Das Wesen des Dings ist es, dass es nicht nur ein Ding sein kann, sondern auch die Idee eines Dings und dazu noch ein ganz anderes Ding, das man grad vergessen hat. Somit ist das Ding vielleicht das vielseitigste Ding der Menschheitsgeschichte. Das muss man so großsprecherisch schreiben, sonst würde man dem Buch nicht gerecht, das sich dem Ding und seinen Dinglichkeiten verschrieben hat.

Eins von hundert wichtigen Dingen: die Pflanze © Mischa Lorenz/Hatje Cantz

Es heißt Die 100 wichtigsten Dinge, herausgegeben hat es das Institut für Zeitgenossenschaft (IFZ). Was offiziell klingt. Nach Forschung, Erhebungen, Statistik, doch "die Zeitgenossenschaft ist die erste und einzige Wissenschaft, die gänzlich außerhalb von traditionellen akademischen Institutionen praktiziert wird". Das IFZ ist ein Zusammenschluss aus Musikern der Düsseldorfer Elektro-Pop-Band Susanne Blech, Schauspielern und Fotografen, alle Schreiber im weitesten Sinne. Nach 1980 geboren, studiert und ihren eigenen biografischen Angaben zufolge sehr schlau, mit unveröffentlichten Dissertationen über James Joyce und Ludwig Wittgenstein, Abschlussarbeiten über Helene Hegemann, Richard Wagner und das deutsche Rentensystem, als Entdecker des Neonrealismus. Was großen Spaß verspricht, der das Buch ist.

Das weiß das IFZ aber auch, wie das 87. Ding thematisiert. Gleich hinter Cigarette und vor Brosche (das Buch beginnt bei Z, bei Zeiger) steht da über das Buch: "Schon bevor es Bücher gab, wurden die Dinge erforscht, jedoch erst mit der Entstehung des Buches konnte dieses sich selbst als Ding entdecken. Die Erforschung der Dinge machte das Buch notwendig. Erst in Büchern konnten die Dinge übersichtlich geordnet und einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. In dieser Angelegenheit avancierte das Buch schnell zum wichtigsten aller Dinge. […] Zum jetzigen Zeitpunkt der Forschung muss das Buch Die 100 wichtigsten Dinge als das wichtigste bezeichnet werden. Wer etwas anderes behaupten möchte, muss dies ebenfalls in einem Buch tun."

Die Hürde ist groß. Eine Gegenrede in Buchform, das kriegt heute kaum noch einer hin. Wahrscheinlich wird Die 100 wichtigsten Dinge auf ewig das wichtigste Buch und damit das wichtigste Ding bleiben. Das haben sie schlau angestellt, die Dingliebhaber vom IFZ.

In Die 100 wichtigsten Dinge schreiben nun Claudius Seidl, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, über die Serviette, sein ehemaliger Kollege Nils Minkmar, heute beim Spiegel, über den Stecker und Peter Richter von der Süddeutschen Zeitung über das Styropor (warum ausgerechnet die Journalisten Dinge mit dem Anfangsbuchstaben S gewählt haben, ist nicht bekannt).

Katja Eichinger sinniert über eine Liege von Le Corbusier mit Kuhfellbezug, die sie sich gekauft hat, weil sie Erinnerungen an die gute Stube ihrer Großeltern weckt, wo das Kuhfell der Ausnahmekuh Gloria in einem Bilderrahmen hing, man selbst aber im Kuhstallwohnzimmer sitzen musste, welches so hieß, weil ihr Onkel dort mittags in Kuhstallkleidung sein Schläfchen hielt, während die kleine Katja heimlich Die Blechtrommel von Volker Schlöndorff schaute und hoffte, dass weder Onkel noch Teddy Hermann mitkriegen würden, was dieser Oskar Matzerath da in der Umkleidekabine mit Maria anstellt.

Ebenfalls äußerst wichtig: Feuer © Mischa Lorenz/Hatje Cantz

Der Leitspruch des IFZ lautet "Saeculum lucis et veritatis", das Zeitalter des Lichts und der Wahrheit. Das mit dem Licht kann man gelten lassen, wenn ein namenloser Autor über die Cigarette sinniert: "Wer raucht, hat recht. Wer Cigaretten raucht, hat Zeit. Heute wird immer weniger geraucht, dafür haben alle gleichermaßen recht. Wenn aber keiner mehr richtig recht hat, hat auch keiner mehr Zeit. Wer so lange raucht, wie er lebt, hat Glück, denn er hat die meiste Zeit seines Lebens geraucht. §1 der Statuten des Instituts für Zeitgenossenschaft IFZ besagt: Entweder man raucht, oder man kauft den Rauchenden die Cigaretten."

Solche Miniaturen treiben noch den militantesten Nichtraucher in den nächsten Kiosk. Oder wenn Tom Kummer lakonisch dem Tennisschläger von Björn Borg begegnet, der der Letzte gewesen sei, der die Massen erregte – "und den Tennisschläger als ästhetisierte Denkweise feierte". Über den Interviewfälscher Kummer steht im Personenindex dann nur: "Autor. Tennisschläger-Experte. Über ihn ist nichts bekannt."