschland auseinanderklaffen. Er nennt das "links denken, rechts leben".

Auf Wahrnehmung ist für Nassehi kaum mehr Verlass. Denn die Welt werde überkomplex und die eigentlichen Konfliktlinien "unsichtbarer". Wirklich erfahrbar seien nur ihre äußersten Enden; "soziale Digitalisierung" ist der Begriff im Buch dafür. Zur Blindheit gegenüber dem unsichtbaren Ganzen verdammt, klammerten wir uns an einen sichtbaren Ausschnitt. Doch eigentlich entziehe sich die Welt längst ihrer "analogen" Erfahrung, meint Nassehi.

Spätestens in der Migrationsdebatte wird das zu einem ernsten Problem. Bewegungen am rechten Rand wie Pegida haben ein feines Gespür dafür, dass die gefühlte Realität von den Erklärungen abweicht. Diese Differenz kann nur als Verschwörung wahrgenommen werden. Das zeigen ihre Parolen von der "Lügenpresse" und den "Volksverrätern". Schon Sarrazin sei in die Lücke gesprungen, die zwischen dem "Denken (links)" und dem "Erleben (rechts)" klaffte. Allerdings suggerieren Nassehis Metaphern vom Analogen und Digitalen, dass es sich dabei um neueste Problemstellungen handelt. Das ist jedoch zu bezweifeln.

Auch der "Jungen Freiheit" zu radikal

Als Gesprächspartner für sein Buch hat sich Nassehi den Autor und Verleger Götz Kubitschek gesucht. Er ist eine Schlüsselfigur in dem Milieu, das gemeinhin als "Neue Rechte" bezeichnet wird und sich in den letzten Jahrzehnten um die Wochenzeitung Junge Freiheit sammelte. Kubitschek zählt zu den Gründern des privaten Instituts für Staatspolitik (IfS), einem ultrarechten Thinktank. Bis vor einigen Jahren kreiste man dort um sich selbst. Das ist heute anders. Kubitschek, schon immer mehr Aktivist als Intellektueller, steht bei Pegida auf der Bühne.

Seine Zeitschrift Sezession hat es inzwischen bis in die beste Sendezeit geschafft. Alexander Gauland (AfD) nannte sie jüngst bei hart aber fair als Quelle eines falschen Trittin-Zitates, das ihn in juristische Schwierigkeiten gebracht hatte. Gauland charakterisierte die Sezession als konservative Zeitschrift, in der auch "sehr interessante Artikel über Heidegger und Sartre" stünden. Damit ist das Profil des Blatts sehr unscharf umrissen. Tatsächlich hat sich die Sezession vor einiger Zeit sogar mit der Jungen Freiheit überworfen, der Kubitscheks Kurs zu radikal wurde.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Sezession im Vorstand der AfD gelesen wird. Der thüringische AfD-Fraktionschef Björn Höcke ist ein langjähriger Weggefährte von Kubitschek. Der Verleger brüstet sich damit, dass die Akademien des IfS stark von AfD-Mitgliedern frequentiert werden. Auf einem dieser Treffen hielt Höcke seine Rede über die "Reproduktionsstrategien" des "afrikanischen Ausbreitungstyps". Die Reduktion gesellschaftlicher Phänomene auf Biologie ist in diesen Kreisen üblich. Die gängige Formel der Neuen Rechten dafür ist der Begriff "ethnokulturell". Im Austausch mit Nassehi nennt Kubitschek dieses Denken etwas distinguierter, "den Menschen in seiner anthropologischen Konstanz wahr- und ernst zu nehmen". Ihm selbst wurde noch im Frühjahr 2015 die Mitgliedschaft in der AfD verwehrt.

Dem Soziologen ist der Briefwechsel mit Kubitschek ein Prüfstand seiner Ideen. Der Austausch "über Weltanschauungsgrenzen hinweg" bildet den 30-seitigen Annex des Werkes, an dem die Arbeitsthese vom Bedeutungsverlust der Rechts-links-Unterscheidung "mitstudiert" werden könne. Und nach eingehender Lektüre lässt sich anfügen: vielleicht auch deren Scheitern. Nassehis Anliegen, einem Akteur wie Kubitschek wissenschaftlich zu Leibe zu rücken, mag verdienstvoll sein. Argumentativ schlägt er ihn um Längen. Doch hinterlässt das Buch Zweifel, ob Nassehi sein Gegenüber richtig einordnet und ihm letztlich nicht sogar auf den Leim geht.

Das beginnt schon bei den Definitionen der Kategorien rechts und links, deren Unzeitgemäßheit Nassehi nachweisen will. Rechtes Denken, ist dort zu lesen, hieße die "Beschränktheit" der Menschen anzuerkennen, die seinen organisierten "Schutz" notwendig mache. Diese Rechts-links-Abgrenzung lässt sich unter den Stichworten "Mängelwesen" und "Institution" der Lehre Arnold Gehlens entnehmen, einem der zentralen rechtskonservativen Theoretiker der Nachkriegszeit.

Aber stimmt sie auch?

Rechte vom Schlage der Sezession schätzen zwar tatsächlich die katholische Kirche und das Militär als Institution, agitieren aber mit Verve gegen Gewerkschaften und Einrichtungen der EU. Die Historie der Arbeiterbewegung wiederum ist eine Geschichte ihrer Institutionen, die Linke wurde von Organisationsdebatten geprägt. Vielleicht ist Gehlen nicht der richtige Ratgeber zur Dekonstruktion von rechts und links?

Besonders fragwürdig ist, dass Nassehi Kubitschek als konservativ adressiert. Mit klassischem Konservatismus haben Kubitscheks Kreise nicht mehr zu tun. Die Position dient ihnen lediglich als Sprungbrett zu politischen Sphären, in denen die Luft schnell dünn wird. Man bewegt sich zwischen den autoritären Positionen, in die der Konservatismus seit jeher ausfranst, wenn er mit dem eigenen Sein unter demokratischen Bedingungen unzufrieden ist: nationalrevolutionär, legitimistisch-monarchistisch oder gleich faschistisch.

Der Faschismus lässt sie schwärmen

In den Reihen der Sezession genießt beispielsweise der französische Schriftsteller Dominique Venner hohes Ansehen. Er erschoss sich 2013 am Altar der Kathedrale von Notre-Dame aus Protest gegen die Einführung der Homo-Ehe. Venner war ein Stichwortgeber der äußersten französischen Rechten mit militanter Vergangenheit. Kubitscheks Antaios-Verlag arbeitet intensiv am Theorieimport aus Frankreich, schließlich ist die französische Rechte äußerst erfolgreich. In Deutschland war er federführend daran beteiligt, das Konzept der Identitären Bewegung zu verbreiten. Diese kämpft gegen den "großen Austausch". Das Stichwort kommt von Renaud Camus, einem Autor der Identitären, dessen gleichnamiges Manifest gegen die Einwanderung zum Verlagsprogramm gehört. Einigen Erfolg hatte Antaios auch mit der Übersetzung der Werke des katholischen Monarchisten Jean Raspail, der als "der letzte Franzose" zu Wort kommt. Möglicherweise ließ sich Botho Strauß kürzlich davon inspirieren, als er im Spiegel raunte, er wäre der "letzte Deutsche"?

Weitere Verbindungen, die den Rahmen des Konservativen sprengen, pflegt die Sezession nach Italien. Begeistert huldigen ihre Autoren den selbsterklärten "Faschisten des dritten Jahrtausends" um die römische CasaPound. Als Kubitschek im März 2015 dort auf einer Kundgebung von italienischen Neofaschisten sprach, konnte die Sezession den Neid auf deren Inszenierung nicht verbergen: "Pathetische Bombast-Musik, dann der wuchtige Einzug der CasaPound-Hundertschaften von der höhergelegenen Viale Gabriele d'Annunzio auf den bereits dicht gefüllten Platz. Tosender Beifall, undenkbar dies alles in Deutschland!"

Es ist gerade das Nicht-Konservative, die offenen Anleihen an den Faschismus, was diese Leute zum Schwärmen bringt. Die Kreise um Kubitschek sind also beileibe keine philologischen Zirkel zur Pflege der Werke Martin Heideggers, wie Alexander Gauland glauben machen wollte. Neu ist an dieser rechten Pseudoavantgarde allerdings nichts.

Genau das ist Nassehi entgangen. Was er als heutige Erscheinung preist, ist altbekannt. Als Beleg für die Auflösung der Links-rechts-Dichotomie präsentiert Nassehi revolutionäre Semantiken im rechten Aufbegehren gegen das Establishment. Mit ihnen will er zeigen, dass heute "Rechte am Werk" seien, die "ein revolutionäres, linkes Projekt beabsichtigen, nämlich die Umgestaltung der Gesellschaft". Doch steht gerade diese Begründung für seinen öffentlichen Dialog mit Kubitschek auf tönernen Füßen.

"Der grüne Eiter des Ekels"

Tatsächlich war der Konservatismus schon immer ein solch hybrides Wesen. Das Missverhältnis zwischen dem gewünschten und tatsächlichen Zustand der Welt brachte ihn früh in das Dilemma der Tat. Paul de Lagarde, dessen Name am Anfang einer modernen radikalen Rechten steht, verlangte 1853, "um konservativ sein zu können, Zustände, welche des Konservierens wert sind". Seitdem waren die Semantiken umkämpft. Wissenschaftlich sind Nassehis Erkenntnisse längst ausbuchstabiert. Die umfangreiche historische Literatur zum Thema wird von Nassehi aber ignoriert, was sein Buch mitunter zur ärgerlichen Lektüre macht. Dafür hält er sich ausgerechnet an Armin Mohler und bringt seine Arbeit endgültig in eine Schieflage.

Bekannt wurde Mohler nach dem Krieg als Ernst Jüngers Privatsekretär, später leitete er die exklusive Siemens-Stiftung. Kubitschek zählt zu seinen letzten Schülern und hielt 2003 auch die Grabrede. Für das ganze Milieu der "Neuen Rechten" kann Mohler als geistiger Vater gesehen werden. Seine Mission war die Reorganisation des rechten Lagers nach der deutschen Kriegsniederlage. Dafür galt es, den frisch demokratisierten Nachkriegskonservatismus wieder mit den hochaggressiven Traditionsbeständen der deutschen Rechten anzureichern. Mohler musste dieses Erbe dafür wieder säuberlich vom Nationalsozialismus trennen, mit dem es sich zuvor amalgamiert hatte. Zur Rettung der extremen Rechten konstruierte er eine eigene Strömung, die er in einen scharfen Gegensatz zum Nationalsozialismus rückte: die sogenannte Konservative Revolution. Dabei scheute er nicht vor Geschichtsfälschung zurück: "Auf der Liste der Opfer des Dritten Reiches rangieren die Konservativen gleich hinter den Juden", lautet eine seiner Legenden. Zur Klassifizierung des Konservativen ist Mohler eine fragwürdige Referenz.

Es gibt ein Zitat von Ernst Jünger, das das Lebensgefühl dieses Milieus abbildet: "Unsere Hoffnung ruht in den jungen Leuten, die an Temperaturerhöhung leiden, weil in ihnen der grüne Eiter des Ekels frißt." Es stammt aus einem Artikel, den Jünger 1928 in der nationalrevolutionären Zeitschrift Widerstand publizierte, und wird auch von Kubitschek gerne zur Selbstdarstellung herangezogen.

Die Uhren in Weimar gingen anders

Von "den Seelen von Grandezza" ist darin die Rede, vom "Aufstand" gegen die "Herrschaft der Gemütlichkeit", der des Sprengstoffes bedarf, damit der "Lebensraum leergefegt werde für eine neue Hierarchie". Schwärmerische Prosa, könnte man meinen, doch war es ihrem Autor damals ebenso wenig nach Schwärmereien zumute wie seinen Epigonen heute. Jünger notierte diese Sentenz neben anderen, ähnlichen in einer Zeit, als sich die politischen Verhältnisse der Weimarer Republik zuspitzten. Er begrüßte die Eskalation, wollte raus aus der Zone "innerhalb derer man Spaß versteht". Ernst Jünger war ein vielschichtiger Autor, der im Leben so manches darstellte. Im Jahr 1928 war Jünger allerdings eines mit Sicherheit nicht: konservativ.

Kubitschek steht in dieser Tradition: der radikale Gestus der Avantgarde, ein bisschen Pulverdampf und Provokation. Im "Ernstfall", schreibt Kubitschek an Nassehi, zähle eben nur die Frage: "Teil unseres Volkes" oder eben nicht. Im Zusammenbruch werde sich jeder sofort daran erinnern, "wer 'Wir' ist und wer 'Nicht-Wir'".

Mit dieser Dramaturgie strebt alles immer wieder auf den einen Punkt der Entscheidung zu. Das ist eine ganz eigene Existenzphilosophie, deren Mobilmachung schon durch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts dröhnte. Ihr Kern ist völkisches Denken. Man muss deswegen nicht in Panik verfallen, die Uhren in Weimar gingen anders. Man sollte die Dinge jedoch beim Namen nennen, was Nassehi versäumt. Konservativ ist das jedenfalls nicht mehr.

All das gelte es zur Einschätzung Kubitscheks zu bedenken. Nassehi jedoch versucht sich in der Dekonstruktion von Linearität, wo sie nie zu finden war: in der verästelten Geschichte der deutschen Rechten. Nur so kann er glauben, die aggressive Dynamik der Kreise Kubitscheks sei irgendetwas Neues. Gleichzeitig ignoriert er sie dort, wo sie ins Auge springt, in der Erbfolge Jünger–Mohler–Kubitschek. Das produziert mehr Fehleinschätzungen als die des politischen Standorts seines Gegenübers. Nur da Nassehi die Anlage des Konservatismus nicht verstanden hat, in der Krise bis zur Selbstaufhebung zur radikalen Tat zu schreiten, kann er schreiben, der Nationalsozialismus sei aufgrund seiner drastischen Taten eher eine "linke Bewegung" gewesen. Es ist dagegen wichtig, die Nähe der Konservativen Revolution zum Nationalsozialismus zu begreifen, da sie vor ihm die Programmatik einer Neuschöpfung von rechts am radikalsten entwickelte. Ihre heutigen Erben rückt dies in ein völlig anderes Licht.

Es erschließt sich nicht ganz, was Nassehi mit seinem Briefwechsel bezwecken wollte. Dass "das Eigene immer nur für die Eigenen das Eigene ist", wie er seine Kritik zusammenfasst, ist seit den Nationalisten des 19. Jahrhunderts bekannt. Als Ertrag ist das reichlich wenig. Kubitschek legte seine Karten von Anbeginn an offen. Ihm kam es darauf an, sich als "salonfähigen Rechtsintellektuellen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken". Er wird im Traum nicht daran gedacht haben, Nassehi überzeugen zu können. Aber er hat es jetzt schwarz auf weiß, als "konservativer" Gesprächspartner anerkannt zu sein. Es ist anzunehmen, dass dies sein Kalkül war.