Besucher laufen am Samstag über eine Treppe in der Glashalle auf der Leipziger Buchmesse. Bis zum 20. März werden über 250.000 Besucher und mehr als 2.500 Journalisten erwartet. © Jan Woitas/dpa

ZEIT ONLINE: Hat angesichts der politischen Umstände diese Buchmesse in Leipzig eine andere Bedeutung als in den Jahren zuvor?

Katja Krause (Der Audioverlag, Programmleitung): Ich weiß nicht, worauf diese Frage abzielen soll. Auf Facebook schrieb mir ein Kollege allen Ernstes, er überlege wegen des Wahlerfolgs der AfD in Sachsen-Anhalt die Leipziger Buchmesse zu boykottieren. Das ist natürlich Blödsinn. Soll ich jetzt den ganzen Osten in Sippenhaft nehmen? Die Leipziger Buchmesse ist toll und wichtig. Politische Erziehung allerdings kann hier nicht geleistet werden.

ZEIT ONLINE: Aber denkt man denn angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen darüber nach, das eigene Schreiben zu verändern?

Friedrich Ani (Schriftsteller): Ich ändere mein Schreiben nicht wegen politischer Vorgänge. Wenn ich Glück und meine Augen und Ohren rechtzeitig gut aufgesperrt habe, finden sich aktuelle Strömungen von Haus aus zwischen den Sätzen oder in ihnen.

ZEIT ONLINE: Können Bücher denn in politischen Krisensituationen helfen?

Karsten Kredel (Hanser Berlin, Verleger): Ich weiß nicht, ob sie das wirklich können. Eher ist es umgekehrt. In solchen Zeiten entstehen andere Bücher, weil es andere Stoffe gibt. Und die will man dann natürlich verlegen. Zum Beispiel Anleitung für eine Revolution von Nadja Tolokonnikowa, einer der Pussy-Riot-Mitbegründerinnen.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns vielleicht etwas grundsätzlicher anfangen: Wozu das alles hier?

Lina Muzur (Aufbau Verlag, Programmleitung): Das frage ich mich auch gerade. Lesen ist doch eigentlich so etwas Intimes. Ein Buch ist ein Freund, den man mit ins Bett nimmt, mit dem man Zwiesprache hält. Aber plötzlich kann jeder über ein Buch sprechen, jeder kann daran herumkritisieren. Die Autoren müssen sich immerzu präsentieren. Ich hoffe, dass mir der Sinn für das, was Literatur eigentlich ist, nicht verloren geht.

ZEIT ONLINE: Was ist Literatur denn eigentlich? Warum soll man überhaupt lesen?

Sandra Heinrici (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Programmleitung): Weil Bücher überraschen können, unterhalten können, Fokus und Wahrnehmung verändern, sämtliche Erwartungen gegen den Strich bürsten können. Und weil sie Leben retten können. Und Geheimnisse bewahren.

ZEIT ONLINE: Klingt großartig. Da muss man sofort an die Liebe denken. Warum schreibt man immer und immer wieder über die?

Nora Bossong (Schriftstellerin): Damit man nicht über die FDP schreibt. Nein, ernsthaft: Weil man endlich verstehen will, was man nicht verstehen kann.

ZEIT ONLINE: Viel schwieriger natürlich die Frage: Wie schreibt man über die Liebe?

Michael Kumpfmüller (Schriftsteller): Indem man sie lebt.

ZEIT ONLINE: Bei Liebe fällt uns irgendwie doch schon wieder das Thema Krise ein. Steckt die Literatur in einer Krise?

Oliver Vogel (S. Fischer Verlag, Programmleitung): Die Krise ist seit jeher ein Grundgefühl der Literatur. Aber das ist natürlich alles Melancholiequatsch. Literatur hat nichts mit Befindlichkeiten zu tun. Genauso wenig halte ich übrigens vom Konzept des Talents.

ZEIT ONLINE: Da sind wir beruhigt. Aber die Verlage selbst, mit welchen Problemen haben die heute vor allem zu kämpfen?

Elisabeth Ruge (Literaturagentin): Mit so einigen, darunter auch selbst gemachten wie der berüchtigten Spitzentitel-Tunnel-Vision. Und auch mit solchen, die eigentlich gar keine sind: zum Beispiel der digitalen Technologie. 

ZEIT ONLINE: Der Tropen Verlag, der mittlerweile zu Klett-Cotta gehört, bewältigt diese Herausforderungen nun seit 20 Jahren. Über zwei Jahrzehnte können wir hier nicht sprechen. Wie haben Sie denn das vergangene Jahr erlebt?

Michael Zöllner (Klett-Cotta, Verleger): Ich habe mit Sorge beobachtet, wie die Politik von der Verlagsszene weggerückt ist. Das ist ja ein traditionell enges Verhältnis. Die angedachten Veränderungen zur Urheberrechtsnovelle und zur VG-Wort-Ausschüttung hätten die Verlage sehr beschädigt. Zum Glück liest man jetzt wieder bessere Nachrichten.

ZEIT ONLINE: Hoffen wir, dass es bei denen bleibt. Hier in Leipzig soll aber ja ohnehin erst mal gefeiert werden. Die Jubiläumsparty zum Beispiel. Wie war denn die?

Joachim Otte (Literarischer Salon, Hannover): In diesem Jahr übertraf sich die Tropen-Party – Expertin der Eskalation von Lärm, Enge, Fülle – selbst. Diesmal war es so absurd, dass das Dortsein zu einer ebenso kurzen wie transzendenten Erfahrung geriet. Als Feier ist das Quatsch, als Lebendinstallation großartig. Die Tropen-Party 2016 ist Kunst, ich bitte die documenta, das zu berücksichtigen.

ZEIT ONLINE: Klingt nach einem lustigen Abend. Fehlt es eigentlich den deutschen Lesern an Humor?

Abbas Khider (Schriftsteller): Überhaupt nicht! In meinen Büchern, wie jetzt in Die Ohrfeige, geht es immer auch um schwierige Themen, um Flucht, um Gewalt, um Folter. Aber es gibt immer auch viel Witz darin. Den lieben die Leute besonders. Diese Leichtigkeit ist wichtig. Obwohl es natürlich einige Kritiker gibt, die große Verfechter von Langeweile sind.

ZEIT ONLINE: Apropos Schriftsteller. Schreiben hässliche Schriftsteller besser als schöne?

Anna Jung (Jung und Jung Verlag, Presse): Auf jeden Fall. Hässliche Menschen können viel besser beobachten. Man hat natürlich den Eindruck, dass es die schönen Schriftsteller sind, die Erfolg haben. Das liegt aber nur daran, dass uns immerzu Bilder von strahlenden, attraktiven Schriftstellern präsentiert werden. Früher durften Autoren noch hässlich sein … Moment mal, vielleicht streichen Sie das lieber. Ich glaube, ich verzettel mich hier gerade total.

ZEIT ONLINE: Das macht doch nichts. So geht uns schließlich allen manchmal. Versuchen wir also mal, ein bisschen Ordnung in die Sache zu bringen. Lesen Frauen anders als Männer?

Thomas Pletzinger (Schriftsteller): Wenn man den Statistiken glauben darf, dann schon. Die leidenschaftlichen Romanleser sind demnach ältere Frauen. Der Statistik zufolge bin ich also eine 65-jährige Frau.

ZEIT ONLINE: Irgendwie haben wir das schon immer geahnt. Und wie steht es um Ost und West? Gibt es da Unterschiede im Leseverhalten?

Andreas Lehmann (Das Magazin, Herausgeber): Die Ossis – ich bin ja selbst einer – lesen in der Regel viel mehr hinein in einzelne Texte. Natürlich nur die Menschen, die noch in der DDR groß geworden sind, weil Bücher dort potenziell immer auch versteckte politische Botschaften mit transportieren konnten. Ist natürlich nicht immer sinnvoll, das mit dem Hineinlesen. Viele Ostler haben deshalb lange gebraucht, um das Prinzip Werbung zu verstehen. Manche sagen wahrscheinlich immer noch, wenn sie Werbung sehen: "Versteh ich nicht, warum soll ich denn jetzt ein anderer Mensch werden, nur weil ich ein anderes Shampoo benutze?"