ZEIT ONLINE: Hat angesichts der politischen Umstände diese Buchmesse in Leipzig eine andere Bedeutung als in den Jahren zuvor?

Katja Krause (Der Audioverlag, Programmleitung): Ich weiß nicht, worauf diese Frage abzielen soll. Auf Facebook schrieb mir ein Kollege allen Ernstes, er überlege wegen des Wahlerfolgs der AfD in Sachsen-Anhalt die Leipziger Buchmesse zu boykottieren. Das ist natürlich Blödsinn. Soll ich jetzt den ganzen Osten in Sippenhaft nehmen? Die Leipziger Buchmesse ist toll und wichtig. Politische Erziehung allerdings kann hier nicht geleistet werden.

ZEIT ONLINE: Aber denkt man denn angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen darüber nach, das eigene Schreiben zu verändern?

Friedrich Ani (Schriftsteller): Ich ändere mein Schreiben nicht wegen politischer Vorgänge. Wenn ich Glück und meine Augen und Ohren rechtzeitig gut aufgesperrt habe, finden sich aktuelle Strömungen von Haus aus zwischen den Sätzen oder in ihnen.

ZEIT ONLINE: Können Bücher denn in politischen Krisensituationen helfen?

Karsten Kredel (Hanser Berlin, Verleger): Ich weiß nicht, ob sie das wirklich können. Eher ist es umgekehrt. In solchen Zeiten entstehen andere Bücher, weil es andere Stoffe gibt. Und die will man dann natürlich verlegen. Zum Beispiel Anleitung für eine Revolution von Nadja Tolokonnikowa, einer der Pussy-Riot-Mitbegründerinnen.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns vielleicht etwas grundsätzlicher anfangen: Wozu das alles hier?

Lina Muzur (Aufbau Verlag, Programmleitung): Das frage ich mich auch gerade. Lesen ist doch eigentlich so etwas Intimes. Ein Buch ist ein Freund, den man mit ins Bett nimmt, mit dem man Zwiesprache hält. Aber plötzlich kann jeder über ein Buch sprechen, jeder kann daran herumkritisieren. Die Autoren müssen sich immerzu präsentieren. Ich hoffe, dass mir der Sinn für das, was Literatur eigentlich ist, nicht verloren geht.

ZEIT ONLINE: Was ist Literatur denn eigentlich? Warum soll man überhaupt lesen?

Sandra Heinrici (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Programmleitung): Weil Bücher überraschen können, unterhalten können, Fokus und Wahrnehmung verändern, sämtliche Erwartungen gegen den Strich bürsten können. Und weil sie Leben retten können. Und Geheimnisse bewahren.

ZEIT ONLINE: Klingt großartig. Da muss man sofort an die Liebe denken. Warum schreibt man immer und immer wieder über die?

Nora Bossong (Schriftstellerin): Damit man nicht über die FDP schreibt. Nein, ernsthaft: Weil man endlich verstehen will, was man nicht verstehen kann.

ZEIT ONLINE: Viel schwieriger natürlich die Frage: Wie schreibt man über die Liebe?

Michael Kumpfmüller (Schriftsteller): Indem man sie lebt.

ZEIT ONLINE: Bei Liebe fällt uns irgendwie doch schon wieder das Thema Krise ein. Steckt die Literatur in einer Krise?

Oliver Vogel (S. Fischer Verlag, Programmleitung): Die Krise ist seit jeher ein Grundgefühl der Literatur. Aber das ist natürlich alles Melancholiequatsch. Literatur hat nichts mit Befindlichkeiten zu tun. Genauso wenig halte ich übrigens vom Konzept des Talents.

ZEIT ONLINE: Da sind wir beruhigt. Aber die Verlage selbst, mit welchen Problemen haben die heute vor allem zu kämpfen?

Elisabeth Ruge (Literaturagentin): Mit so einigen, darunter auch selbst gemachten wie der berüchtigten Spitzentitel-Tunnel-Vision. Und auch mit solchen, die eigentlich gar keine sind: zum Beispiel der digitalen Technologie. 

ZEIT ONLINE: Der Tropen Verlag, der mittlerweile zu Klett-Cotta gehört, bewältigt diese Herausforderungen nun seit 20 Jahren. Über zwei Jahrzehnte können wir hier nicht sprechen. Wie haben Sie denn das vergangene Jahr erlebt?

Michael Zöllner (Klett-Cotta, Verleger): Ich habe mit Sorge beobachtet, wie die Politik von der Verlagsszene weggerückt ist. Das ist ja ein traditionell enges Verhältnis. Die angedachten Veränderungen zur Urheberrechtsnovelle und zur VG-Wort-Ausschüttung hätten die Verlage sehr beschädigt. Zum Glück liest man jetzt wieder bessere Nachrichten.

ZEIT ONLINE: Hoffen wir, dass es bei denen bleibt. Hier in Leipzig soll aber ja ohnehin erst mal gefeiert werden. Die Jubiläumsparty zum Beispiel. Wie war denn die?

Joachim Otte (Literarischer Salon, Hannover): In diesem Jahr übertraf sich die Tropen-Party – Expertin der Eskalation von Lärm, Enge, Fülle – selbst. Diesmal war es so absurd, dass das Dortsein zu einer ebenso kurzen wie transzendenten Erfahrung geriet. Als Feier ist das Quatsch, als Lebendinstallation großartig. Die Tropen-Party 2016 ist Kunst, ich bitte die documenta, das zu berücksichtigen.

ZEIT ONLINE: Klingt nach einem lustigen Abend. Fehlt es eigentlich den deutschen Lesern an Humor?

Abbas Khider (Schriftsteller): Überhaupt nicht! In meinen Büchern, wie jetzt in Die Ohrfeige, geht es immer auch um schwierige Themen, um Flucht, um Gewalt, um Folter. Aber es gibt immer auch viel Witz darin. Den lieben die Leute besonders. Diese Leichtigkeit ist wichtig. Obwohl es natürlich einige Kritiker gibt, die große Verfechter von Langeweile sind.

ZEIT ONLINE: Apropos Schriftsteller. Schreiben hässliche Schriftsteller besser als schöne?

Anna Jung (Jung und Jung Verlag, Presse): Auf jeden Fall. Hässliche Menschen können viel besser beobachten. Man hat natürlich den Eindruck, dass es die schönen Schriftsteller sind, die Erfolg haben. Das liegt aber nur daran, dass uns immerzu Bilder von strahlenden, attraktiven Schriftstellern präsentiert werden. Früher durften Autoren noch hässlich sein … Moment mal, vielleicht streichen Sie das lieber. Ich glaube, ich verzettel mich hier gerade total.

ZEIT ONLINE: Das macht doch nichts. So geht uns schließlich allen manchmal. Versuchen wir also mal, ein bisschen Ordnung in die Sache zu bringen. Lesen Frauen anders als Männer?

Thomas Pletzinger (Schriftsteller): Wenn man den Statistiken glauben darf, dann schon. Die leidenschaftlichen Romanleser sind demnach ältere Frauen. Der Statistik zufolge bin ich also eine 65-jährige Frau.

ZEIT ONLINE: Irgendwie haben wir das schon immer geahnt. Und wie steht es um Ost und West? Gibt es da Unterschiede im Leseverhalten?

Andreas Lehmann (Das Magazin, Herausgeber): Die Ossis – ich bin ja selbst einer – lesen in der Regel viel mehr hinein in einzelne Texte. Natürlich nur die Menschen, die noch in der DDR groß geworden sind, weil Bücher dort potenziell immer auch versteckte politische Botschaften mit transportieren konnten. Ist natürlich nicht immer sinnvoll, das mit dem Hineinlesen. Viele Ostler haben deshalb lange gebraucht, um das Prinzip Werbung zu verstehen. Manche sagen wahrscheinlich immer noch, wenn sie Werbung sehen: "Versteh ich nicht, warum soll ich denn jetzt ein anderer Mensch werden, nur weil ich ein anderes Shampoo benutze?"

"Der Mensch vergeht, das Tier bleibt"

ZEIT ONLINE: Wir haben auch mal ein wenig hineingelesen in die junge deutsche Literatur. Dystopien und Flüchtlingsgeschichten sind ja die zwei wesentlichen Strömungen.

Albert Henrichs (S. Fischer, Lektor): Das liest man derzeit ständig. Aber es ist das Feuilleton selbst, das diese Trends macht. Ich bin froh, dass die junge Literatur sehr viel vielfältiger ist.

ZEIT ONLINE: Die jungen Autoren und Autorinnen schreiben ja eh nur noch über ihre Eltern oder Großeltern.

Martin Becker (Schriftsteller): Das ist doch immerhin mal ein Thema mit Relevanz.

ZEIT ONLINE: Viel häufiger wird allerdings im Moment über Tiere geschrieben. Wieso um alles in der Welt das?

Jo Lendle (Hanser, Verleger): Der Mensch vergeht, das Tier bleibt. Wer über Menschen schreibt, schreibt über Individuen, beim Tier geht es eher um die Art, um das Prinzip Wolf, Fuchs etc. – als anschauliches, fremdes Gegenüber. Und putzig sind sie obendrein.

ZEIT ONLINE: Ach stimmt, die Vergänglichkeit. Fridolin Schley, Sie werden ja bald 40. Welches Buch sollte man auf jeden Fall vor diesem Geburtstag gelesen haben?

Fridolin Schley (Schriftsteller): Den Werther natürlich. Danach ist es zu spät.

ZEIT ONLINE: Und welches Buch sollte absolut jeder gelesen haben?

Beatrice Faßbender (Berenberg Verlag, Lektorin): Moby Dick!

ZEIT ONLINE: Auch nicht zu vernachlässigen: der Dreißigjährige Krieg. Was könnten wir von dem lernen?

Wolfgang Hörner (Galiani, Verleger): Dass die Spekulanten immer gewinnen. Hierzu Kürnberger lesen: Der Dreißigjährige und der Börsenkrieg.

ZEIT ONLINE: Was vor allem kleinere Verlage umtreibt, ist der Umstand, dass sie Schriftsteller und Schriftstellerinnen entdecken und aufbauen. Und irgendwann kommt dann ein großer Verlag, winkt mit Geld und wirbt den Autor oder die Autorin ab. Abbas Khider etwa ist gerade von der Edition Nautilus zum Hanser Verlag gewechselt. Wie geht es den Verlassenen?

Katharina Florian (Edition Nautilus, Presse): Das erfüllt gleichermaßen mit Traurigkeit und Stolz. Traurigkeit, weil man gern weiter miteinander und aneinander gewachsen wäre. Zudem schmerzt der persönliche Verlust. Und Stolz, weil man sich was getraut hat, weil man gemeinsam etwas Beachtliches geschafft hat. Na ja, und etwas Ärger ist da auch: Warum gibt's eigentlich keine Ablöse wie beim Fußball?

ZEIT ONLINE: Im Augenblick scheint vor allem Science Fiction und Fantasy im Trend zu liegen. Davon zeugt zum Beispiel, dass S. Fischer mit Tor im Sommer einen Verlag, der sich auf diese Genres spezialisiert hat, startet. Warum?

Andy Hahnemann (Tor-Verlag, Lektor): Weil eine Welt nicht genug und Realismus etwas für Langweiler ist.

ZEIT ONLINE: Literarische Klassiker dagegen haben es nicht so leicht, die Verkäufe sind rückläufig. Aber anstatt wieder einmal das Aussterben des traditionellen Bürgertums zu beklagen, für das die Lektüre von Klassikern selbstverständlich war, muss man neue Leserschichten begeistern. Warum also Klassiker lesen?

Horst Lauinger (Manesse, Verleger): Damit man sieht, dass man sich auch niveauvoll amüsieren kann.

ZEIT ONLINE: Wie steht es um Lesungen? Haben die in der Provinz eine andere Bedeutung als in Berlin?

Florian Höllerer (Literarisches Colloquium Berlin, Leitung): In Wirklichkeit besteht Berlin ja aus vielen kleinen Provinzen. Provinz dabei als etwas unbedingt Positives verstanden. Und jede dieser kleinen Provinzen hat ihren eigenen kleinen Literaturkosmos.

ZEIT ONLINE: Die Leipziger Messe ist vor allem ein Lesefestival. "Leipzig liest" hat mehrere Tausend Veranstaltungen in der ganzen Stadt organisiert. Viele Leute meinen dennoch, Lesungen seien langweilig und man könne ein Buch genauso gut oder noch besser zu Hause lesen.

Ursula Vogel (Literaturforum im Brechthaus, Leitung): Lesungen sind wahnsinnig bereichernd. Ganz einfach, weil man ja nicht nur den Autor dabei hat, sondern zumeist auch einen Moderator, der noch ganz andere Perspektiven auf ein Buch eröffnen und den Zuhörern die Metaebene erschließen kann. Man erfährt sehr viel mehr als bei der bloßen stillen Lektüre.  

ZEIT ONLINE: Wie sieht denn eine gelungene Veranstaltung aus? Lieber eine klassische Wasserglaslesung? Oder lieber die große Inszenierung?

Marie Claire Lukas (DuMont Verlag, Presse): Beide Formen können großartig sein. Das Entscheidende ist, dass der Autor oder die Autorin sich mit der Art der Veranstaltung wohlfühlt, dass diese stimmig ist. Erst dann kann sich das Publikum zurücklehnen und sich neue Facetten eines Buches erschließen lassen. Es gibt nichts Schlimmeres – für beide Seiten –, als wenn man nur die ganze Zeit darüber nachdenkt, wie unwohl sich gerade der Lesende dort oben fühlt.

ZEIT ONLINE: Auf der Messe müssen die meisten Schriftsteller von einer Veranstaltung, von einer Lesung zur nächsten hetzen. Shida Bazyar, Sie haben Ihren Debütroman Nachts ist es leise in Teheran auf der Buchmesse vorgestellt. Was war Ihr schönster Moment?

Shida Bazyar (Schriftstellerin): Als ich vor der Kamera interviewt wurde und jemand währenddessen hinter mir mein Buch klaute.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns zum Abschluss doch noch mal zum Anfang kommen. War das nicht doch eine besondere Messe in diesem Jahr?

Ekkehard Skoruppa (SWR, Leitung der Hörspielabteilung): Vor allem war es eine besonders wichtige Messe. Eine Viertelmillion Besucher sind hier gewesen, und hoffentlich haben möglichst viele von ihnen die zahlreichen politischen Veranstaltungen besucht, die es in diesem Jahr gab. Veranstaltungen, auf denen die richtigen Fragen gestellt worden sind, zum Flüchtlingsthema etwa. Nur wenn man sich diesen Fragen stellt, können wir eine offene Gesellschaft bleiben.