Umberto Eco ist so etwas wie der Chuck Norris der Intellektuellen. Mit ihm funktionieren fast dieselben Witze. Zum Beispiel der hier: Wenn Umberto Eco in eine Bibliothek kommt, leihen ihn sich die Bücher aus. Oder: Wenn Umberto Eco drei Zeichen in den Schnee pinkelt, kommen vier Agenten, suchen fünf Verleger und machen sechs Bestseller draus. Tja, und der hier ist auch nicht schlecht, weil er so traurig ist: Wenn Umberto Eco stirbt, dann hat das offene Kunstwerk wegen eines Trauerfalls in der Familie geschlossen.

Umberto Eco ist natürlich noch viel stärker als Chuck Norris. Er kannte sich nicht nur mit Gott und der Welt aus, sondern auch mit Comicfiguren und Superhelden. Superman hat er zum Frühstück durchgeblättert. Den von ihm als schurkische Dumpfbacke gehassten Berlusconi hat er als Pausensnack verspeist. Mit Platon war er im Stripteaselokal.

Er hat Gebrauchsanweisungen für das Leben geschrieben und erklärt, wie man eine Doktorarbeit schreibt. Er hat alle Leser von Büchern dazu aufgefordert, mit Witz und Lust bei der unendlichen Fertigstellung der Texte mitzuarbeiten. Und er hat ihnen auf die Finger geklopft, wenn sie sich dabei nicht an das gehalten haben, was ihnen die Textur des Textes an Bedingungen und Möglichkeiten vorgibt.

Um die Offenheiten und die Grenzen der Interpretation zu erklären, hat Umberto Eco eine ganze Reihe wissenschaftlicher Bücher geschrieben. Die sind so schwer, dass Chuck Norris in die Knie geht, wenn er sie aus dem Regal zieht. Wenn Eco wollte, konnte er durch kleine Glossen und Textstückchen auf Streichholzbriefen tänzeln. Er brillierte in der Zeitung, im Radio und im Fernsehen mit pointierten Statements. Aber als Großmeister der Zeichentheorie argumentierte er in seinen akademischen Büchern so komplex, dass sich selbst Kollegen in ihnen verlaufen wie in jener berühmten labyrinthischen Bibliothek, die den Mönchen in Der Name der Rose zum Verhängnis wird.

Dieser Roman, der Eco 1980 weltweit als Super-Schriftsteller bekannt gemacht hat, ist letztlich nichts anderes als eine Fortsetzung der Fachwissenschaft mit anderen Mitteln. Es ist ein Erklärbuch für die Verwobenheit aller Texte, die Inkommensurabilität aller Bedeutungen, das unendliche Spiel der Zeichen, dem aber doch Gesetzmäßigkeiten zugrunde liegen, die man detektivisch erfassen kann.

Nach zwei Eco-Romanen gleich zur Bachelor-Prüfung

Wer William von Baskerville und seinem jungen Gehilfen Adson von Melk nur aufmerksam genug bei Suche nach dem Mörder durch ein Benediktiner-Kloster des 14. Jahrhunderts gefolgt ist, der war eben nicht nur von einem Kriminalroman gefesselt. Man konnte sich auch gleich die Grundkurse in Mediävistik, Semiotik und Ästhetik der Postmoderne sparen. Heute kann man sich nach der Lektüre von zwei Eco-Romanen wahrscheinlich gleich zur Bachelorprüfung melden. Wer das spielerische, alles mit allem verknüpfende Prinzip der insgesamt sieben Erfolgsromane verstanden und auch noch Ecos Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten gelesen hat, dürfte dann dementsprechend gleich ins Graduiertenkolleg durchgewunken werden.

Nicht mal Chuck Norris kann überblicken und abschätzen, wie grundsätzlich Umberto Eco mit all dem die Figur des Gelehrten modernisiert hat. Man darf sich das italienische Universitätssystem, in das Eco in der Mitte des letzten Jahrhunderts eingetreten ist, nicht als Spielwiese für Freigeister vorstellen. Er hatte es mit einer altehrwürdigen Institution zu tun, in der man sich dem überlieferten Wissen und ihren Würdenträgern als Autoritäten bedingungslos zu unterwerfen hatte.

Eco hat es nicht getan und sich stattdessen über die Prämissen jener ästhetischen Moderne mit Energie versorgt, die sich dem Spiel und nicht dem Kampf verpflichtet sah. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass er den Umweg durch die Wohnzimmer neo-avantgardistischer Intellektuellenzirkel, die Produktionsräume von Fernsehsendern und die Lektorenbüros von Publikumsverlagen nehmen konnte, bevor er als Lehrer und Forscher wieder in der Universität ankam.