Zu den rätselhaften Phänomenen der Literatur gehören die BestsellerWarum ist gerade dieses Buch erfolgreich? Wieso stehen Menschen in Buchläden dafür Schlange? Was hat es, was andere nicht haben? In unserer Kolumne "Die kommentierte Ausgabe" suchen wir regelmäßig eine Erklärung.

Mit der Welt ist das bekanntlich so: Die Männer lassen sich in einer Tour von superattraktiven Blondinen mit schmalen Taillen und großen Brüsten blenden. Das ist blöd für ziemlich viele andere Frauen, denen derartige Reize fehlen und die womöglich noch nicht mal in der Lage sind, ihren Hintern beim Gehen verführerisch schwingen zu lassen, weil sie eher ein bisschen zur Tapsigkeit neigen. Einerseits.

Anderseits verbindet diese vielen nicht mit Idealmaßen gesegneten Frauen etwas anderes: Solidarität und Herzenswärme. So empfindet es zumindest Ildikó von Kürthy. "Mein Eindruck ist, dass Frauen einander viel näher kommen, weil sie ihre Schwächen zeigen, ihre Zweifel zur Diskussion freigeben, ihre Ängste bekennen und untereinander Gespräche führen, in denen es um sie selbst geht und nicht um die neueste Smartphone-App oder einen schwachsinnigen Schiedsrichter, der das Abseits nicht gepfiffen hat." 

Ildikó von Kürthy hat das Fundament für ihren neuen Bestseller Neuland dadurch gegossen, dass sie uns anderen Frauen vollends solidarisch und vertraulich von ihren Schwächen erzählt. Abends gemütlich im Sessel ein paar  Chips knabbern, lieber gemütliche als elegante Klamotten tragen, die kneifen auch weniger an der Hüfte. Die Frisur, naja, fragen Sie lieber nicht. Ildikó von Kürthy ist eben eine von uns. (Eine absolut notwendige Eigenschaft, wenn man Bestsellerautorin werden will.)

Nun ist es aber so, dass frau jenseits der vierzig dennoch unruhig wird. Müsste man sich nicht doch noch mal verändern? Schlanker werden? Bewusster und selbstbewusster? Männeranlockender? Ein Jahr lang hat Ildikó von Kürthy alle denkbaren Formen der Selbstoptimierung durchprobiert: Coachings, Schweigekloster, Fitnessurlaub, Ernährungskurse, schließlich Botox, Blondierung und Haarverlängerung, Fettvereisung.

Ob sie nun ein besserer Mensch werden, zu sich selbst finden oder einfach nur ein bisschen attraktiver werden will, gerät relativ schnell ein wenig durcheinander. Aber damit trifft sie natürlich ziemlich genau den Motivationsmix, der den meisten Versuchen von Selbstoptimierung, oder, wie es mittlerweile heißt, der neuen Achtsamkeit zugrunde liegt.

Damit das Buch lustig wird – die sympathische Frau ist immer auch die muntere –, ereignen sich während der Verwandlungsversuche verschiedene Zwischenfälle, von der kleinen Ungeschicklichkeit bis zur größeren Katastrophe (Obacht beim Blondieren!). Damit es gesellschaftskritisch wird, gibt von Kürthy zudem ein paar Einblicke in die Schönheitstricks der Prominenten, zu denen sie als Bestsellerautorin ja auch irgendwie ein bisschen gehört. Die kochen, erfahren wir, auch nur mit Wasser, beziehungsweise schummeln und botoxen, was das Zeug hält. Notfalls muss Photoshop ran. Für diese Erkenntnis gewinnt man nun keinen Investigativpreis. Aber sei es drum.