Der Schriftsteller Guntram Vesper (undatierte Aufnahme) © Volker Poland/Verlag Schöffling & Co./dpa

Vielleicht ist – beinahe – das Einzige, was man gegen die diesjährige Entscheidung zum Preis der Leipziger Buchmesse vorbringen kann, dass sie einfach zu stimmig ist. Mit Guntram Vesper ist ein Schriftsteller ausgezeichnet worden, der 1941 in eben jenem Frohburg geboren wurde, dem er sich in seinem Schreiben seit Jahren immer wieder annähert, um das er nachgerade manisch, im Aufgreifen und Variieren ähnlicher, mitunter gleicher oder auch im Ausgraben neuer Episoden und Dokumente, kreist. Frohburg – so auch der Titel seines nun prämierten Romans – ist ein Ort, den Vesper in seiner Jugend verlassen und mit ihm seine Kindheit hinter sich lassen musste, weil seine Eltern 1956 in den Westen emigrierten. Und Frohburg ist – das ist im Zusammenhang dieser Buchmesse auch nicht unwesentlich – ein Ort, der nur wenige Kilometer entfernt von Leipzig liegt. Auch eine Stadt wie Clausnitz also ist freilich nicht weit.

Vespers monumentaler, mehr als tausend Seiten umfassender Roman sticht also mittenhinein in eine Gegend, über die uns dieser Tage vor allem hässliche Nachrichten erreichen. Diesem Teil Deutschlands, der mehr als die übrigen aus der Bahn geworfen zu sein scheint, in dem die Sprache vieler Menschen zu Ressentiment geladenen Parolen verkommen ist, setzt Vesper eine maßlose Feier der Sprache und des Erzählens entgegen. Wie der Einzelne in den Strömen des Verbrechens – des politischen, aber auch des individuellen – steht, wie er zum Involvierten, zum Opfer, vielleicht sogar zum Täter wird, ist die Frage, die Vesper immer wieder stellt, ohne sie letztlich beantworten zu können. Aber in diesem Sinne ist Frohburg, auch wenn er von Historischem erzählt, natürlich ein hochaktueller Roman, dessen poetologisches Prinzip unmittelbar danach drängt, es auf die Gegenwart zu übertragen.

Zudem ist der Roman eine Feier der Buchkultur selbst: Immer wieder treibt es Vespers bibliophilen Erzähler in Antiquariate, wo er nach den Bruchstücken unseres kulturellen Gedächtnisses sucht, und dabei natürlich auch nach Hinweisen darauf, worauf seine eigene Biografie fußt. Wo komme ich her, wo kommen wir her, das sind Fragen, die Guntram Vesper seit Jahrzehnten umtreiben. Dass er, der einer breiteren Leserschaft kaum bekannt sein dürfte, nun nicht mit seinen auf Reduktion setzenden, fein geschliffenen Prosastücken oder seinen Gedichten einen so öffentlichkeitswirksamen Preis gewinnt, sondern mit einem beinahe inkommensurablen Roman, kann man ganz sicher auch als programmatische Entscheidung der Jury verstehen. Sie fordert die Leser und Leserinnen heraus.

Mancher wird zweifelsohne anmerken, dass man Frohburg auch als eine Art Komplementärentscheidung zum vergangenen Gewinner des Deutschen Buchpreises lesen kann. Hat dort mit Frank Witzels Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 ein großer BRD-Roman gewonnen, dann ist Guntram Vespers Frohburg – auch wenn der Roman ästhetisch so ganz anders ist – ebendies für die DDR. So ganz kann sich die Jury wohl nicht gegen den Hinweis wehren, dass sie dem Frankfurter Preis nicht nachstehen wollte, über den man so staunte, weil er nicht einen Außenseiter prämierte, sondern einen Roman, der für das Massenpublikum vermeintlich als unlesbar galt. Aber eben doch gelesen wurde, wie die Verkaufszahlen beweisen. Wenn das keine fabelhafte Jury-Mission ist. Und warum die also nicht, in ähnlicher Form, wiederholen.

Überhaupt: Was hätte die Jury tun sollen? Einen Bestseller-Autor wie Heinz Strunk auszeichnen, auch wenn sein Roman Der goldene Handschuh grandios ist? Das hätte Schelte gegeben. Marion Poschmanns fein gearbeitete Landschaftsgedichte ehren? Das wäre belächelt worden, weil die Revolution doch schon im vergangenen Jahr stattgefunden hat, als statt der üblichen Prosa Jan Wagners Lyrikband Regentonnenvariationen den Preis der Leipziger Buchmesse gewann. Roland Schimmelpfennig wäre ganz einfach eine falsche Entscheidung gewesen. Aber was ist mit Nis-Momme Stockmann? Sein Debüt Der Fuchs ist ein von Fantasie überschießendes, am Erfindungsreichtum des Autors nahezu trunkenes Buch, sowohl Adoleszenzroman als auch mythologische Tiefenbohrung, Science-Fiction-, Horror- und Liebesgeschichte, und alles in einem apokalyptisch gefluteten Dorf an der Nordsee. Ein durchaus preiswürdiges Buch.

Dennoch. Dass Guntram Vesper in diesem Jahr beinahe für eine Art Lebenswerk prämiert wird, kann am Ende nur versöhnlich stimmen.