Allein der Name ist schon so super: Anna Haifisch. Zack! Geboren wurde sie 1986 in Leipzig, dort hat sie auch studiert und heute ihr Atelier. Anna Haifisch zeichnet Comics, undergroundiges Zeug, in dem nicht viel passiert, aber das ganz gut. Wo sich Frösche auf Partys besaufen und zwei Skater in eine gruselige Aufzuchtstation für E-Gitarren geraten, wo ein Typ von seinem Nintendo verarscht wird und später als Aushilfe im Supermarkt einen Hippie aus dem Müllcontainer verjagen muss, wo ein Kung-Fu-Kämpfer – ein Hase – sich mit einem verwitweten Oktopus anfreundet.

 Kurzgeschichten sind das alles, kürzlich ist Anna Haifischs erstes längeres Comic bei rotopolpress erschienen: Von Spatz. Ein weiterer guter Name ist das, wie ein Nazi-Charakter aus einem US-Exploitation-C-Movie aus den siebziger Jahren. In Wirklichkeit sind die von Spatzs alter österreichischer Adel, 1938 nach dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland in die USA emigriert. Dort gründeten sie das Von Spatz Rehab Center, das die gealterte Hippie-Tochter Margarete mit viele Liebe leitet.

Das Von Spatz ist eine Nervenheilanstalt für ausgebrannte Comiczeichner. Ein lockeres Ensemble aus modernistischen Kuben mit viel Glas, viel Licht, viel Ruhe und viel Zeit zum Zeichnen. Dazwischen gibt es Gruppentherapiesitzungen und, klar, auch mal eine Portion Tavor.

"Wenn man so die ganze Zeit vor sich hin zeichnet, dann bleiben die Lows nicht aus", sagt Anna Haifisch: "Vor mir erscheinen dann immer die Bilder von Lindsay Lohan mit Fußfessel und Elektrozigarette in LA oder von Rockstars in der Betty Ford Klinik. Ich habe da einen liebevollen Blick drauf – warum, weiß ich auch nicht." Weil sie aber nicht über sich selbst eine Geschichte schreiben wollte, lieferte Haifisch eben Walt Disney in die Nervenklinik ein: Als große dünne Gans mit Schnauzer und enormem Cowboyhut erscheint er bei ihr. Ausgebrannt wird Walt in seinem Zimmer vorgefunden, buchstäblich nur noch eine leere Hülle. "Als ich hier eingeliefert wurde, wog ich nicht mehr als eine Katze", notiert er über seine Ankunft im Von Spatz.

In vielen kurzen Episoden erzählt Anna Haifisch von Walts Therapie, seinen Fortschritten, Sinnkrisen und Albträumen; von inneren Monologen in Haikuform, einer Sonnenfinsternis oder auch von den ganz unterschiedlichen Interpretationen der Aufgabe "Zeichnet eine Geschichte mit einem Eimer, einer Meise und einem Wiesel mit einem lustigen Hut". Neben Gans Walt sind nämlich noch zwei weitere Comicgrößen des 20. Jahrhunderts bei Margarete von Spatz in Behandlung: die weiße Maus Tomi (Ungerer) und der Kater Saul (Steinberg).

Der surreale Sound ist die besondere Qualität von Von Spatz, er gibt dem recht strapazierten Grundthema Krisenanfälligkeit des zarten Künstlerwesen den richtigen Dreh. Wie in einem Aquarium bewegen sich Walt, Saul und Tomi durch das Rehab Center und ihre Stille wirkt nachgerade beruhigend, als hätte Margarete von Spatz uns Lesern ebenfalls ein paar sedierende Tabletten gegeben. "Einer der Pinguine wollte, dass ich ihn mit einem Hering ohrfeige", notiert Walt über den Pinguindienst der Insassen. Beim Kneteregal im Kunstbedarfsladen taucht plötzlich die Comicfigur Doraemon auf. Und immer mal wieder liegt irgendwo eine Ananas herum.