Literatur, so sagte es Thomas von Steinaecker in seiner Wiesbadener Poetikvorlesung, habe nicht nur die Aufgabe, die Gegenwart anschaulich zu analysieren, sondern auch ein Stück voraus, in die Zukunft zu weisen. In seinem neuen Roman Die Verteidigung des Paradieses gibt es harte, brutale, schwer zu ertragende Szenen. Szenen, die von Flüchtlingstrecks erzählen, von sogenannten Schleuser-Camps, in denen das Fehlverhalten der Insassen bestraft wird mit Schauhinrichtungen. Wobei das Fehlverhalten allein schon darin bestehen kann, sich zum falschen Zeitpunkt zu laut mit seinem Nebenmann zu unterhalten. Sicher, das ist nicht die Abbildung von Wirklichkeit, wie überhaupt kein deutschsprachiger Schriftsteller weiter von der bloßen Realitätsabbildung entfernt sein könnte als Thomas von Steinaecker (der dennoch Züge eines realistischen Autors trägt). Und doch treffen Darstellungen wie die in seinem Roman die Befindlichkeiten der Jetztzeit punktgenau.

Geschrieben hat von Steinaecker diese Passagen vor drei oder vier Jahren. Auf der ersten Lesung aus seinem Buch sagte von Steinaecker, dass es ihm heute, angesichts der Fernsehbilder aus den Flüchtlingscamps, gar nicht mehr möglich wäre, so etwas aufzuschreiben – anmaßend würde er sich dabei vorkommen, wenn nicht gar obszön.

Die Verteidigung des Paradieses ist ein überwältigend kluges, flirrendes, verwirrendes und vor allem hochliterarisches Buch. Eine Postapokalypse, eine Dystopie. Ein Genre, dessen sich die deutschsprachigen Autoren zurzeit verstärkt bedienen. Das sagt zum einen etwas aus über die gefühlte Krisenhaftigkeit der Epoche; zum anderen aber ist es ein Anzeichen dafür, dass von der E-Literatur bislang verschmähte Genres wie Science-Fiction, Horror oder Fantasy zumindest als Rohmaterial Eingang in die Texte finden.

Das Ausgangsszenario in von Steinaeckers Roman ist eine faule Idylle nach der Katastrophe: Deutschland ist zerstört. Unter einem Schutzschirm leben auf einer Alm in Bayern sechs Menschen (allein das ist schon ein heikles Wort) in einer Schicksalsgemeinschaft zusammen: Cornelius, der Anführer, ehemaliger Chef einer riesigen Fleischfabrik. Jorden, ein Ex-Söldner. Chang und Özlem, ein Paar, das vor dem Untergang irgendetwas mit Medien gemacht hat. Anne, eine gutmütige Alte, der gute Geist, die Fee der Alm. Und Heinz, der 15-jährige Ich-Erzähler des Romans, der im Alter von vier Jahren von Chang und Özlem am Straßenrand gefunden und gerettet wurde. Kurz darauf kommt noch das neu geborene Kind von Chang und Özlem hinzu. 

Elf Jahre nach der Katastrophe gerät das scheinbare Gleichgewicht ins Wanken: Die Schutzschirme fallen aus; Hitze, Regen und Sturm fegen ungehindert über die Alm; am Himmel kreisen Drohnen, Seuchen brechen aus. In Frankreich, so hatte es stets geheißen, existiere in großes Camp für Überlebende. Also bricht die nun siebenköpfige Gruppe auf zu einem Marsch durch ein finsteres Land. Man wird sehen, wie und wo sie letztendlich ankommt.

Sowohl Ernst als auch Spiel

Alles ist bei Thomas von Steinaecker mit allem verzahnt, alles hat einen doppelten oder dreifachen Boden. Der Schlüssel, um diesen so unterhaltsamen wie spannenden Roman aufzuschließen, liegt in der Sprache. Etwas stimmt nicht mit dem Duktus, in dem Heinz redet. Das bemerkt man schnell. 

Von Steinaecker ist ein Spezialist für die Überwindung von Genreabschottungen. Er macht Filme und schreibt Hörspiele. Gemeinsam mit der Künstlerin Barbara Yelin gestaltet er auf www.hundertvierzehn.de, der wunderbaren digitalen Spielwiese des S. Fischer Verlages, den Webcomic Der Sommer ihres Lebens. Er ist bewandert in bildender Kunst und neuer Musik. Seine Romane, Die Verteidigung des Paradieses ist sein fünfter, betreiben radikal die Auflösung von Grenzen. Es geht um nicht weniger, als den spielerischen Charakter von Literatur zu erhalten und gleichzeitig aber die Literatur als Instanz todernst zu nehmen.