Tief im Sumpf leben all die Tiere, denen man in freier Wildbahn niemals begegnen möchte. Alligatoren, Schlangen, wilde Hunde. Tom Coopers Debütroman führt genau dorthin. In die Barataria Bay, ein Labyrinth aus Inseln und Wasserwegen südlich von New Orleans, und in die Gemeinde Jeanette. Die Menschen dort leben vom Shrimpfang. Doch es gibt kaum noch Shrimps. Die Fänge werden kleiner, die schwere Arbeit auf den Booten lohnt sich nicht. Mit 50 Jahren sind die meisten Männer hinüber. Frauen kommen in diesem Milieu höchstens als Nebenfiguren vor. Es geht um Brüder, Freunde, Väter und Söhne.

Das Buch heißt Das zerstörte Leben des Wes Trench, doch eigentlich könnte man den Namen jeder Figur in den Titel setzen. Coopers Personal ist genauso kaputt wie die Landschaft, in der es lebt. "Rita, Gustav, Katrina, diese Stürme schienen die Apokalypse eingeläutet zu haben, doch die Ölpest war das eigentliche Ende." Durch die Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon flossen 2010 Hunderte Millionen Liter Öl ins Meer.

In kurzen Episoden nimmt Cooper seine Figuren wechselweise in den Blick. Ihre Wege kreuzen sich, die Sumpflandschaft ist ein Mikrokosmos, in dem jeder jedem irgendwann einmal begegnen muss. Niemand ist besonders gerne hier, doch es gilt der Grundsatz: einmal Sumpfratte, immer Sumpfratte. Hier kommt keiner so leicht raus.

In der Barataria Bay gibt es für jeden einen Schatz, dem er nachjagen kann. Der Sumpf ist die Projektionsfläche für alle möglichen Träume und Wünsche. Öl, Gold, Marihuana, Shrimps, das alles bietet die Bucht. Sie verspricht Reichtum, Glück oder einfach ein gutes Leben, für jene, die sich mit weniger zufriedengeben. Einer von ihnen ist der 17-jährige Wes Trench. Wie die anderen Männer in seiner Familie will er Shrimpfänger werden, auch wenn dieses Geschäft kaum Ertrag bringt. Wes ist der junge Hoffnungsträger der Geschichte. Die Frage ist, wie lange die Bucht ihm wohlgesinnt bleiben wird.

"Es dauerte nicht mehr lange, sagten die Alten in der Gemeinde, dann würde Jeanette eine Geisterstadt unter Wasser sein", heißt es am Ende des Romans. Doch das ist diese Gegend längst. Die Figuren schleppen sich mehr tot als lebendig durch die Bucht, manch eine von ihnen wähnt sich schon in der Hölle. Selbst die blassen Krabben, die Wes und sein Vater aus dem Wasser ziehen, wirken wie ihre eigenen Geister. Wer sich seinen Träumen und Illusionen hingibt, für den kann die Barataria schnell zu einer Albtraumlandschaft werden. Der Sumpf ist Heimat, Wahnsinn und Komplize. Er kann alles sein, weil jeder etwas anderes in ihm sieht.

Sprachlich beeindruckt Coopers Darstellung dieser geheimnisvollen Gegend. Da ist der mit Öl beschmierte Pelikan, der wie ein gequältes Kind schreit. Die Zypressenstümpfe, die wie eine Bande Kobolde höhnisch grinsen. Libellen, die wie Edelsteine glitzern. Oder die Ölplattformen, die man für Raumschiffe halten könnte. Cooper ist es gelungen, diese Landschaft in Louisiana mit fabelhaften Vergleichen lebendig werden zu lassen. Um das derbe Milieu der Shrimpfischer zu beschreiben, wählt er eine coole, harte Sprache. Man könnte Bingo mit den Schimpfwörtern spielen, die in diesem Buch vorkommen.

Dieser Reichtum an Facetten fehlt den Figuren in Das zerstörte Leben des Wes Trench. Sie entsprechen den starren Rollen, die Cooper für sie vorgesehen hat, und bleiben Karikaturen. Neben dem Hoffnungsträger Wes gibt es den tablettensüchtigen Lindquist mit dem Hakenarm, der dämliche Witze reißt und wie besessen nach einem Piratenschatz sucht. Meistens buddelt er nur billigen Modeschmuck aus. Was für Miguel de Cervantes' Don Quijote die Lektüre mittelalterlicher Ritterabenteuer waren, sind für Lindquist die Piratenbücher. Auch sein Wahn speist sich aus der Literatur. Er ist so ein Mann, den die Barataria fertiggemacht hat. Ein typisches armes Würstchen.

Als würde Cooper seinen Figuren charakterliche Ambivalenzen nicht zutrauen, verteilt er Vernunft und Unvernunft auf vier Schultern. Die Zwillingsbrüder Toup sind beide brutal, doch einer von ihnen muss den etwas vernünftigeren Part übernehmen. Das ist auch die Aufgabe von Cosgrove, der mit Hanson das zweite Zweiergespann des Romans bildet.

Die Toup-Zwillinge pflanzen auf einer der Inseln Marihuana an. Wie zwei Bluthunde streifen sie durch die Barataria und räumen jeden aus dem Weg, der ihrer Plantage zu nahe kommt. Cosgrove und Hanson erinnern an das Personal aus Kumpelkomödien wie Dumm und Dümmer und haben ein Glück, wie es nur Idioten haben können. Sie erfahren von der Insel der Zwillinge und finden sie. Was sie mit dem ganzen Marihuana machen wollen, haben sich Cosgrove und Hanson nicht überlegt. Ihr dilettantischer Versuch, die Beute zu verkaufen, ist lustig, weil er schiefgehen muss. In Coopers Roman gibt es beides: Albtraum und Komik. Man fragt sich jedoch, ob die komischen Effekte nicht auch mit etwas weniger flach gestalteten Figuren funktioniert hätten.

Lange jagen die Zwillinge den Falschen, sie glauben, dass Lindquist es auf ihre Plantage abgesehen hat, und schmuggeln deshalb einen Alligator in sein Schlafzimmer. "Er müsse wohl träumen, dachte er. Eine andere Erklärung gab es nicht. Aber er sprang aufs Bett, schaltete das Licht ein und kreischte wie ein Kastrat, als er sah, was er sah. Ein Alligator. Eins achtzig, zwei Meter. Ein verfluchter Alligator, in seinem Schlafzimmer." Trocken erzählt Cooper, wie der zugedröhnte Lindquist das Tier mit dem violetten Dildo seiner Frau bewirft. Diese Verwechslungskomödie ist allerdings nur so lange komisch, bis die Barataria Bay sich in ein blutiges Schlachtfeld verwandelt. Wer im Sumpf nicht dem Wahnsinn verfällt, wird gefressen.

Tom Cooper: "Das zerstörte Leben des Wes Trench". Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg. Ullstein, Berlin 2016; 384 S., 22 €.